Archiv der Kategorie: Kommunikation

SBB ist keine Wurstfabrik

Vor kurzem hat die SBB ihr Social-Media-Projekt «SBB Service Scouts» abgeschlossen. Bei dieser Gelegenheit führte Marie-Christine Schindler ein ausführliches Interview mit der Projektverantwortlichen Sarah Stiefel, Head of Digital Communications SBB AG. Nachdem ich auf Twitter angetönt hatte, dass ich den Erfolg weniger euphorisch sehe, wurde ich – zu Recht – aufgefordert, mich konkreter auszudrücken. Aufgrund des eingeschränkten Platzes auf Twitter und der fehlenden Gestaltungsmöglichkeiten in den Kommentarspalten eines Blogs tue ich das nachfolgend an dieser Stelle.

Kein Influencer-Programm wie andere

Beim Start des Projekts gab es in der Social-Media-Szene einigen Aufruhr wegen der Bezahlung oder Nicht-Bezahlung der Scouts, wie im Interview angetönt. Ein schöner kleiner Aufreger für die Community, aber aus meiner Sicht kein grundsätzlicher Kritikpunkt. Auf taktischer Ebene kann einen immer mal ein Fehler unterlaufen, dieser wird thematisiert, allenfalls wird nachjustiert, und gut ist.

Das Projekt ist meines Erachtens deshalb wenig erfolgreich, weil die SBB mit denselben Methoden arbeiten wollte, die heute Parfumhersteller, exotische Destinationen oder meinetwegen Wurstfabriken anwenden, sich dann aber aufgrund des speziellen Charakters der SBB nicht an die entsprechenden Konventionen gehalten hat. Es wurde ausser Acht gelassen, dass die SBB wirtschaftlich und emotional im Eigentum aller Schweizerinnen und Schweizer steht und damit eine nationale Ikone darstellt. Um dem gerecht zu werden, versuchte man – anders als in üblichen Influencer-Programmen – die Influencer nicht als Fans oder Botschafter zu positionieren, sondern als kritische Wächter (über die Service-Qualität).

Die öffentliche und mit viel Getöse angekündigte Ernennung von «SBB Service Scouts» hatte so folgende drei Effekte:

Befangenheit

Die Scouts selber wurden damit als SBB’s Lieblinge und VIP markiert und damit unter ständigen Rechtfertigungsdruck gesetzt. Sie mussten höllisch aufpassen, nicht zu euphorisch zu wirken, weil dies ihre Glaubwürdigkeit angekratzt hätte. Deshalb ist auch das Thema Geld irrelevant. Die Bezahlung erfolgte aufgrund der ikonischen Kraft der SBB-Marke in Aufmerksamkeit und Reichweite. Die Scouts befanden sich somit in einer Befangenheitsfalle, die man den Posts und Tweets immer mal wieder ansah. Oft wurden auch einfach unkritisch Inhalte der SBB-Kommunikation (wie z.B. Medienkonferenzen) weiterverbreitet. Die Scouts fühlten sich offensichtlich nicht wohl in ihrer Haut – zu Recht nicht. Und man komme mir nun nicht mit dem Gegenbeispiel Andrea Jerger: Ihre SBB-Begeisterung war schon Jahre vor dem Projekt manifest und wird es auch bis in alle Ewigkeit sein (Die geschätzte Kollegin ist eben auch eine Ikone, wenn nicht der Schweiz, so doch der Social-Media-Community!).

Abwertung

Nun gibt es wie gesagt viele Leute, die aus unterschiedlichen Gründen eine hohe emotionale Bindung zur SBB haben, viel auf der Schiene unterwegs sind und zur Social-Media-Community gehören. Das reicht vom Teenager, der das «ferrosexuelle» Gen von den Eltern geerbt hat, bis zu den beruflich zur Bahnbenutzung Verdammten wie z.B. ich als Zürcher ohne Auto mit einem Public-Affairs-Job. Denen allen wurde mit dem Projekt das Signal gegeben, dass ihre eigene SBB-Affinität nicht gut genug sei, um sich als Scout zu qualifizieren und dass es da bessere gebe, die man prominent fördere. Das ist aus meiner Sicht auch der Grund, weshalb damals die Geld-Geschichte so hochkochte. Niemand konnte zugeben, dass er sich selbst als der bessere Scout gesehen hätte, also suchte der eine oder andere Social-Media-Experte einen anderen Weg, Dampf abzulassen.

Dabei ist klar, dass die SBB diese Abwertung sicher nicht gewollt hat. Sie hat einfach diejenigen ausgesucht, welche sie finden konnte, welche die nötige Reichweite hatten und von denen erwartet werden konnte, dass sie die Spielregeln einhalten und keine Reputationsschäden verursachen würden. Dies ändert aber nichts daran, dass man mit dem Projekt das Verhältnis zwischen SBB und Social-Media-Szenis nicht verbessert, sondern eher abgekühlt hat.

