Archiv der Kategorie: Übrige

Social Media für Verbände – Erfahrung von der Front

Spannender Austausch mit den Social Media Experten der Handelskammern und Wirtschaftsverbände im Rahmen von economiesuisse. Habe wieder viel gelernt und hoffe, dass auch meine Präsentation nützlich war.

Meine Erfahrungen – aus Swico-Sicht:

  • Am Anfang steht immer die Webseite
  • Content immer unter eigener Kontrolle behalten
  • Interne Zielgruppen nicht vernachlässigen
  • Social Media Kanal: Zielgruppe + Mehrwert + Eignung für typischen Content (-> weniger Kanäle bringen mehr!)
  • Statt zusätzliche Social Media Blog einsetzen
  • Corporate Blog: CEO Blog als «Labor»
  • Zusammenarbeit mit «klassischen» Medien nicht vergessen
  • Vernetzung aller Plattformen und Kanäle erhöht Reichweite und Effizienz
 SM Hub
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Zwar haben die Medien die vor zwei Wochen lancierte Werbekampagne wohlwollend aufgenommen, welche Maturandinnen davon überzeugen will, Informatik zu studieren (z.B. auch hier). In den Kommentaren bei den Publikumsmedien und auf Twitter war das Echo jedoch deutlich kritischer: Informatik sei sicher kein Traumberuf, da die Angestellten unter Dauerstress stünden, durch knappe Termine und unfähige Chefs geknüttelt würden und erst noch rund um die Uhr erreichbar sein müssten. Und einzelne dieser Kommentatoren gaben sich auch noch als arbeitslose Informatiker zu erkennen. Und sowieso würden alle Stellen ins billigere Ausland verschoben…

Lassen wir für einmal die zahlreichen Statistiken auf der Seite, welche die heutige und vor allem die zukünftige Unterversorgung mit Informatikern belegen. Stellen wir uns stattdessen die Frage: Was soll eine Kampagne, wenn a) das Branchen-Image zu Recht schlecht ist, und es b) angesichts von Arbeitslosen eher zu viele als zu wenige Informatiker hat?

Tatsache ist, dass heute gerade mal zwei von fünf Informatikern über eine entsprechende Ausbildung verfügen. Vor allem die boomende Finanzbranche war Ende des letzten Jahrhunderts verzweifelt auf der Suche nach Arbeitnehmern, die bereit sind umzusatteln. Selbst Detailhändler und Coiffeursalons (!) waren damals nicht vor der Abwerbung von Mitarbeitenden sicher. Und es sind heute vor allem Quereinsteiger ohne fundierte Informatikausbildung, die vom Stellenabbau bedroht sind, da sie oft nur in einem sehr spezifischen (kleinen) Gebiet Fachkenntnisse erworben haben.

Einige hundert arbeitslose Informatiker allein im Kanton Zürich sind daher kein Argument gegen die Kampagne, sondern eines dafür: Denn nur mit einer fundierten ICT-Berufs- oder -Hochschulbildung erwirbt man die erforderliche Flexibilität, um auch bei der übernächsten Technologiegeneration noch einen guten Job machen zu können.

Aber weshalb denn eine Kampagne, wenn es heute schon zu wenig offene Informatiklehrstellen bzw. zu viele Bewerber hat? Sollten da nicht die Unternehmen einfach einmal ihre Hausaufgaben machen?

In der Tat, bei der Berufsbildung haben wir kein Mengen-, sondern allenfalls ein Qualitätsproblem, denn für die anspruchsvolle vierjährige Informatiklehre wird ein guter Sek-A-Abschluss benötigt. Die Herausforderung liegt jedoch bei der akademischen Ausbildung: Universitäten und Fachhochschulen könnten schon heute mehr als doppelt so viele Studierende aufnehmen, ohne ihre Infrastruktur anpassen zu müssen. Darum richtet sich diese Kampagne in erster Linie an Mittelschülerinnen und -schüler, die für ein Informatikstudium motiviert werden sollen. Nicht um halbleere Hörsäle zu füllen, sondern weil diese Leute im Markt dringend gebraucht werden.

