Archiv der Kategorie: Recycling

Hoffnungslos grün

„Nein, das neueste iPhone können wir Ihnen nicht verkaufen. Das Bundesamt hat die Deklaration der 367 Produkte-Komponenten noch nicht überprüft. Sie haben die Wahl: Warten Sie sieben Monate oder kaufen Sie es doch in Deutschland.“

„Nein, ihre Daten können wir in der Schweiz leider nicht speichern. Wegen des Stromverbrauchs dürfen wir leider keine Rechenzentren mehr bauen.“

„Same-Day-Delivery? Geht in der Schweiz leider nicht, ist ökologisch nicht korrekt. Sie wissen schon, die Umweltbelastung.“

„Den Laptop können wir Ihnen nicht verkaufen. Gemäss Bundes-Umweltdatenbank haben sie schon einen Desktop und ein Tablet. Sie müssen sich schon entscheiden!“

„Warum wir in Bulgarien entwickeln lassen? Schweizer Programmierer verdienen zu viel, und konsumieren deshalb auch zu viel. Dafür müssen wir als Firma Öko-Strafzahlungen leisten.“

Diese Statements könnten Sie in einigen Jahren von ICT-Anbietern vernehmen, wenn am 25. September die Initiative „Grüne Wirtschaft“ angenommen wird.

Würde Nationalrat Girod mich lesen, spränge er jetzt aus seinem Liegestuhl: „Panikmache! Büttel von Economiesuisse! Das steht alles gar nicht so im Text!“

Mit dieser letzten Aussage hätte er auch Recht, das alles steht tatsächlich nicht im Text. Denn, um dem Stimmbürger die bittere Medizin zu verkaufen, gehen die Grünen raffiniert vor und zwar nach folgendem Rezept: Zuerst postuliert man ein hehres Ziel, das nicht einmal die Gegenseite in Abrede stellt: „Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, Kreislaufwirtschaft“. Dann setzt man die Kriterien so, dass Sie in einer möglichst langen Frist nicht zu erreichen sind: 2050 ist eine runde Zahl. Im Abstimmungskampf kann man immer darauf hinweisen, dass man ja keine scharfen Massnahmen fordere, dank Innovation komme alles gut, ohne dass jemand sich einschränken müsse (Rebound, schon gehört?).

Als Gegner kommt man in die unmögliche Situation des Schattenboxens, da ausser Frist und Ziel keine konkreten Faktoren bekannt sind. Wenn immer man andeutet, worum es gehen könnte (siehe oben), heisst es: „Aber gerade das fordern wir gar nicht!“ Tatsache ist, die oben geschilderten Aussagen sind nicht weit von dem, was uns blüht. Denn dank der Unmöglichkeit, das Ziel im globalen Alleingang zu erreichen, kann immer Neues und immer mehr gefordert werden. Denn es wird nie genügen. Und immer werden dann die Grünen argumentieren: „Ihr strengt euch nicht genug an. Ihr schafft es offenbar nicht freiwillig. Um die Verfassungsbestimmung zu erfüllen, müssen wir jetzt halt nachhelfen, mit strengen Regeln, es braucht nun deutliche Einschränkungen. Koste es, was es wolle, volkswirtschaftlich, oder bezüglich Steuern. Es steht in der Verfassung, das Volk hat es so gewollt.“

Ganz schön ausgebufft, nicht wahr? Und der Trick wird nicht zum ersten Mal angewendet. 2008 haben die Stadtzürcher Stimmberechtigten das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft in der Gemeindeordnung verankert. Niemand wusste, was das bedeuten würde, weshalb sich nicht einmal die bürgerlichen Parteien gross dagegen stark machten. Die Norm verschaffte aber den Behörden die Legitimation, rigoros ins Leben der Bürger einzugreifen, von den Stromtarifen, über die Wahl der Heizung bis hin zu Verkehr und Parkplätzen.

Was das alles für tolle Vorstösse und Regelungen bewirkt hat, können Sie leicht googeln. Tun Sie das jetzt, in Zukunft könnten auch Suchanfragen – da stromfressend – kontingentiert werden.