Entsolidarisierung

Die Lancierung von SBB Service Scouts in einer breiteren Öffentlichkeit hatte nicht nur den Effekt, Service bei der SBB als Issue zu platzieren (was sicher richtig ist), sondern kommunizierte auch, dass es jetzt offenbar Leute gebe, welche sich «von Amtes wegen» mit den Service-Problemen auseinandersetzten, womit das normale Publikum in dieser Hinsicht nicht mehr gefragt, vielleicht gar nicht mehr willkommen sei. Und dies kann sicher nicht im Interesse der SBB sein.

Fazit

All diese Argumente (oder auch allenfalls Gegenargumente dazu) haben mir im Interview gefehlt, das daher meiner Meinung nach etwas zu selbstgefällig ausgefallen ist. Und das war der Grund für meinen eingangs zitierten Tweet.

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Mein erstes Mal

Am 7. Juli musste das Büpf Referendumskomitee der traurigen Wahrheit in die Augen schauen: Das Referendum ist ? wenn auch knapp ? gescheitert. Es fehlten am Schluss ein paar tausend Unterschriften. Kaum jemand macht sich allerdings Gedanken, wie denn ein Referendum so ganz praktisch abläuft, angefangen bei mir, der ich seit 40 Jahren in der Politik unterwegs bin und schon manche Referenden und Initiativen unterschrieben habe.

Logistisch besonders anspruchsvoll ist die Verarbeitung der eintreffenden Unterschriften. Die Unterschriften liegen in völlig unterschiedlichen Formaten vor: Ausschnitte aus Zeitungen, selbst Ausgedrucktes oder sogar von Dritten selbst erstellte Fresszettel (rechtlich zulässig). All diese müssen erfasst und auf 2?300 (!) politische Gemeinden aufgeteilt werden. Sobald in einer Gemeinde eine bestimmte Anzahl Unterschriften beieinander sind, werden sie gezählt und mit Begleitbrief per Post an die Gemeinde geschickt. Diese beglaubigt dann die Unterschriften (und erklärt einzelne vielleicht für ungültig), und schickt die Bögen wieder an das Komitee zurück. Dort müssen die gültigen Unterschriften zahlenmässig erfasst werden. Die meisten Gemeinden arbeiten speditiv, aber es gibt immer wieder solche, denen man noch mehrmals nachtelefonieren muss, bis sie ihre Aufgabe erledigen. Mit anderen Worten, ein riesiger Aufwand.

Ich schildere dies hier so ausführlich, weil es natürlich für uns ICT-Menschen ein Horror ist: Medienbrüche allenthalben und eigentlich ein riesiges Potenzial für Digitalisierung. Das Problem dabei: Eine digitale Unterschrift ist nicht möglich, Handschriftlichkeit nach wie vor Pflicht. Meine Learnings:

Die Sammlungstätigkeit muss am Tag 1 (von 100) beginnen. Dazu reicht es allerdings nicht, dass die entsprechenden (von der Bundeskanzlei vorgeprüften) Unterschriftenbögen zur Verfügung stehen. Die Sammlung muss an diesem Tag auch in der ganzen Schweiz wirklich losgehen. Das war sicher ein Manko beim Büpf-Referendum: Verschiedene der Partner waren noch nicht bereit und mussten sich erst organisieren. Dabei ging recht viel Zeit verloren.

Um mehrere Organisationen zu koordinieren, muss sich jeder Partner auf eine bestimmte Anzahl Unterschriften verpflichten. Nur so kann man den Sammelstand im Zeitverlauf und im Quervergleich überwachen. Unabdingbar ist dazu aber, dass die verschiedenen „Verpflichter“ auch mittels separater Bögen sammeln, damit man die Unterschriften zuordnen kann (letzteres war beim Büpf nur teilweise der Fall).

Die Selbstverpflichtungen der verschiedenen Organisationen sollten beim Start auf ihre Realitätsnähe kritisch überprüft werden. Gerade bei Jugendparteien ist manchmal der Ehrgeiz und die Begeisterung grösser als es die tatsächlichen Ressourcen sind. Hier hätten wir beim Büpf-Referendum wohl zweifellos strenger sein müssen. Allerdings hätte es dann vielleicht gar kein Referendum gegeben?

Es braucht eine physische Infrastruktur, zentral gelegen und ohne Zutritt von Drittpersonen. Unter 100 Quadratmetern ist es wohl kaum zu schaffen: viel Fläche zum Sortieren, aber auch umfangreiche Regale oder Hängeregister. Eine Poststelle in der Nähe ist auch ein Vorteil. Dies war beim Büpf-Referendum dank CCC und pep Stiftung recht optimal erfüllt (Ein Kühlschrank mit Club Mate vor Ort kann auch nicht schaden?).

Wichtige Verbände machten nicht wie erhofft mit, weil sie die wirtschaftlichen Folgen für ihre eigenen Mitgliedfirmen technisch nicht verstehen bzw. nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Sie klammern sich teilweise an die Hoffnung, durch Wohlverhalten dann bei der Umsetzung besser mitreden zu können. Und ich muss mich wohl selbst an der Nase nehmen: Ich bin offenbar in diesen Kreisen entweder nicht aktiv oder nicht überzeugend genug aufgetreten.