Aus Platzgründen kann ich hier auf weitere Zwischenrufe nicht im Detail eingehen. Wir sollten jedenfalls für die eingebrachte Kritik dankbar sein: Denn sie belegt, dass die Kampagne gesehen wird. Und sie ist so relevant, dass sie Reaktionen auslöst. Ungünstig wäre gewesen, wenn sie nur höflich-distanziertes Schulterklopfen ausgelöst hätte oder, noch schlimmer: Schweigen.

Interessenbindung: Ich bin persönlich hinter den Kulissen an den Arbeiten für die IT-Dreamjobs-Kampagne beteiligt, wovon folgende Parodie aus dem Hause Ergon zeugt:

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Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

Alles und doch nichts!

Als letzte Woche der Swiss Cloud Award verliehen wurde, ging der erste Preis in der Kategorie „Best Cloud Service Product“ an eine für KMU skalierbareSaaS-Lösung für Logistik- und Lagermanagement. Und in der Kategorie „Best Cloud Startup“ gewann eine Anwendung, mit der Meeting- und Büroräume ad hoc und bei Bedarf auch stundenweise ver- und gemietet werden können.

Beiden Preisträgern ist gemeinsam, dass die Lösungen aus dem reinen ICT-Universum ausbrechen, intensiv mit der physischen Realität interagieren und auf sie einwirken. Dies war für uns Jury-Mitglieder im Rahmen der Evaluation der Eingaben ein wichtiges Entscheidungskriterium. Was mir an beiden Anwendungen besonders gefällt: Sie sind Teil der neuen „Shareconomy“. Das Konzept dahinter und seine Bedeutung für die Zukunft habe ich in meinerKolumne vom letzten Januar bereits dargelegt. Das Spannende aus Sicht der digitalen Wirtschaft: Alle Konzepte, bei denen es um Teilen bzw. um verteilte Nutzung geht, funktionieren nur dank ICT.

Die Shareconomy wird zu einem weiteren Booster für Internet-Anwendungen. Die Durchdringung aller Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft durch innovative ICT-Anwendungen geht also unaufhaltsam voran. Es gibt wohl kein Unternehmen, das nicht auf die eine oder andere Weise informatisiert ist. Zwei Drittel der ICT-Spezialisten arbeiten mittlerweile in den Anwenderbranchen und dieser Anteil wird in Zukunft wohl noch steigen. Einzelne Individuen verweigern sich zwar noch dem PC und dem Handy, aber dass sie auffallen beweist, wie selbstverständlich und normal unser Umgang mit ICT-Mitteln geworden ist.

Immer mehr Branchen werden von der ICT nicht nur angeknabbert, sondern regelrecht aufgefressen. Dies betrifft insbesondere die Medien (auch wenn es einige noch nicht wahr haben wollen!). Und es betrifft zunehmend auch die Werbung: Ich kenne Marketingagenturen, bei denen mehr Informatiker als Texter und Konzepter tätig sind. Es ist aber auch in der Unterhaltungselektronik zu spüren, die immer stärker in Richtung ICT konvergiert, wie die aktuelle Entwicklung belegt. 

Diese Entwicklung erfüllt uns ICT-Leute zwar mit Stolz und mit Freude, doch sie ist nicht nur positiv. Denn wenn nach und nach alles ICT ist, bedeutet ICT nichts mehr. Die heutigen Anwendungen sind so intuitiv und ergonomisch gestaltet, dass der Anwender sie nicht mehr als Informatik empfindet. Wenn diese Entwicklung weiter geht, dann wird die ICT-Branche bald nicht mehr wahrgenommen und ihre Anliegen werden auch nicht mehr gehört. (Hat da jemand „Fachkräftemangel“ gerufen?)

Also, liebe Programmierer, lasst doch ab und zu mal einen Bug in euren Applikationen stehen. Damit die Menschen draussen wissen, dass es euch noch gibt. Und dass es euch braucht, mehr denn je.