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Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bildnachweis: Fotolia: charles taylor 

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Was Tesla und Plastiksäckli gemeinsam haben

Eine grosse Tageszeitung wagte es kürzlich, in einem Artikel die Umweltfreundlichkeit des Tesla in Zweifel zu ziehen. Er wies auf verschiedene Probleme im Zusammenhang mit Elektromobilität im Allgemeinen und diesem Produkt im Besonderen hin. Sofort ergoss sich eine Flut von negativen Leserkommentaren (bis dato mehr als 500) über die Redaktion, von vielfältigen und regen Unmutsäusserungen auf den sozialen Medien begleitet.

Der Tenor: Es ist unstatthaft, Elektromobilität und Tesla zu kritisieren, weil sie „Heilsbringer“ sind und man einfach daran „glauben“ muss. Den Habitués dieser Kolumne, die hier eine typisch Hensch’sche Überspitzung sehen, muss ich leider sagen: Diese Worte – und andere aus dem religiösen Bereich – kamen im Diskurs mehrfach vor.

Ich nehme mich des Themas nicht deshalb an, weil ich den Tesla so weltbewegend finde. Mir geht es um das allgemeine Phänomen, dass immer wieder Produkte und Verhaltensweisen auftauchen, die uns umweltfreundlich scheinen, es aber nicht sind. Und dass man – wenn man dies aufzeigt – stets zur Antwort erhält, diese objektiven Gründe seien nicht so wichtig, vielmehr käme es darauf an, ein Zeichen zu setzen. Oder, noch schlimmer, „kein falsches Zeichen“ zu setzen. Insofern hätte ich auch über Plastiksäckli schreiben können statt über Tesla.

Aber was sind denn nun, wenn man das Ganze aus der Distanz anschaut, die für mich wichtigen Punkte?

Die Rohstoffproblematik ist nicht auch nur annähernd im Griff. Tatsache ist, dass Elektromobilität auf seltene Metalle angewiesen ist und dass die Entsorgung noch in keiner Art und Weise so geregelt ist, dass nicht nur Stahl und Aluminium, sondern eben auch die neuen technischen Metalle erfasst werden. Die entsprechenden Schwierigkeiten haben wir im Rahmen von Swico Recycling ausgiebig untersuchen lassen.

Unser Strommix ist zudem bei weitem nicht so klimaschonend, wie es die Produktionsbilanz übers Jahr erscheinen lässt. Der in der Schweiz verbrauchte Strommix (und nur das zählt hier) ist deutlich CO2-belasteter als der in unserem Land insgesamt produzierte. Der Grund: Im Winter sind wir für unseren Stromkonsum massiv auf Kohlestrom-Importe aus dem Ausland angewiesen.

Elektromobilität wird heute mit „gutem Gewissen“ gleichgestellt und sorgt dafür, dass das Mobilitätsverhalten nicht hinterfragt werden muss. Dank gutem Gewissen kann man gut in der Pampa leben, wo das Einfamilienhaus eine deutlich schlechtere Energie- und Umweltbilanz aufweist als die Stadtwohnung, woran auch Minergie Eco Green Plus Ultra Mega nichts ändern kann.

Wie im zuerst erwähnten Artikel ausgeführt, schneidet ein sparsamer Benziner per Saldo bezüglich Umweltbelastung besser ab als ein Tesla. Ich vertiefe das hier nicht.

Tesla ist ein Spassauto, das nicht nach Nützlichkeitskriterien entwickelt wurde. Es ist als Statussymbol gedacht, um gleichzeitig mit wirtschaftlicher Potenz und Umweltbewusstsein zu protzen. Tesla kann keine Fahrzeuge substituieren, die wir benötigen, um im Transportbereich volkswirtschaftliche Wertschöpfung zu generieren. Deshalb haben Haushalte mit Tesla bezeichnenderweise meist noch weitere Motorfahrzeuge in der Garage. So gesehen ist die These nicht von der Hand zu weisen, dass jeder zusätzliche Tesla auf der Strasse mehr Verkehr und zusätzliche Umweltbelastung generiert.