Das Sammeln von Unterschriften wird dadurch erschwert, dass bei einem Referendum ein Thema bei vielen Medien und damit in der Öffentlichkeit noch gar nicht richtig angekommen ist. Es war ja bisher erst im Parlament. Das kostet beim Sammeln viel Zeit. Allerdings konnte man beim Büpf auf Grundkenntnisse aufgrund der allgemeinen Diskussion zu Snowden & Co. zurückgreifen, so dass dies im konkreten Fall kein Problem darstellte. Es gab Sammler, die pro Stunde bis zu 25 Unterschriften hereinholten!

Vergesst Social Media bei einem Referendum. Für den internen Austausch, für die Anfeuerung sind sie zweifellos nützlich, aber Views und Likes lassen sich keinesfalls in Unterschriften ummünzen. Die Nutzer sind verwöhnt und geben gerne zu allem ihren Senf, aber sich eine Meinung bilden, etwas ausdrucken, unterschreiben und zum Briefkasten tragen, das ist dann doch zu viel der Mühe? Gilt übrigens auch für Massenversände auf Print. Was hingegen funktioniert, ist die Ansprache von Bekannten per persönlichem Mail.

Es gibt mittlerweile ein Tool, das im Netz den Sammelprozess soweit wie möglich digitalisiert (viel liegt da ja wie gesagt nicht drin). Das Instrument erhöht die Kontrollmöglichkeiten und generiert auch Mail-Adressen. Aber der Anbieter kann die hinterlegten Adressen auch für Vorlagen einsetzen, die ich politisch ablehne. Und das schmeckt mir natürlich nicht.

Wir haben also Verschiedenes, aber nicht viel falsch gemacht. Wir konnten über 50’000 Unterschriften sammeln, aber wir schafften es nicht, sie auch rechtzeitig beglaubigt der Bundeskanzlei abzugeben. Persönlich ziehe ich trotzdem ein positives Fazit: Hier hat sich eine Community gebildet, die den Einzelfall Büpf überdauern wird, denn die Überwachungsproblematik bleibt brandaktuell. Und persönlich habe ich tolle und engagierte Menschen kennen gelernt, mit denen ich sonst nie zusammen gekommen wäre.

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Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch.

Marketing ab 1. Juli strafbar

Angesichts dessen, was man zum Teil an Marketingkommunikation vorgesetzt bekommt, wäre es vielleicht nicht schlecht, diese Machwerke würden strafrechtlich verfolgt. Allerdings geht es heute gerade nicht um diesen Teil des Marketings, sondern um Events, Einladungen und Geschenke: Das neue Korruptionsstrafrecht tritt am 1. Juli in Kraft, und dieses verfolgt nun auch die Bestechung von Privaten.

Einem Mitarbeitenden eines Unternehmens, mit dem man ein Geschäft abschliessen will, einen Vorteil zukommen zu lassen, ist nun grundsätzlich strafbar. Wer als ICT-Anbieter einen CIO zu einem Tennis-Turnier nach Gstaad einlädt, um einfacher den Zuschlag für die schon lange pendente Offerte zu erhalten, der befindet sich schon mit einem Bein im Kittchen. Bisher war es nur strafbar, wenn es sich um einen Amtsträger handelte, also zum Beispiel den Einkäufer des Bundesamts für Strassenbau. Heute gilt das ganz generell.

Es hilft auch nichts, wenn Sie stattdessen nicht ihn, sondern seine Frau einladen, auch dies ist nicht erlaubt. (Wobei das Beispiel etwas verunglückt ist: Ich bin nicht sicher, ob es die beste Idee ist, einen Mann dadurch bestechen zu wollen, dass ich mit seiner Frau ein Wochenende verbringe. Aber das nur am Rande).

Weit interpretiert, würde ein solches Gesetz natürlich die ganze Event- und Hospitality-Branche, die Gastronomie bis hin zu den Edelpuffs in den Ruin treiben. Das wäre volkswirtschaftlich unerwünscht, weshalb der Gesetzgeber gewichtige Ausnahmen eingebaut hat: Wenn es mir nicht um ein konkret erwünschtes Handeln einer anderen Person geht, sondern eher um generellen Goodwill, dann geht es in Ordnung. Auch die Annahme von „geringfügigen, sozial akzeptierten“ Geschenken ist erlaubt, wobei sich die Frage stellt, wo das aufhört. Und die Antwort könnte auch anders lauten, je nachdem ob wir uns im Grossrechnergeschäft oder im Handel mit USB-Sticks bewegen.

So oder so, es stellen sich einige heikle Fragen, was man wirklich noch in diesem Bereich machen darf. Auf der sicheren Seite ist man allerdings, wenn der Arbeitgeber des Beschenkten damit einverstanden ist. Also könnte es bald zum Standardprozedere gehören, vom Gegenüber zuerst eine offizielle Bestätigung seines Arbeitgebers zu verlangen, dass er mit der Einladung oder dem Geschenk einverstanden ist.

