Archiv der Kategorie: Energie

Was Tesla und Plastiksäckli gemeinsam haben

Eine grosse Tageszeitung wagte es kürzlich, in einem Artikel die Umweltfreundlichkeit des Tesla in Zweifel zu ziehen. Er wies auf verschiedene Probleme im Zusammenhang mit Elektromobilität im Allgemeinen und diesem Produkt im Besonderen hin. Sofort ergoss sich eine Flut von negativen Leserkommentaren (bis dato mehr als 500) über die Redaktion, von vielfältigen und regen Unmutsäusserungen auf den sozialen Medien begleitet.

Der Tenor: Es ist unstatthaft, Elektromobilität und Tesla zu kritisieren, weil sie „Heilsbringer“ sind und man einfach daran „glauben“ muss. Den Habitués dieser Kolumne, die hier eine typisch Hensch’sche Überspitzung sehen, muss ich leider sagen: Diese Worte – und andere aus dem religiösen Bereich – kamen im Diskurs mehrfach vor.

Ich nehme mich des Themas nicht deshalb an, weil ich den Tesla so weltbewegend finde. Mir geht es um das allgemeine Phänomen, dass immer wieder Produkte und Verhaltensweisen auftauchen, die uns umweltfreundlich scheinen, es aber nicht sind. Und dass man – wenn man dies aufzeigt – stets zur Antwort erhält, diese objektiven Gründe seien nicht so wichtig, vielmehr käme es darauf an, ein Zeichen zu setzen. Oder, noch schlimmer, „kein falsches Zeichen“ zu setzen. Insofern hätte ich auch über Plastiksäckli schreiben können statt über Tesla.

Aber was sind denn nun, wenn man das Ganze aus der Distanz anschaut, die für mich wichtigen Punkte?

Die Rohstoffproblematik ist nicht auch nur annähernd im Griff. Tatsache ist, dass Elektromobilität auf seltene Metalle angewiesen ist und dass die Entsorgung noch in keiner Art und Weise so geregelt ist, dass nicht nur Stahl und Aluminium, sondern eben auch die neuen technischen Metalle erfasst werden. Die entsprechenden Schwierigkeiten haben wir im Rahmen von Swico Recycling ausgiebig untersuchen lassen.

Unser Strommix ist zudem bei weitem nicht so klimaschonend, wie es die Produktionsbilanz übers Jahr erscheinen lässt. Der in der Schweiz verbrauchte Strommix (und nur das zählt hier) ist deutlich CO2-belasteter als der in unserem Land insgesamt produzierte. Der Grund: Im Winter sind wir für unseren Stromkonsum massiv auf Kohlestrom-Importe aus dem Ausland angewiesen.

Elektromobilität wird heute mit „gutem Gewissen“ gleichgestellt und sorgt dafür, dass das Mobilitätsverhalten nicht hinterfragt werden muss. Dank gutem Gewissen kann man gut in der Pampa leben, wo das Einfamilienhaus eine deutlich schlechtere Energie- und Umweltbilanz aufweist als die Stadtwohnung, woran auch Minergie Eco Green Plus Ultra Mega nichts ändern kann.

Wie im zuerst erwähnten Artikel ausgeführt, schneidet ein sparsamer Benziner per Saldo bezüglich Umweltbelastung besser ab als ein Tesla. Ich vertiefe das hier nicht.

Tesla ist ein Spassauto, das nicht nach Nützlichkeitskriterien entwickelt wurde. Es ist als Statussymbol gedacht, um gleichzeitig mit wirtschaftlicher Potenz und Umweltbewusstsein zu protzen. Tesla kann keine Fahrzeuge substituieren, die wir benötigen, um im Transportbereich volkswirtschaftliche Wertschöpfung zu generieren. Deshalb haben Haushalte mit Tesla bezeichnenderweise meist noch weitere Motorfahrzeuge in der Garage. So gesehen ist die These nicht von der Hand zu weisen, dass jeder zusätzliche Tesla auf der Strasse mehr Verkehr und zusätzliche Umweltbelastung generiert.