Zum Schluss noch eine Prise Polemik: Natürlich ist meine Stichprobe vielleicht verzerrt, doch einige dieser Tesla-Apostel kenne ich persönlich und sie entsprechen folgendem Strickmuster: Einfamilienhaus im Grünen, gut verdienend und die Frau fährt einen Zweitwagen (Smart!). Sie finden Tesla fahren einfach nur geil (die Beschleunigung!) – und so gut für die Umwelt. Sie alle halten mich für ein Umweltschwein, das die Welt direkt in die Katastrophe führt. Zwar haben meine Frau und ich seit Jahr und Tag kein Auto mehr. Aber dass ich den Tesla nicht für anbetungswürdig halte und es laut sage, empfinden sie als ausgemachten ökologischen Skandal. Obwohl ich doch kaum je Plastiksäckli benütze…

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Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bild: Jean-Marc Hensch (c) 2015

Gleich zweifach: Verarbeitung von organischem Material in Zürich-West

Gestern hat es mich in mein ehemaliges Wohnquartier Altstetten gezogen, um am Tag der offenen Türe von zwei Institutionen teilzunehmen, die ihre Pforten öffnen. In beiden Fällen trieb mich nicht einfach Neugier oder samstägliche Langeweile an, sondern ein spezieller Bezug.

Die morgen in Betrieb gehenden „Verrichtungsboxen“ sollen die unwürdigen Zustände am Strassenstrich vom Sihlquai beenden. Wenn das Ganze funktioniert, verschieben sich die Prostituierten und ihre Kunden nach Altstetten in die neue Anlage im Gewerbegebiet, und alles wird gut (ausser vielleicht für den Steuerzahler, der die Triebabfuhr von Freiern subventionieren muss). Wenn es jedoch nicht funktioniert, wird das horizontale Gewerbe ausweichen auf den einzigen noch zur Verfügung stehenden legalen Autostrich in Zürich – in die Brunau im Quartier Enge. Als Quartiervereinspräsident habe ich mich schon seit zwei Jahren intensiv mit dem Thema befasst, vor zwei Monaten haben wir einen Anlass zum Thema durchgeführt. Als Quartierverein haben uns von Anfang an nicht grundsätzlich gegen das Vorhaben ausgesprochen (das wäre St.-Florians-Politik), aber ein gutes Sicherheitsdispositiv und klare Leitplanken gefordert. In der Brunau befindet sich nämlich der Strichplatz nicht in einem abgeschotteten, überwachten Areal wie in Altstetten, sondern unmittelbar an der Strasse, auch in der Nähe von Sportplätzen und Verbindungswegen zur Allmend. Während einzelne Medien bereits unken, die Sexboxen in Altstetten würden von Freiern nicht akzeptiert werden, sehen es die Verantwortlichen vor Ort anders: Bereits in den letzten Tagen hätten sie reihenweise Freier abweisen müssen, welche sich hier bedienen lassen wollten… Die Anlage ist zwar baulich einfach gehalten, aber mit der gnadenlosen Perfektion der Zürcher Stadtverwaltung durchkonzipiert. Trotzdem muss man sich bewusst sein, das Ganze ist ein Experiment: Noch niemand in der Schweiz hat je eine solche Anlage konzipiert oder gebaut. Ich bin jedenfalls vorsichtig optimistisch. Auf der Homepage der Stadt ist übrigens der Strichplatz Depotweg im Kapitel „Aufsuchende Sozialarbeit“ referenziert. So kann man es natürlich auch sehen…

Wirklich überraschend ist das Interesse der Medien, und zwar nicht aus der Schweiz, sondern auch aus dem Ausland. Die Kombination vom sauberen, reichen Zürich und dem verruchten schmutzigen Geschäft mit dem schnellen Sex ist natürlich sehr attraktiv. Die Kommunikationsverantwortlichen von Sozial- und Polizeidepartement sind sich ja einiges in Sachen Medien gewöhnt, aber ein solcher Ansturm lässt selbst sie fast sprachlos. Obwohl die Medien ihre eigenen Besichtigungstermine hatten, standen auch am Tag der offenen Türe viele Journalisten herum, um die „Vox populi“ einzufangen. Ich wurde gleich zwei Mal interviewt: Zuerst von einer etwas naiven jungen Lokalradio-Praktikantin, und dann – sozusagen am anderen Ende der journalistischen Hackordnung – auf Englisch vom Associated Press „Chief Correspondent in Switzerland“.