Auch für Unternehmen sind die neuen Bestimmungen eine Herausforderung: Sie machen sich auch strafbar, und zwar nicht nur, wenn sie sich so mangelhaft organisiert haben, dass man den wahren Täter nicht schnappt (hier eher unwahrscheinlich), sondern wenn sie nicht alle erforderlichen und zumutbaren Vorkehrungen getroffen haben, um aktive Bestechung zu verhindern. Die Compliance-Abteilung kann also weiter aufgestockt werden…

Wer nun noch gern eine etwas fundiertere Auseinandersetzung mit der Materie hätte, findet als Swico-Mitglied ein Merkblatt auf unserer Arbeitgeberplattform im Extranet, wo mittels Grafiken, Tabellen und FAQ genau erklärt wird, was zu tun ist – und vor allem, was zu lassen.

Das Ganze ist ja irgendwie schon pervers: Sie dürfen mich nur zu einem Golf-Weekend einladen, wenn Sie nichts Konkretes von mir wollen. Dann macht es ja aber irgendwie keinen Sinn – ökonomisch. Wobei ich dieses Beispiel ganz bewusst gewählt habe (denn bestechen lassen ist ja gleichermassen strafbar!): Ich spiele kein Golf.

Urlaub in der Karibik

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch.

Bildnachweis: Fotolia, eyetronic

CSR? Nein danke, bzw. ja bitte!

Kürzlich wurde ich gefragt, ob Swico mittlerweile zu den Gutmenschen übergelaufen sei, weil wir in unserem Verhaltenskodex von unseren Mitgliedunternehmen „Corporate Citizenship“ einfordern, was ja stark nach „Corporate Social Responsibility“ (CSR) tönt, dem neuesten Steckenpferd der Bundesverwaltung.

In der Tat gebar letztes Jahr der Bundesrat ein CSR-Positionspapier, mit dem er Unternehmen dazu bringen will, das zu tun, was sie nicht müssen, aber aus seiner Sicht wollen sollen. Der CSR-Ansatz lautet, dass Unternehmen freiwillig gesellschaftliche (soziale, ökologische) Verantwortung übernehmen sollen. Damit schreibt der Staat vor, dass sich eine Firma nach den moralischen Auffassungen des Staates beziehungsweise der Gesellschaft richtig verhalten soll, jenseits dessen, was vorgeschrieben ist. Dies ist nichts anderes als Political Correctness in neuen Schläuchen.

Dabei ist doch klar: Entweder der Gesetzgeber (wir!) hält es für wichtig, dass der Staat Regeln aufstellt, dann befiehlt er: Zum Beispiel, dass Bauarbeiter einen Schutzhelm tragen, oder wie hoch der Mehrwertsteuersatz für Döner ist. Falls jedoch der Staat aufgrund der Verfassung zu einer Regulierung nicht legitimiert ist (von uns!), hat er sich zum Thema auch nicht zu äussern. Zum Beispiel bei der Wahl der Sockenfarbe im öffentlichen Verkehr oder wann ich am Sonntag aufstehe.

Aber die Versuchung ist gross, diese Grenze aufzuweichen. Es begann mit Präventionskampagnen, dann kam „Nudging“, und nun steht CSR auf dem Programm. Ein aktuelles Beispiel dazu: Das Parlament hat die Gesetzesvorlage „Grüne Wirtschaft“ (aus guten Gründen und mit Swico-Unterstützung) bachab geschickt. Der entsprechende „Aktionsplan“ des Bundes hat damit keine rechtliche Grundlage mehr, wird aber frisch fröhlich weiter verfolgt, halt einfach als Teil der CSR-Strategie des Bundes.

Der Begriff CSR ist jedoch in der Wirtschaft fest etabliert und viele Unternehmen arbeiten damit. Ist nun CSR etwas Gutes oder bloss ein trojanisches Pferd des Staates? Entscheidend scheint mir als Ausgangspunkt folgende Feststellung: Unternehmen sind nicht dazu da, moralischen Vorstellungen zum Durchbruch zu verhelfen, sondern um ökonomischen Mehrwert zu schaffen (und sich dabei natürlich an die Gesetze zu halten). Frei nach Nobelpreisträger Milton Friedman: „The social responsibility of business is to increase its profits.“

Heisst das nun, dass sich Unternehmen unmoralisch verhalten sollen? Überhaupt nicht. Moralisches Verhalten macht aus vielen Gründen Sinn und ist zu empfehlen: Weil ich mich dabei besser fühle (als Chef oder Aktionär) und daher motivierter bin, weil eine gute Reputation verkaufsfördernd wirkt, weil ich einfacher gute Mitarbeitende anstellen kann, weil ich Premium-Preise erziele etc. All dies dient jedoch eben nicht einem primär moralischen Zweck, sondern schlicht und einfach der bereits erwähnten Steigerung des Mehrwerts. Denn Menschen können (und sollen) sich moralisch verhalten, Unternehmen haben als solche keine Moral und sind nichts anderes als ökonomische Werkzeuge von Menschen.