Zum Schluss noch eine Prise Polemik: Natürlich ist meine Stichprobe vielleicht verzerrt, doch einige dieser Tesla-Apostel kenne ich persönlich und sie entsprechen folgendem Strickmuster: Einfamilienhaus im Grünen, gut verdienend und die Frau fährt einen Zweitwagen (Smart!). Sie finden Tesla fahren einfach nur geil (die Beschleunigung!) – und so gut für die Umwelt. Sie alle halten mich für ein Umweltschwein, das die Welt direkt in die Katastrophe führt. Zwar haben meine Frau und ich seit Jahr und Tag kein Auto mehr. Aber dass ich den Tesla nicht für anbetungswürdig halte und es laut sage, empfinden sie als ausgemachten ökologischen Skandal. Obwohl ich doch kaum je Plastiksäckli benütze…

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Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bild: Jean-Marc Hensch (c) 2015

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Gleich zweifach: Verarbeitung von organischem Material in Zürich-West

Gestern hat es mich in mein ehemaliges Wohnquartier Altstetten gezogen, um am Tag der offenen Türe von zwei Institutionen teilzunehmen, die ihre Pforten öffnen. In beiden Fällen trieb mich nicht einfach Neugier oder samstägliche Langeweile an, sondern ein spezieller Bezug.

Die morgen in Betrieb gehenden „Verrichtungsboxen“ sollen die unwürdigen Zustände am Strassenstrich vom Sihlquai beenden. Wenn das Ganze funktioniert, verschieben sich die Prostituierten und ihre Kunden nach Altstetten in die neue Anlage im Gewerbegebiet, und alles wird gut (ausser vielleicht für den Steuerzahler, der die Triebabfuhr von Freiern subventionieren muss). Wenn es jedoch nicht funktioniert, wird das horizontale Gewerbe ausweichen auf den einzigen noch zur Verfügung stehenden legalen Autostrich in Zürich – in die Brunau im Quartier Enge. Als Quartiervereinspräsident habe ich mich schon seit zwei Jahren intensiv mit dem Thema befasst, vor zwei Monaten haben wir einen Anlass zum Thema durchgeführt. Als Quartierverein haben uns von Anfang an nicht grundsätzlich gegen das Vorhaben ausgesprochen (das wäre St.-Florians-Politik), aber ein gutes Sicherheitsdispositiv und klare Leitplanken gefordert. In der Brunau befindet sich nämlich der Strichplatz nicht in einem abgeschotteten, überwachten Areal wie in Altstetten, sondern unmittelbar an der Strasse, auch in der Nähe von Sportplätzen und Verbindungswegen zur Allmend. Während einzelne Medien bereits unken, die Sexboxen in Altstetten würden von Freiern nicht akzeptiert werden, sehen es die Verantwortlichen vor Ort anders: Bereits in den letzten Tagen hätten sie reihenweise Freier abweisen müssen, welche sich hier bedienen lassen wollten… Die Anlage ist zwar baulich einfach gehalten, aber mit der gnadenlosen Perfektion der Zürcher Stadtverwaltung durchkonzipiert. Trotzdem muss man sich bewusst sein, das Ganze ist ein Experiment: Noch niemand in der Schweiz hat je eine solche Anlage konzipiert oder gebaut. Ich bin jedenfalls vorsichtig optimistisch. Auf der Homepage der Stadt ist übrigens der Strichplatz Depotweg im Kapitel „Aufsuchende Sozialarbeit“ referenziert. So kann man es natürlich auch sehen…

Wirklich überraschend ist das Interesse der Medien, und zwar nicht aus der Schweiz, sondern auch aus dem Ausland. Die Kombination vom sauberen, reichen Zürich und dem verruchten schmutzigen Geschäft mit dem schnellen Sex ist natürlich sehr attraktiv. Die Kommunikationsverantwortlichen von Sozial- und Polizeidepartement sind sich ja einiges in Sachen Medien gewöhnt, aber ein solcher Ansturm lässt selbst sie fast sprachlos. Obwohl die Medien ihre eigenen Besichtigungstermine hatten, standen auch am Tag der offenen Türe viele Journalisten herum, um die „Vox populi“ einzufangen. Ich wurde gleich zwei Mal interviewt: Zuerst von einer etwas naiven jungen Lokalradio-Praktikantin, und dann – sozusagen am anderen Ende der journalistischen Hackordnung – auf Englisch vom Associated Press „Chief Correspondent in Switzerland“.