Der zweite Anlass in Altstetten war wesentlich entspannter und weniger kontrovers: Die Stadt Zürich nahm ihre erste Biogas-Anlage in Betrieb: eine geschlossene Anlage, in welcher der Bioabfall durch mikrobiellen Abbau in Biogas umgewandelt wird. Vor dem Einspeisen ins Erdgasnetz wird es dann zu Erdgasqualität aufbereitet. Während fast einem Jahrzehnt hatte ich mich als Exponent der Gasindustrie zusammen mit vielen anderen dafür engagiert, dass eine solche Anlage gebaut wird. Zehn Jahre wurden verloren, weil die entscheidenden Leute in der Verwaltung Grüngut lieber verbrennen wollten. Nun war es für mich eine Genugtuung, die Früchte unseres Engagements mit eigenen Augen zu sehen bzw. mit eigener Nase zu riechen. Wobei: In der Biogas-Anlage stinkt es zwar etwas, aber dafür gibt es am Tag der offenen Tür wenigstens eine Bratwurst!

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Durch Parodie geadelt

Das Beste, was einer Werbekampagne passieren kann, ist heutzutage wohl, wenn sie integral im Netz viral verbreitet wird. Dies setzt allerdings in den meisten Fällen voraus, dass sie genau dafür konzipiert worden ist. Das Zweitbeste ist, wenn die Kampagne parodiert wird, weil sie dazu reizt, weiter gedacht zu werden.

Dies geschieht jetzt gerade mit der Kampagne von Swiss Recycling „Ich trenne“, an welcher Swico als Mitglied und Partner beteiligt ist. Im Original sehen die Werbesujets so aus:

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Nun werden sie vom Nebelspalter auf Facebook abgewandelt:

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Und auch Giacobbo Müller nahmen die Kampagne als Vorbild (lustigerweise in einer Sendung, in welcher auch eine Künstlerin auftrat, die bei den Original-Testimonials mitmacht: Steff la Cheffe). Der Beitrag über die Kampagne startet bei Minute 1:45.Bild

Nachtrag vom 24.4.: Das Sujet kann auch für die Selbstprofilierung verwendet werden:

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Waste Paradise 2013

Wieso heissen Seltene Erden so, obwohl sie weder Erden noch selten sind? Kann man Computer-Monitore in Glaswolle umarbeiten? Wie soll man illegale Exporte nach Afrika verhindern? Dies ein paar Themen der „International Electronics Recycling Conference„, die jeweils im Januar in Salzburg stattfindet und soeben zu Ende gegangen ist. Den liebevoll „Waste Paradise“ genannten Anlass mit 500 Teilnehmern (darunter 5% Schweizer) kann man nicht in einem Blogbeitrag zusammenfassen. Deshalb nur ein Thema daraus: Die neue Unübersichtlichkeit bei den Recycling-Standards.

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Krieg der Standards

Seit mehreren Jahren werden Anstrengungen unternommen, um Qualitätsstandards für das Recycling von Elektronik-Altgeräten zu entwickeln. Mittlerweise stehen sich verschiedene Systeme gegenüber, welche zum Teil unterschiedliche Akzente setzen und sich teilweise regelrecht bekriegen (siehe zum Beispiel diesen Vergleich zwischen e-Stewards und R2 auf der Seite von e-Stewards). Ebenfalls im Rennen ist zum Beispiel auch epeat, bei dem Swico Recycling seit einem Jahr zertifiziert ist und die auf IEEE-Standards basiert.