Sind also CSR-Programme des Teufels? Nein, denn wenn moralisches Handeln im Unternehmensinteresse liegt, dann ist es doch angemessen, diese Aktivitäten systematisch und strukturiert vorzunehmen. Und wenn Analysten oder Investoren das Buzz-Wort CSR hören wollen, geben wir es ihnen; nicht aus moralischen Gründen, sondern weil es besser tönt als „Integrierte Image-Kampagne“.

Also lasst uns weiterhin CSR machen und unsere Firmen sollen „Good Corporate Citizen“ sein. Aber um ökonomischen Mehrwert zu schaffen, und nicht weil uns dann der Bundesrat zufrieden übers Köpfchen streichelt.

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Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch.

Lokaltermin in Mailand: Expo 2015

Wie sich physische Echtzeitkommunikation im globalen Kontext anfühlt, habe ich letzte Woche an der Expo 2015 in Mailand erkundet. Das Thema „Food“ brachte dabei eine besonders sinnliche Komponente ins Spiel. Mich nahm Wunder: Welche Botschaften werden wie verbreitet? Und natürlich auch: Wie wird dabei ICT eingesetzt?

Um es vorwegzunehmen: Es reicht vom schlichten Negieren des Internets (nirgends eine URL), bis hin zum absoluten Overkill, wo innerhalb eines Pavillons für jede Station eine spezielle App per QR-Code angeboten wird. Trotz WLAN auf dem Gelände ist Letzteres schon etwas viel verlangt (aber das wäre ja eher das Thema von Mitkolumnist Peter Wolf). Grob lassen sich drei Arten von Länderpavillons unterscheiden (auf die NGO und Sponsoren gehe ich hier nicht ein):

Entwicklungsländer: Je nach Hauptprodukt ihrer Landwirtschaft in Standardpavillons untergebracht. Sie zeigen Rohstoffe, Kunsthandwerk und Tourismusvideos. Prädikat: bunt und statisch. Aufforderung: Macht Ferien bei uns!

Schwellenländer: Aufwändige Bauten mit Architainment-Anspruch, Fokus auf Wirtschaft, Innovation und Agrartechnologie. Multimedia und Touchscreen häufig, aber unzweckmässig eingesetzt. Je nach Regime mit Portrait und Video des lokalen Machthabers. Prädikat: Wir sind wer. Aufforderung: Investiert bei uns!

Industrieländer: Noch aufwändigere Bauten mit hohem konzeptionellem Anspruch, Multimediaspektakel der Kino-Klasse. Betonung der Natur, wegweisende Rolle des Landes für die Ernährung der ganzen Welt und für die Nachhaltigkeit. Prädikat: Wir kümmern uns. Aufforderung: Habt uns lieb!

Zwei Pavillons sind mir besonders aufgefallen: Bei allen andern Ländern wird gnadenlos auf heile Welt gemacht und das Land in den schönsten Farben gemalt; selbst dort, wo Kriege wüten, wo brutal Menschen terrorisiert werden oder bitterste Armut herrscht. Der Vatikanstaat setzt da einen Kontrapunkt: Mit harten Bildern und Texten zu Krieg, Korruption, Unterdrückung setzt er auf eine ganz andere Tonalität. Auf Nachfrage hin heisst es, das sei der Stempel des neuen Papstes.

Und dann natürlich die Schweiz: Hier werden die Besucher zum Hinterfragen des eigenen Verhaltens aktiviert, indem sie sich in vier Türmen hemmungslos mit eingelagerten Produkten (Apfelringli, Kaffee, Salz, Wasser) bedienen können, gleichzeitig aber von Begleitern aufmerksam gemacht werden, wie lange es für die nachfolgenden Expo-Besucher reicht, wenn man ein Produkt, zwei oder grad einen Sack voll mitnimmt.

Zusammenfassend ist es der einzige Pavillon, in welchem a) statt auf Showeffekte auf Nachdenken über das eigene Verhalten gesetzt wird, b) es etwas gratis gibt und c) der Eintrittszeitpunkt im Voraus elektronisch gebucht werden kann. Letzteres ist definitiv eine Alternative zum langen Anstehen bei 38 Grad Aussentemperatur… Daneben hat es noch Side-Shows, unter denen die Tourismus-Kurzfilme der Kantone Tessin und Uri positiv auffallen.

Was mir generell auffiel: Überall, wo man es dem vorbei kommenden Besucher überliess, den Aufenthalt selbst zu strukturieren und bei Interesse Multimediaprodukte zu konsumieren, blieb der Eindruck diffus und schal; man fühlte sich über- oder unterfordert. In den Pavillons hingegen, in denen man (gruppenweise) von Station zu Station geführt wurde, konnte die Präsentation wirklich so aufgezogen werden, dass der Besucher gefesselt wurde und der Funke übersprang.

Übrigens: Am Schweizer Pavillon war die Side-Show über die Stadt Zürich für längere Dauer „aus technischen Gründen“ geschlossen, wie ein improvisiertes Schildchen vor Ort informierte. War das vielleicht sogar geplant? Das wiederum fände ich sehr geschickt, um die Botschaft weiter zu tragen: Wir Schweizer sind auch nicht immer so perfekt, wie ihr alle meint!