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

Bild

[Bildnachweis: Kraftedno1 via Flickr]

Eltern haben keine Ahnung …

… was ihre Kinder so im Internet treiben. Dies belegt eindrücklich eine soeben publizierte Studie von McAfee mit dem Titel „The Digital Divide: How the Online Behavior of Teens is Getting Past Parents“. Die Kinder wissen in aller Regel sehr genau, wie sie der elterlichen Aufsicht entgehen können, und die Eltern merken’s nicht:

Eltern

Wie ist nun die Einstellung der Eltern zum Thema Surf-Verhalten der Kinder:

  • 29% fühlen sich von der Technologie absolut überwältigt und hoffen, dass nichts passiert.
  • Ein Drittel fühlt sich den eigenen Kindern technisch unterlegen und nimmt daher den Kampf gegen gefährliches Verhalten gar nicht erst auf.
  • 22% glauben, dass ihren Kindern im Internet sowieso nichts passieren kann.

McAfee empfiehlt Eltern folgende Massnahmen:

  • Kinder regelmässig im persönlichen Gespräch auf mögliche Gefahren hinweisen.
  • Sie sollen nicht davon ausgehen, dass Kontroll-Software (lange) wirksam ist, weil Kinder Wege finden, sie zu umgehen.
  • Eltern sollten Kindern sagen, falls sie Kontroll-Software einsetzen.
  • Und vor allem: Eltern müssen technologisch up-to-date sein – und zwar gerade dann, wenn ihre Kindern besonders internet-fit sind.

Also, liebe Eltern, es gibt keine Ausrede mehr, keinen Facebook-Account zu haben.

 

 

 

Zum "Werbewert" von redaktionellem Inhalt

Die wesentlichen Aussagen von mir zum Thema finden sich in diesem Interview.

Und so kam es dazu: Letzte Woche hat Blureport ein neues Dashboard aufgeschaltet, das mit der Messung der Medienrsonanz unter anderem auch den „Werbewert“ von redaktionellem Inhalt beziffert. Aufgrund meiner Reaktion auf Facebook erhielt ich die Gelegenheit, meine ablehnende Haltung zu dieser „Währungseinheit“ zu formulieren.

Denis Nordmann und sein Team machen übrigens ein sehr spannendes Produkt, dass sich jeder PR-Schaffende mal präsentieren lassen sollte (vor allem wenn er wie ich technik-affin ist). Neben ihrer technischen Kompetenz ist auch ihre soziale Kompetenz bemerkenswert: Sie machen in der PR-Community mit und pflegen den Dialog. Deshalb verstehen sie auch die Kundenbedürfnisse sehr gut (selbst wenn sie so unvernünftig sind wie die Forderung nach Ausweis des Werbewerts…).

Bluerep

 

Nadine Strittmatters Öko-Geschwurbel

Die Schweiz macht auf ihre wichtige Rolle als ökologischer Vorreiter aufmerksam – was die Welt auch brennend interessiert. Auf der eigenen Website zur Rio+20-Konferenz formulieren die üblichen Verdächtigen unter anderem in Videobotschaften zur Nachhaltigkeit ihre Wünsche an die Regierungen und heben ihr eigenes positives Beispiel hervor.

Um nicht mit Wiederholungen zu langweilen nur ein Müsterchen: Model Nadine Strittmatter ist stolz darauf, wie umweltbewusst sie sich unter anderem dank fleischlosen Essen und dem Abschalten von ungenutzten Elektrogeräten verhält.

  • Es ist nur ein wenig peinlich – denn daran ist man bei „Promis“ ja gewohnt – dass sie mit ihren tausenden und abertausenden von Flugmeilen pro Jahr tatsächlich das Gefühl hat, sie sei ein leuchtendes Vorbild für nachhaltige Lebensweise.
  • Peinlich ist hingegen, dass die Eidgenossenschaft solchen Stuss mit unseren Steuergeldern verbreitet, und allen Ernstes das Gefühl hat, damit einen Beitrag zu Rio+20 oder sonstwie für Nachhaltigkeit zu leisten.
  • Peinlicher ist, dass dafür extra eine Spezialagentur für Nachhaltigkeit (ecos) engagiert wird, die sich rühmt, „Werte für nachhaltige Entwicklung zu schaffen“ (Sie schreiben Nachhaltig gross, weil es so furchtbar wichtig ist).
  • Noch peinlicher ist, dass economiesuisse über ihre Website dafür sorgt, dass diese überflüssige Rio+20-Seite weiter bekannt wird, die ja sonst unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden würde (nur so habe ich überhaupt davon erfahren).