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Schweizer Norm für Europa

Als Mitglied von WEEE-Forum engagieren sich die Schweizer Rücknahmesysteme intensiv für die Entwicklung des europäischen Standards WEEELABEX, der sich im Gegensatz zu anderen Standards auch mit Sammlung und Logistik von Altgeräten auseinandersetzt. Er hat überdies den grossen Vorteil, dass er mehr oder weniger die heutigen technischen Vorschriften der beiden Schweizer Systeme Sens und Swico Recycling darstellt…

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Von WEEELABEX zur CEN-Norm

Beim Kampf der Standards setzen die Europäer auf rechtliche Verbindlichkeit. Soeben wurden die ersten Schritte unternommen, um WEEELABEX in einen offiziellen Europäischen Standard, eine sogenannte CEN-Norm umzugiessen, womit er für alle Marktakteure verpflichtend würde. Da die EU hier politische Rückendeckung gibt, dürfte der Prozess abgeschlossen werden. Allerdings dauert so etwas seine Zeit, zwei bis drei Jahre muss man beim CENELEC schon rechnen. Die Recyclingbetriebe zeigten sich bezüglich WEEELABEX bisher relativ skeptisch, ihr Verband EERA moniert immer wieder, nicht ausreichend angehört zu werden, aber nun scheint sich das Blatt zu wenden. Anders Jansson, CEO von Stena, einem der wichtigsten Recycler, hat sich unmissverständlich hinter WEEELABEX und seine Umsetzung in eine CEN-Norm gestellt.

Standardisierung der Standards?

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion am IERC wurde die Unübersichtlichkeit bei den Standards stark beklagt und auch die Idee einer gegenseitigen Anerkennung lanciert. Da darf man allerdings skeptisch sein. Aufgrund der unterschiedlichen Stakeholder und ihrer spezfischen Bedürfnisse, die hinter den Standards letztlich stehen, bräuchte es da schon sehr viel, damit man sich näher käme.

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[Bild: Patrick Lampert und Jean-Marc Hensch, Geschäftsführer von SENS und Swico am IERC in Salzburg]

EU prüft Abschaffung des Eigentums

Eigentum ist ein politisches Grundrecht – darüber möchte ich heute jedoch nicht schreiben. Es geht vielmehr um die Frage, ob Eigentum wirklich die beste Möglichkeit ist, Dinge zu nutzen, oder ob es nicht intelligentere Konzepte gibt. Dazu liegt seit Ende 2012 eine interessante Studie aus den Parlamentsdiensten des Europäischen Parlaments vor. Die Studie „Leasing Society“ untersucht, ob es nicht sinnvoller wäre, Produkte zu vermieten, statt sie zu verkaufen, da der Kunde in der Regel am Eigentum nicht wirklich ein Interesse hat, sondern das Produkt nur – vielleicht sogar für einen befristeten Zeitraum – nutzen möchte.

Gemeinsame Interessen von Anbietern und Abnehmern
Dieses neue Konzept könnte den unauflöslichen Interessenwiderspruchzwischen Anbieter und Abnehmer auflösen. Beim Kauf hat der Verkäufer ein Interesse daran, dass das Produkt nicht zu lange lebt, weil er sonst kein weiteres mehr verkaufen kann. Böse Zungen (und Konsumentenschützer) unterstellen oft bei Produkten eine „geplante Obsoleszenz“. Der Käufer hingegen möchte in der Regel das Produkt so lange wie möglich nutzen können. In der Leasing Society verlaufen die Interessen jedoch parallel. Der Vermieter wünscht sich eine möglichst lange Lebenszeit, da er so die Kosten besser amortisieren kann, und der Nutzer ebenfalls.

Der Nutzen aus Sicht der Umwelt ist offensichtlich, nicht nur wegen der Langlebigkeit der physischen Produkte, sondern auch deshalb, weil der Hersteller während der ganzen Lebensdauer die Verantwortung für das Produkt behält. Die Studie veranlasst hat denn auch die Parlamentskommission für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit ENVI.

Viele Vorteile in der Theorie

Die Vorteile sind vielfältig: Höhere Kundenloyalität, neue Marktchancen, geringerer Ressourcenverbrauch, Sicherung von korrekter Wartung und Unterhalt, Reduktion der Gesamtkosten über den ganzen Lebenszyklus, um nur einige zu nennen. Im Einzelfall wird das Konzept auch bereits erfolgreich umgesetzt. Man denke an das Schweizer Car-Sharing-System Mobility oder in der ICT an die zunehmende Verbreitung von integrierten Druck- und Fotokopierdienstleistungen anstelle des simplen Geräteverkaufs. Seine wahren ökonomischen Vorteile entfaltet das Konzept allerdings erst dann, wenn es gelingt, das Produkt in den Hintergrund treten zu lassen. Also wenn zum Beispiel der Waschmaschinenhersteller nicht einfach nur seine Geräte vermietet, sondern gleich die Versorgung mit sauberer Wäsche garantiert.