EXPOMilano

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

Ethik auch in struben Zeiten hoch im Kurs

Gerade in Zeiten des Euro-Schocks und anderer wirtschaftlicher Probleme ist es wichtig, der Einhaltung ethischer Regeln hohe Priorität zu geben. Denn gerade dann ist die Versuchung besonders gross, sich nach dem Brecht’schen Motto zu verhalten: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Umso bemerkenswerter, dass in meinem Umfeld in den letzten Tagen Ethik immer wieder ein Thema war:

  • Am 27. Januar 2015 lancierte Swico den in mehrmonatiger Arbeit entwickelten und abgestimmten Verhaltenskodex für ICT-Anbieter: Mehr dazu im Gespräch mit dem Klein-Report.
  • Am 2. Februar 2015 durfte ich bei der Zentralschweizer PR-Gesellschaft ZSPR als einer von zwei Referenten zum Thema PR-Ethik sprechen. Ins Thema führte Brigitte Frei von Kontura ein. Ihre Abschlussarbeit für das Diplom als eidg. dipl. PR-Berater behandelte das Thema PR-Ethik in der Schweiz.
  • Und am 3. Februar 2015 fand in der ETH Zürich der Communication Summit von Zürcher Presseverein und Zürcher PR-Gesellschaft statt, der sich ebenfalls mit ethischen Fragen befasste.

Die in der Schweiz gültigen Verhaltensregeln für PR- und Kommunikationsleute

Twitter-Feed zum Communication Summit

Meine Präsentation bei der ZSPR:

Als Social CEO am Social Media Gipfel

Nach zahlreichen Teilnahmen als „Konsument“ erhielt ich gestern die Gelegenheit, am „Social Media Gipfel“ von Blogwerk und Bernet_PR als Referent aufzutreten. Diese tolle Institution haben seinerzeit Peter Hogenkamp und Marcel Bernet ins Leben gerufen und damit einen Kristallisationspunkt für die Blogger- und Social-Media-Community der Schweiz kreiert, dessen Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Obwohl man sich um 07.30 Uhr anmelden muss und der Anlass selbst eine Woche später um 07.30 Uhr stattfindet, ist der Saal immer gerappelt voll und es müssen aus Platzgründen Besucher abgewiesen werden.

Gerne dokumentiere ich nachfolgend für alle Abgewiesenen, im Stau stecken Gebliebenen und Daheimgebliebenen meinen Auftritt und die Reaktion darauf, nicht ohne zuerst meinem Mitreferenten Rolf Hiltl vom Haus Hiltl eine Kränzchen für seine engagierte, packende und inspirierende Präsentation zu winden. Er gehört zu den Unternehmern, welche der Schweiz gut tun und sie weiter bringen. Wir bräuchten mehr davon!

Der Film auf Vimeo: //player.vimeo.com/video/111014703#t=4m48s

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Bild von Boris Baldinger aus der sehr schönen Gipfel-Dokumentation auf Flickr.com

Gegen Réduit-Denken bei der ICT-Beschaffung

Anfang Jahr kündigte der Bundesrat an, bei ICT-Ausschreibungen für „kritische“ Infrastrukturen aus Gründen der Staatssicherheit nur noch schweizerische Anbieter zuzulassen. Schon damals äusserte ich mich sehr kritisch zu diesem Bundesratsbeschluss. Am 22. Oktober wurde nun erstmals eine Ausschreibung publiziert, bei der ausdrücklich verlangt wird, dass der Anbieter und alle Subakkordanten „schweizerisch beherrscht“ sein müssen, womit z.B. alle Tochtergesellschaften internationaler Firmen automatisch ausgeschlossen sind. Im Ausschreibungstext findet sich die entsprechende Bestimmung im Kapitel 3.8, EK (= Eignungskriterium) 20. 

Aus Sicht aller ICT-Anbieter – auch der inländischen – ist dieser Schritt sehr zu bedauern. Es bleibt zu hoffen, dass die bereits eingereichten und wohl noch zu erwartenden Rechtsmittel zu einer Rücknahme dieses Beschlusses führen, oder zumindest die übermässig breite Anwendung einschränken, wie sie vorliegend zum Zug kommt. Ich bin überdies überzeugt, dass die Ausschreibung in dieser Form gegen die WTO-Richtlinien verstösst. Mit diesem Vorgehen verlieren jedenfalls alle, Bund, Steuerzahler, inländisch und ausländisch „beherrschte“ Unternehmen.

So funktioniert ICT nicht

Der Beschluss geht von völlig unrealistischen Voraussetzungen aus, wie sich gerade am Beispiel der aktuellen Ausschreibung sehr schön zeigen lässt. ICT-Systeme werden in aller Regel nicht von einem einzelnen Anbieter von A bis Z erstellt. Sie basieren oft auf Komponenten, die von weiteren Firmen zugekauft werden oder greifen auf Dienstleistungen von Lieferanten zurück, die oft im Ausland ansässig sind. Es gibt mit ganz wenigen Ausnahmen kein IT-System, bei dem ausschliesslich „schweizerische“ Bestandteile oder Dienstleistungen verwendet werden. Für alle, die es noch nicht wissen: Wir leben in einer globalisierten Welt, in welcher Produkte nicht nach nationalstaatlichen Kriterien hergestellt werden bzw. hergestellt werden können.