Und am peinlichsten ist wohl, dass ich aus Ärger über dieses Geschwafel diesen Beitrag darüber geschrieben habe und mich damit der Proliferation von Öko-Geschwurbel schuldig mache…

Nachtrag: Noch besser als ich (!) bringt es einige Stunden später Matthias Meili im TA auf den Punkt: „Die Lizenz zur Umweltsünde„. Danke an Dominique Reber für den entsprechenden Post auf Facebook.

Dr. Blog bei imaging.ch

Heute referierte Dominik Allemann alias Dr. Blog im Rahmen der Swico-IG imaging.ch über Social Media. Ein paar wenige Take-Aways aus dem einstündigen Referat:

Ein Blogbeitrag benötigt im Durchschnitt rund zwei Stunden Arbeit (was ich persönlich bestätigen kann). Mit anderen Worten: Es ist richtig Arbeit – und es kostet auch etwas. Der Aufwand, den die Agentur Bernet leistet, lässt sich (eine Beraterstunde à CHF 200 unterstellt), auf rund CHF 100’000 im Jahr beziffern. Ein zünftiges Akquisitionsbudget für eine kleine Agentur. 

Allerdings, der Aufwand lohnt sich in doppelter Hinsicht: Einerseits denkt in der Schweiz mittlerweile jedermann sofort an Bernet, wenn es um PR im Bereich Social Media geht. Das bringt natürlich Kunden. Andererseits profitieren die PR-Berater dank Bloggen auch davon, dass sich ihr Einstellung geändert hat. Sie denken nun journalistischer und können sich so auch besser in eine ihrer wichtigsten Zielgrupe hineindenken: die Medienleute.

Denn die Journalisten sind nach wie vor wichtig: Selbst bei den webafinen Bernets werden immer noch 50% des Umsatzes mit Medienarbeit verdient, und nur 20% im Netz. Dazu kommen noch 5% für Publikationen und – ganz wichtig – 25% Strategie. Denn ohne Strategie (sprich konzeptionelle Arbeiten) machte keine Kommunikationsaktivität Sinn.

Allemann beobachtet gegenwärtig eine Tendenz dazu, Social Media in den Unternehmen (wieder) zu öffnen, da ja heute so gut wie jeder Mitarbeitender ein Smartphone hat und auch damit am Arbeitsplatz online gehen kann. Die Auswirkungen auf die Produktivität sind allerdings nicht zu unterschätzen, wie eine neue Studie von Kelly Global Workforce darlegt.

Dass die Branche noch in den Kinderschuhen steckt, merke man daran, dass man noch kaum wage, Absatzsteigerung (oder auch Personalakquistion) als wichtiges Motiv für die Social Media zu postulieren, obwohl doch dies im Zentrum jeder Kommunikation liegen müsste. Dies liege wohl daran, dass hier die Erfolgskontrolle noch nicht sehr weit gediehen sei (trotz umfangreicher Statistik-Tools).

Allemann empfiehlt im übrigen allen Produktverantwortlichen, sich mit Twitter auseinander zu setzen. Nicht um es primär als Sendeplatz zu benutzen, sondern um die eigenen Produkte im Web zu verfolgen. Ein gut aufgesetzte Twittersuche erspare manch teures Monitoring-Tool, und sei wohl oft auch schneller.

Bernetblog

[Mit Dank an Dominik Allemann für das inspirierende Referat und an Marco Dick (@commafactory) für den Hinweis auf die Kelly-Studie.]