Hohe Hürden in der Praxis
All dies klingt sehr schön und ist einleuchtend. Weshalb leben wir dann aber noch nicht in einer Leasing Society? Nun, auch die Hürden sind manni
gfaltig: Anbieter müssten sich völlig umstellen, sich in neue Märkte begeben und auch neue Risiken übernehmen. Vor allem müssten sie stabile Allianzen mit anderen Firmen eingehen, um die Dienstleistungspakete schnüren zu können. Aber auch auf Abnehmerseite ist nicht alles Sonnenschein: Die Abhängigkeit gegenüber dem Lieferanten, der sogenannte 
Lock-in-Effekt, nimmt drastisch zu, es kommt auch in der Nutzungsphase zu einem Kontrollverlust. Letztlich fallen jedoch mehr als die ökonomischen die psychologischen Hemmschwellen ins Gewicht: Viele Anbieter sind aufgrund ihrer Geschichte und ihres Kompetenzportfolios gar nicht in der Lage, sich in ein völlig anderes Businessmodell hineinzudenken. Und, noch wichtiger: Die Kunden sind bei vielen Produktekategorien nicht bereit, die totale Verfügungsgewalt über Produkte aufzugeben, das geradezu haptische Vergnügen, mit einem Gegenstand zu tun und zu lassen, was immer man möchte – und sei es noch so unvernünftig.

Die Leasing Society wir also sicher noch etwas auf sich warten lassen. Aber gerade in saturierten Märkten tun vorausschauende Unternehmer gut daran, sich einmal zu überlegen, wie sie sich dieser Entwicklung gegenüber positionieren wollen. Denn: Der Zeitplan ist noch unklar, doch einen Megatrend stellt die Leasing Society ohne Zweifel dar.


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Bildnachweis: nzz.ch
[Dieser Beitrag erschien am 8. Dezember 2012 bereits in weitgehend identischer Fassung bei inside-it]

Liebe Digitec

Senioren sollten in Sachen ICT durchaus auf den Nachwuchs hören, das ist schon richtig, aber in diesem Fall liegt die Enkelin völlig falsch: Ein Laptop, der den Geist aufgibt, gehört wie jedes andere elektronische Altgerät definitiv nicht in den Abfalleimer vor dem Haus, sondern in die nächste Sammelstelle oder ins Ladengeschäft zurückgebracht.

Als Konventionsunterzeichner und damit geschätzte und wichtige Partner von Swico leistet ihr im Alltag viel dafür, dass unser Entsorgungssystem gut funktioniert. Dafür sind euch eure Kunden und die Öffentlichkeit dankbar. Bitte erzählt doch eurer Werbeagentur, wie die Entsorgung von Altgeräten richtig läuft. Wenn ihr wollt, übernimmt das Swico auch gerne für euch.

Handy-Recycling, ein Medienthema

Im Mai hat Swico Recycling aus Anlass seines Greenforums in einem Medientext ausgeführt, dass die Rücklaufquoten bei Handys deutlich tiefer sind als bei anderen Gerätekategorien. Seither sind die Medien auf dieses Thema aufgesprungen und haben immer wieder darüber berichtet. Ich gebe auch immer mal wieder Interviews zum Thema, so zuletzt im Echo der Zeit auf DRS1.

Dabei fällt mir auf, dass es auch in diesem Bereich ein paar Tatsachen gibt, welche gegen die Intuition des fachlich Unbelasteten gehen.

  • Schon die Fokussierung auf das Handy-Recyling ist an sich unsinnig: Bezogen auf die Gesamtmenge an gesammeltem Elektronikschrott in der Schweiz (59’439 Tonnen) machen Handys nur gerade ein Promille aus: 64 Tonnen (Stand 2011). Darüber zu lamentieren, dass die Rücklaufquote tief ist, macht daher im Bezug auf die Effizienz des Gesamtsystems schlicht keinen Sinn – aber die Medien bringen es immer wieder gerne.
  • Verglichen mit den anderen Elektronikschrott-Kategorien ist die Rücklaufquote tatsächlich sehr viel tiefer (3% weltweit, immerhin 20% in der Schweiz). Allerdings ist diese tiefe Rücklaufquote nicht unbedingt besorgniserregend, da aus Studien bekannt ist, dass das Handy als Wertgegenstand betrachtet wird und daher kaum in den Hausmüll gelangt. Solange es aber im System bleibt (durch „Schubladisierung“, Weitergabe oder Verkauf), entsteht kein Schaden. Es besteht einfach ein „Lager“ bei den Konsumenten. Für die Schweiz hat die EMPA dieses Lager ausgerechnet: Es besteht aus 152 Tonnen Kupfer, 107 Tonnen Aluminium, 79 Tonnen Mangan etc. Und immerhin noch 338 kg Gold (beim heutigen Goldpreis rund 17 Millionen Franken).
    Handy-recycling_weltweit
  • Aber wenn das Handy so wertvoll ist, wieso erhalte ich denn nichts bei der Rückgabe? Und muss noch beim Kauf eine Recycling-Gebühr bezahlen? Wenn wir beim Gold bleiben. Ein Handy enthält im Durchschnitt gerade mal 0.04 Gramm Gold, was einem Marktwert von 2 Franken entspricht. Schon mehr wert ist das Kupfer, von dem ein Handy rund 19 Gramm enthält. Der grösste Teil des Handys besteht jedoch aus Kunststoff. Wie auch immer: Um die Sammlung, den Transport und das Recycling inkl. Qualitätskontrolle und Überwachung zu finanzieren, braucht es bedeutende Mittel und insbesondere die metallurgische Aufbereitung ist höchst anspruchsvoll. Kurzum: Ein ganzes Palett voll ausgedienter Handys stellt zwar einen Wert dar, weshalb auch offizielle Sammelstellen für das Sammeln eine Vergütung erhalten, ein einzelnes Handy hat jedoch für sich keine wirtschaftliche Bedeutung.
  • Dass – nach verschiedenen Zwischenschritten in der Schweiz – die metallurgische Verwertung im Ausland stattfindet, muss nicht beunruhigen, wir sprechen hier nicht von Ghana oder Indien. Aber für die Kleinstmengen aus der Schweiz lohnt sich ein inländisches Werk sicher nicht (Wieder anhand des Golds: der jährliche Rücklauf in der Schweiz beträgt 20 kg). In Europa gibt es denn auch nur drei Werke, die diese Disziplin beherrschen: Umicore in Belgien, Boliden in Schweden und Aurubis in Deutschland.
  • In den Handys hat es Seltene Erden (auch Gewürzmetalle genannt). Sie sind in den Medien und auch bei den Regierungen ein grosses Thema. Es wird befürchtet, dass einzelne Länder ihre Vorkommen ausnützen könnten, um politischen Druck auszuüben. Ich sehe das etwas entspannter: Einerseits gibt es eine ganze Reihe von Ländern, die bisher darauf verzichtet haben, ihre eigenen Vorkommen auszubeuten (aus ökologischen Gründen zum Beispiel), andererseits spricht die Preisentwicklung nicht für eine sich abzeichnende Mangelsituation.

Trotz all dieser Einschränkungen: Das Schlagwort von „Urban Mining“ ist durchaus angebracht, und es lohnt sich, diese „Minen“ auszubeuten. Es ist auch sehr effizient: In Handys hat es über 50 Mal mehr Gold als in der besten Goldmine Südafrikas (280 g vs. 5 g pro Tonne Material):

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[Viele dieser Zahlen stammen aus dem soeben erschienenen Fachbericht SENS, SWICO Recycling und SLRS 2011. Die wissenschaftliche Aufarbeiten erfolgt durch die EMPA, Gruppe Critical Materials and Resource Efficiency – und danke an Roger Gnos für die kritische Überprüfung]