Bei der konkreten Ausschreibung geht es um die Betreuung von 12‘000 Netzwerkkomponenten, die von einem ausländischen Unternehmen erworben wurden, welcher überdies während der ganzen Lebensdauer auch regelmässig Updates liefert. Entweder gilt der Staatssicherheitsvorbehalt wirklich, dann dürften solche „ausländischen“ Komponenten gar nicht eingesetzt werden, oder er gilt nicht, dann ist es auch für die mit der Ausschreibung gesuchte Support-Firma unerheblich, ob sie schweizerisch oder ausländisch beherrscht ist (sofern sie alle anderen Bedingungen erfüllt). Was gilt nun? Hier verheddert sich der Bund schon mal in Widersprüche.

Rein schweizerische Produkte gibt es kaum

Kommt dazu, dass der Bund gar keine Wahl hat. Denn entsprechende Komponenten werden in der Schweiz gar nicht hergestellt, somit ist der Bund so oder so auf Produkte von „ausländisch beherrschten“ Unternehmen angewiesen. Es ist für die Staatssicherheit irrelevant, wer defekte Komponenten austauscht.

Allgemeiner formuliert: Immer wenn Hardware, Betriebssysteme oder auch Middleware betroffen ist, für die es in aller Regel keine Schweizer Produkte gibt, macht es keinen Sinn, dass die Wartung von reinrassigen Schweizer Unternehmen übernommen werden muss. Man kann dann allenfalls darüber diskutieren, wenn Schweizer Produkte verfügbar sind – und die Schweiz hat eine starke, zum Teil im Export sehr erfolgreiche Software-Industrie (dazu komme ich noch).

Es gibt im Übrigen auch weniger einschränkende Möglichkeiten, um solchen Sicherheitsaspekten Rechnung zu tragen – und sie werden in der Schweiz auch schon angewendet: Die eingesetzten Mitarbeitenden benötigen einen Schweizer Pass und haben eine entsprechende Sicherheitsüberprüfung hinter sich gebracht. Wenn es denn wirklich um wirklich kritische Infrastruktur geht!

Auch Steuerzahler verliert

Der Steuerzahler gehört bei extensiver Verwendung der Heimatschutzklausel ebenfalls zu den Verlierern, denn die Bestimmung führt über eine künstliche Verknappung des Angebots zu höheren Preisen und Monopolrenten für Schweizer Unternehmen, die eine Leistung als einzige aus der Schweiz heraus erbringen können. Die aktuelle Beschaffungsproblematik bei der öffentlichen Hand würde sich so noch weiter zuspitzen.

Und für die Schweizer ICT-Exportunternehmen kann das Ganze relativ rasch zum Bumerang werden. Unsere Anbieter sind besonders stark im Banking und bei Sicherheitslösungen engagiert, beides Bereiche, bei denen andere Länder sehr rasch Vorbehalte gegenüber „ausländischen“ Lösungen vorbringen könnten – insbesondere als Retorsionsmassnahmen gegen eine Schweiz, die sich beschaffungsrechtlich ins Réduit zurückzieht.

Die „Staatssicherheit“ ist ein Totschlagsargument, das man nicht überbeanspruchen sollte. Der Bund tut daher gut daran, seine verfehlte Heimatschutz-Politik zu überdenken und nur bei wirklich kritischen Anwendungen solche Notbehelfe anzuwenden.

Dieser Beitrag  erschien in leicht gekürzter Form und natürlich ohne Links in der NZZ vom 31. Oktober 2014 in der Rubrik „Meinungen und Debatten“

German bunker in Normandy from the Second World War

Bildnachweis: Fotolia.de © JPchret

Abwesenheitsmeldung

Die Ferienzeit ist die Zeit der Abwesenheitsmeldungen. Und als jemand, der diesen Sommer grösstenteils UHU-Ferien macht (also „ums Huus ume“), erhalte ich im Moment solche relativ gehäuft, was meinen Forschergeist angeregt hat. Meine Typologie der Abwesenheitsmeldungen umfasst fünf Kategorien:

Der Kundenorientierte

Ihr Mail wird vom Server gelöscht und nicht weiter geleitet. Falls dann noch relevant: nach dem 15. August erneut senden.

Der Unkomplizierte

Ich bin bis am 15. August 2014, 08.30 Uhr infolge Ferienabwesenheit nicht erreichbar. Falls Sie ein Kunde sind, dessen Name mit dem Buchstaben A bis K beginnt, so steht Ihnen Frau Huber unter anita.huber@firma_x.ch zur Verfügung (Sie hat am Mittwoch-Nachmittag frei). Falls Ihr Name mit einem Buchstaben von L bis Z beginnt, wenden Sie sich an Herrn Meili unter martin.meili@firma_x.ch (Er ist Frühaufsteher und arbeitet jeweils bis 15.30 Uhr).

Der Genaue

Danke für Ihr Mial, melde mich nachd en Weihnachtsferin ca. am 55. Janaur 2012.