Street View – ein gutes Urteil f??r die ICT-Branche

Der Eidgnössische Datenschutzbeauftragte (kurz und liebevoll: EDÖB) lud gestern kurzfristig in Zürich (!) zu einer Medienkonferenz ein. Es ging ihm darum, unmittelbar nach Aufhebung der Sperrfrist zu erklären, er habe vor Bundesgericht in Sachen Streetview gegen Google gewonnen. Dieses Powerplay ist zwar PR-mässig gekonnt, zeugt aber nicht unbedingt davon, dass sich der EDÖB seiner Sache so sicher ist…

Der Kommentierung des Urteils durch die Tagesmedien sind meines Erachtens ein paar Überlegungen aus Sicht der ICT-Industrie anzufügen: 

  • Entgegen den Vorinstanzen hat das Bundesgericht nicht nur anerkannt, dass das Streetview-Angebot (und damit auch andere ähnliche Produkte) eine nützliche Dienstleistung ist, welche das Publikum gerne in Anspruch nimmt („willkommenes, legitimes Hilfsmittel“). Das Gericht hat  daraus geschlossen, dass im Rahmen einer Güterabwägung dieser Nutzen durchaus mit in die Waagschale gelegt werden soll.
  • Das Bundesgericht hat sich nicht in den Elfenbeinturm zurückgezogen und einen „digitalen“ Entscheid gefällt, sondern qualitative Aspekte berücksichtigt: Im heutigen Umfeld könne eine (geringe) Fehlerquote bei der Verpixelung hingenommen werden, wenn dies dem Stand der Technik entspreche, da wir uns hier immerhin im öffentlichen Raum bewegen und der Aufnahmezeitpunkt ja auch nicht ablesbar sei („geringe Persönlichkeitsrelevanz“).
  • Der Konsument wird als mündig betrachtet und wird nicht einfach absolut durch den Staat geschützt. Er soll durch Bekanntmachungen ausreichend informiert werden und dann mit einfach Widerspruchsverfahren reagieren können. In diesem Bereich ist dies ausreichend.
  • Zum Glück hat sich die Schweiz dank Augenmass der Gerichte von Anfang an die unglückselige Diskussion darüber erspart, ob Google auf Aufforderung hin nicht auch ganze Fassaden von Häusern an der Strasse verpixeln müsse.

Alles in allem zeugt das Urteil davon, dass das Bundesgericht die zunehmende Bedeutung der ICT-Industrie und ihrer Angebote zur Kenntnis nimmt und ihre gesellschaftliche Nützlichkeit anerkennt.

Die da und dort geäusserte Behauptung, das Bundesgericht habe einen Kotau vor einem Grosskonzern gemacht, ist sicher unangebracht: Die Auflagen, die formuliert wurden, sind hart und auch betriebswirtschaftlich belastend, aber im Rahmen einer ausgewogenen Lösung nicht unvernünftig. Problematisch dürften allenfalls die Ansprüche an eine erhöhte Anonymisierung vor „sensiblen Einrichtungen“ sein. Wie soll z.B. Google die in dieser Liste erwähnten Frauenhäuser kennen, deren wichtigster Trumpf ist, dass die Adresse nicht allgemein bekannt ist? (Oder versteht das Bundesgericht unter Frauenhäusern etwas anderes als ich?)

Pixel

Die Stellungnahme von ICT Switzerland

[Und Danke an Theresa für ihren fachspezifischen Input]

Abschmelzende Tageszeitungen

Im Herbst 2012 wird erstmals eine Metropole ganz ohne Tageszeitung da stehen: New Orleans. Die Times-Picayune hat nämlich bekannt gegeben, dass sie in Zukunft nur noch drei Mal pro Woche erscheinen wird: mittwochs, freitags und sonntags. An den übrigen Tagen können sich Leser über die Homepage www.nola.com informieren, die von der gleichen Redaktion betreut wird. Dies ist an sich keine Premiere. Bereits sind ähnliche Konzepte in den Bundesstaaten Michigan und Alabama umgesetzt worden, und auch in Canada geht es los. Persönlich glaube ich, dass ein solches Konzept nicht ohne wesentliche Einschränkungen bei der Qualität bzw. deutliche Reduktion des Redaktionsstabes möglich sind, wenn der Internet-Auftritt kostenlos sein soll.

Der springende Punkt ist jedoch der, dass Zeitungslesen sehr viel mit Tradition und mit Routine zu tun hat. Das Tagblatt der Stadt Zürich, zum Beispiel, verpasse ich regelmässig, weil ich mir nicht merken kann, dass es am Mittwoch kommt. Also: Entweder lese ich eine Zeitung jeden (Werk-)Tag, oder dann gar nicht. Etwas anderes gilt für das Wochenende, dies ist sozusagen ein anderer Betriebszustand meines Lebens, der seine eigenen Traditionen und Routinen kennt. 

Eine weitere Überlegung: Zeitungen lese ich werktags im „Lean forward„-Modus, also primär unter Zeitdruck und auf der Suche nach (z.B. beruflich) relevanten Iformationen. Samstags und sonntags lasse ich mich von der Zeitung unterhalten, bin im „Lean back„-Modus.

Aufgrund dieser beiden Überlegungen kann ich mir nur eine Kombination von Print- und Internet-Medienplattform vorstellen, die mit den Verhaltensmustern der Leser korrespondiert: werktags online und am Wochenende auf Zeitungspapier. 

Dafür braucht es jedoch ein belastbares Businessmodell. Und hier leistet mein Leib- und Magenblatt NZZ Vorarbeit. Soeben hat sie angekündigt, dass das bereits beschlossene Online-Abo im Jahr 428 Franken kosten – und im Print-Abo von 595 Franken inbegriffen sein soll. Bleibt zu hoffen, dasss die Paywall dann auch wirklich funktioniert und das Ganze von den Kunden angenommen wird. Aber dann eröffnen sich auch echte und erfolgversprechende Zukunftsoptionen für ein hybrides Medium.

Picayune

Übrigens: Times-Picayune ist nicht irgend ein „Käsblatt“, sondern in den USA journalistisch hoch angesehen. Für ihre Berichterstattung über den Wirbelsturm Katrina (bzw. dessen Folgen) erhielt die Zeitung 2006 den Pulitzer-Preis. Und bereits 1997 gab es ebenfalls einen Pulitzer-Preis.

Übrigens 2: Weshalb sind Tageszeitungen immer so gross?

Entwarnung f??r Verleger?

Das Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung hat soeben einen Bericht zur Internet-Nutzung in der Schweiz publiziert, der im Rahmen des World Internet Projects erschienen ist. Es ist eine Fundgrube für alle, die sich beruflich mit der Entwicklung des Internets beschäftigen. 

Wip-titel

Der Bericht gibt für die Verleger bis zu einem gewissen Grad Entwarnung, zumindest was die Schweiz anbelangt (Seite 7, leicht redigiert):

  • Trotz reger Nutzung der Nachrichtenangebote im Internet ist Zeitungslektüre bei Internet-Nutzern immer noch weit verbreitet. Der Anteil derjenigen, die gar nicht Zeitung lesen, ist mit 6% sehr gering – und 83% geben an, regelmässig Tageszeitungen zu lesen. 
  • Mehr als ein Drittel nutzen zwar das Internet, um Fernsehsendungen live oder zeitversetzt im Internet zu sehen. Der Anteil täglicher Nutzer ist jedoch so gering, dass kein Trend vom traditionellen Fernsehen weg ins Internet nachweisbar ist.
  • Aber Achtung: In der Schweiz haben 7% der Zeitung lesenden Internet-Nutzer schon einmal ein Abo gekündigt, weil sie die Inhalte auch im Internet finden (USA: 25%).

Auf der Basis der IPMZ-Zahlen habe ich auf der Basis einer selbst entwickelten Systematik eine „Nutzungspyramide“ für die Schweiz erstellt:

Web-pyramide

Auffällig ist die Tatsache, dass die wirtschaftliche Nutzung des Internets bedeutender ist als die Unterhaltungsfunktion, wobei hier je nach Altersgruppe grosse Unterschiede bestehen: Vor allem ältere Semester nutzen das Internet als Wissens- und Wirtschafts-Plattform, während Junge tendenziell stärker Unterhaltung suchen, aber auch mehr eigenen Inhalt generieren (Teilnahme an Foren, eigene Blogs etc.).