Der zweite Anlass in Altstetten war wesentlich entspannter und weniger kontrovers: Die Stadt Zürich nahm ihre erste Biogas-Anlage in Betrieb: eine geschlossene Anlage, in welcher der Bioabfall durch mikrobiellen Abbau in Biogas umgewandelt wird. Vor dem Einspeisen ins Erdgasnetz wird es dann zu Erdgasqualität aufbereitet. Während fast einem Jahrzehnt hatte ich mich als Exponent der Gasindustrie zusammen mit vielen anderen dafür engagiert, dass eine solche Anlage gebaut wird. Zehn Jahre wurden verloren, weil die entscheidenden Leute in der Verwaltung Grüngut lieber verbrennen wollten. Nun war es für mich eine Genugtuung, die Früchte unseres Engagements mit eigenen Augen zu sehen bzw. mit eigener Nase zu riechen. Wobei: In der Biogas-Anlage stinkt es zwar etwas, aber dafür gibt es am Tag der offenen Tür wenigstens eine Bratwurst!

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ICT4Sustainability

Heute habe ich im Rahmen des Swiss Workshops am internationalen Kongresses ICT4Sustainability2013 über das Thema nachhaltige Beschaffung referiert. Der Anlass wurde organisiert und unterstützt von BAKOM (Bundesamt für Kommunikation) und ARE (Bundesamt für Raumentwicklung). Dabei konnte ich Swico-Know-how aus verschiedenen Aktivitäten einfliessen lassen, so insbesondere aus dem Bereich Energieeffizienz (Energystar) und aus dem Recycling.

Ich versuchte das Ganze einfach, aber klar zu halten, was nach mir aufgrund des Feedbacks vermutlich gelungen ist. Meine Argumentationskette:

  1. Grundlage ist eine saubere betriebswirtschaftliche Analyse der Kosten eines Beschaffungsprojektes, bei der alle Kostenfaktoren aus den Phasen Beschaffung, Transaktion, Nutzung und Ausserdienststellung ermittelt und mit den Beschaffungsalternativen (inkl. Null-Lösung) verglichen werden. Stichwort: Life-Cycle-Costing.
  2. Danach sind die weiteren Nachhaltigkeitsdimensionen (sozial und ökologisch) einzubeziehen. Es wird nur in Ausnahmefällen möglich sein, diese (komplexen) Berechnungen selbst durchzuführen. Hingegen kann ein Unternehmen definieren, welche Werte ihm wichtig sind, und dann darauf basierend entsprechende Labels und Standards intern für verbindlich erklären.
  3. Um noch weiter zu kommen, muss der Interssengegensatz zwischen Verkäufer und Käufer aufgelöst werden. Statt Maschinen und Geräte zu kaufen, erwirbt man Dienstleistungen und Nutzungsrechte (Z.B.: Statt eine Waschmaschine zu kaufen, nutze ich einen Wäschedienst). Im Bereich Grossfotokopierer sind solche Konzepte schon sehr etabliert, und das System Mobility ist sehr bekannt. Aber es bestehen auch wichtige Hürden, welche die stärkere Etablierung einer „Leasing Society“ erschweren.
Links zum Thema

ICT und Energiestrategie 2050

Natürlich muss man zwei Wochen Ferien nehmen, um alle Dokumente des Bundes zum Thema zu studieren. Und wer von uns kann das schon. Doch die Vorlage des Bundesrats für eine Energiestrategie 2050 sollte uns wirklich zu denken geben, und zwar auch ganz konkret aus Sicht der ICT-Wirtschaft:

Technologieverbote sind unsinnig
Auslöser für die ganze Vorlage war die Havarie im japanischen Kernkraftwerk Fukushima, beziehungsweise das, was Politik und Medien daraus gemacht haben. Demgemäss postuliert die Energiestrategie ein absolutes Technologieverbot für die Kernkraft. Damit werden zukünftige Entwicklungen unabhängig von ihrem Potenzial abgewürgt. Dies ist nicht nur volkswirtschaftlich schädlich, sondern gefährdet auch den Forschungs- und Entwicklungsstandort Schweiz. Aus meiner Sicht soll der Staat das akzeptable Mass an Risiken und die Überwachung regeln, sich aber ansonsten technologieneutral verhalten. Und dies alles hat nichts damit zu tun, ob man für oder gegen Kernkraft eingestellt ist: Morgen schon kann es eine andere Technologie treffen – zum Beispiel in der ICT.

Cloud-Standort Schweiz kompromittiert
Die Vorlage geht von der stillschweigenden Annahme aus, Hersteller, Unternehmen und private Konsumenten seien grundsätzlich Energieverschwender, weshalb uns dies der Staat abgewöhnen oder verbieten müsse. Es gibt zwar den Fall der Heizkosten, bei dem die Investitionen beim Vermieter anfallen und die Kosten beim Mieter, weshalb kein Anreiz zur Gebäudesanierung besteht. Aber ansonsten sind wir alle sehr daran interessiert, Energie zu sparen, um Kosten zu senken. Stromversorger sollen dafür bezahlt werden, weniger Strom zu verkaufen; progressive Stromtarife sind eine der angedachten Massnahmen. Denn wer mehr Strom verbraucht, muss ja wohl der grössere Verschwender sein. Die Rechenzentrums-Betreiber, die alles Interesse haben, Strom zu sparen, und dennoch Grossverbraucher sind, bedanken sich dafür. Und die Vision vom„Datentresor Schweiz“ kann man sich natürlich unter solchen Bedingungen auch abschminken.

Marktchancen für ICT nicht überbewerten
Die ICT-Wirtschaft wird damit geködert, dass ihr die neue Energiestrategie dank neuen Businessmodellen gewaltige Marktchancen eröffnen wird (Zauberwort „Cleantech“). Dies ist jedoch nur sehr bedingt der Fall. Einerseits müssen der volkswirtschaftliche Schaden und die Risiken der Strategie berücksichtigt werden (z.B. der Export vieler Arbeitsplätze im Produktionsbereich), der sich negativ auf den Umsatz der ICT-Wirtschaft auswirken wird. Andererseits läuft die Entwicklung in Richtung Smart Grids und intelligente Systeme längst und wird sich mit oder ohne Energiestrategie noch beschleunigen.

Riskantes Überholmanöver
Die Energiestrategie verlangt, dass wir heute schon (oder sehr bald) verbindlich terminiert den Doppelausstieg aus Kernkraft und fossiler Energie vornehmen, und postuliert, dass dann die erneuerbaren Energien schon in die Lücke springen werden. Allfällige Unterdeckungen werden bewusst in Kauf genommen, um politischen Druck aufzusetzen. Die Aufgabe der Versorgungssicherheit als oberster Maxime der Energiepolitik ist jedoch für den IT-Standort Schweiz absolut verheerend. Ohne sichere Stromversorgung gibt’s die ICT-Wirtschaft in unserem Land schlicht nicht (mehr).

Energiethemen nicht unterschätzen
Dass sich die ICT-Wirtschaft bisher erstaunlich wenig mit Energiepolitik befasst hat, könnte sich also noch bitter rächen. Immerhin haben die ICT-Anbieter im Rahmen der Swico-Vernehmlassung zur Energiestrategie ihren Standpunkt auch formell kommuniziert – natürlich viel weniger polemisch als in diesem Blog-Beitrag… 

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[Bildnachweis: fricktal24.ch – Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne „Von Hensch zu Mensch“ auf inside-it.ch]