Der Bescheidene

Leider kann ich ihr Mail nicht lesen, da ich gegenwärtig mit meiner Familie in der Presidential Villa im Lemuria Resort auf den Seychellen Ferien mache. Wie gut es mir dort geht, sehen sie hier auf Instagram ((Link)).

Der Unabhängige

Danke für ihr Mail an die Regionaldirektion. Der Mail-Server unseres Konzerns erlaubt leider keine Mail-Zustellung während der Frei- oder der Ferienzeit. Wenn Sie mich trotzdem erreichen möchten, senden Sie bitte ihr Mail an schnurrliputz_69_XXX@gmail.com.

Vielleicht fragen Sie sich, wie denn meine Abwesenheitsmeldung aussieht. Nun, ich mache gar keine. Ich hoffe doch, man weiss, dass ich meine Erreichbarkeit im Griff habe, so dass jedermann zu einem geeigneten Zeitpunkt mit einer Antwort rechnen kann. Und für wirklich dringende Fälle gibt’s ja immer noch die Combox.

Strandkorb auf Sylt

Bildnachweis: © Robert Neumann – Fotolia.com

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

Unterste Schublade

Als vor einem halben Jahr der Bericht der „Arbeitsgruppe zur Optimierung der kollektiven Verwertung von Urheberrechten“, kurz AGUR12, publiziert wurde, hatte ich gehofft, dass das Elaborat in die tiefste Schublade des EJPD versenkt würde und nie mehr zum Vorschein käme. Aber schon damals war klar, dass die unheilige Allianz zwischen globalen Unterhaltungskonzernen und den einheimischen Verwertungsgesellschaften weiterhin Druck aufsetzen würde. Nun ist es soweit, vor ein paar Tagen hat das Departement das weitere Vorgehen skizziert.

Schon der Titel der Mitteilung ist krass irreführend: „Bundesrat will Urheberrecht modernisieren“. Denn gerade dies soll nicht passieren. Es geht darum, überholte Strukturen zu erhalten, technisch veraltete Geschäftsprozesse zu perpetuieren und schwerfällige, teure Bürokratien zu schützen. Inside-it.ch hat es (unabsichtlich?) ironisch auf den Punkt gebracht: Download bleibt straffrei. Das immerhin.

War aber auch klar. In einer direkten Demokratie darf man den Stimmbürger nie direkt angreifen, sondern immer nur über die Bande. Also wird das Recht auf Privatkopie nicht angetastet. Dafür sollen die ICT-Anbieter als Big Brother im Hintergrund alles kontrollieren.

Der Mitteilung entnehme ich, dass der fundamentale Unterschied zwischen Content Provider und Access Provider nicht gesehen wird. Die Aussage, wonach Provider unter bestimmten Bedingungen „den Zugang zu offensichtlich illegalen Inhalten oder Quellen sperren müssen“ ist daher nicht klar. Heisst dies nun, dass Content Provider „illegale“ Inhalte entfernen müssen, oder heisst dies, dass Access Provider die Erreichbarkeit von „illegalen“ Seiten verhindern müssen? Ich weiss es nicht, und das EJPD wohl noch weniger.

Das Powerplay des US-Handelsministeriums und der Verwerter trifft auf das Unwissen und die Willfährigkeit der Verwaltung. Wir dürfen gespannt sein, welche Wundertüte das Departement bis Ende 2015 auf den Weg bringen will. Wer sich auf das Schlimmste gefasst macht, dürfte bei dieser Ausgangslage nicht weit daneben liegen.

Unsere Behörden wäre gut beraten, die Erfahrungen der französischen Regierung zu analysieren. Diese hatte 2009 vollmundig ein Gesetz verabschieden lassen, das nach „Ermahnung“ des Konsumenten eine Abschaltung seines Internet-Anschlusses vorsah (kann man sich dort mangels direkter Demokratie leisten). Das Gesetz war heftigst umstritten und bewirkte den Aufbau einer schwerfälligen Bürokratie, der „Haute Autorité pour la diffusion des œuvres et la protection des droits sur l’internet“, deren Abkürzung HADOPI dem Gesetz den Namen gab.

Als es nach vier Jahren (!) endlich soweit war, dass erstmals eine Abschaltung verfügt werden sollte, war es schon zu spät: Die Abschaltung war gerade als Sanktionsmöglichkeit aufgehoben worden. Damit aber hatte der Apparat seine eigentliche Daseinsberechtigung verloren. Was die Regierung natürlich nicht einfach zugeben kann.

Sie löst die Sache à la française: Wie Medien soeben berichten, warten von den neun HADOPI-Direktoren drei seit fünf Monaten auf ihre Wiederwahl. Geht es so weiter, könnte sich die Behörde nach und nach in Luft auflösen und eine andere Stelle die wenigen verbliebenen Aufgaben übernehmen. Wie viel einfacher wäre es da gewesen, von Anfang an das ganze Dossier in einer ganz tiefen Schublade zu versenken…

file cabinet

Bildnachweis: © tiero – Fotolia.com

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch