Negativ sind nicht nur die Zinsen

Vor ein paar Tagen nahm ich am Fintech Investor Day des Swiss ICT Investor Club SICTIC teil, an welchem unter anderem ein Dutzend hoffnungsfroher Firmengründer um Seed Money aus dem Publikum buhlten. Dabei ist mir einmal mehr klar geworden, wie schwer es ist, diese innovativen Ideen und Konzepte mit dem traditionellen Business der Banken zu vermählen. Warum tun sich Schweizer Banken im Vergleich zu Firmen aus anderen Wirtschaftsbereichen derart schwer, auf die Herausforderungen der Digitalisierung adäquat zu reagieren.

Dabei haben zahlreiche Institute Initiativen lanciert, mit denen sie Fintechs unterstützen (oder in anderer Lesart: an sich binden) wollen. Und Banken-Dienstleister SIX Group betreibt in Zürich mit F10 einen Incubator und Accelerator, der sich schlicht als „Home of Fintech“ bezeichnet.

Aus meiner Sicht ist es eine Vielzahl von Gründen, welche die Entwicklung hemmen:

Beginnen wir mit der IT. Da muss man den Banken zugutehalten, dass sie vielfach noch mit einer Uralt-Legacy-Infrastruktur im Maschinenraum kämpfen, welche die volle Integration neuer digitaler Produkte entweder zum Risiko oder aber zum Murks machen. Murks deshalb, weil aufwändige Workarounds nicht wirklich effizient sein können. Da ist es schon wesentlich einfacher, auf der grünen Wiese neu anzufangen, aufbauend auf neuester Technologie. Cobol und Java, das beisst sich.

Dann trifft sicher zu, dass es sich Banken doppelt überlegen, in Geschäftsfelder vorzustossen, in denen ihre traditionell hohen Margen (und Löhne) nicht mehr zu erzielen sind. Schlimmer noch, neue Konzepte können die bestehende Margenstruktur dauerhaft schädigen. Es steht ja ausser Frage, dass die Beratung durch geschniegelte Berater im noblen Ambiente der Bahnhofstrasse von Kunden als wertiger empfunden wird als die Abfertigung durch einen Robo-Advisor.

Apropos Robo-Advisor. Ein weiteres Problem liegt in der bestehenden Kundenbasis. Diese zeigt sich in ihrer Mehrheit nicht sehr aufgeschlossen gegenüber Innovationen. Lohnt es sich also, die paar Hipster als Neukunden zu gewinnen, wenn man gleichzeitig langjährige Stammkunden vergrätzt?

Natürlich fürchten die Banken auch die regulatorischen Risiken neuer Geschäftsbereiche. Dies betrifft sie zwar nicht allein, aber ganz besonders. Und nach den kostspieligen Auseinandersetzungen mit Justiz und Finanzmarkt-Aufsicht, von den völlig überdrehten Anforderungen des Geldwäschereigesetzes einmal ganz abgesehen, sind sie doppelt vorsichtig.

Wer den Eiertanz miterlebt, den es braucht, nur schon, um für ein Startup ein Konto zu eröffnen (soeben selbst erlebt), oder als Auslandschweizer, oder wer Kryptowährungen deponieren möchte, verzweifelt etwas. Erst seit einem Monat bietet eine Schweizer Bank die Möglichkeit, Bitcoins & Co. zu verwahren und in Fiat-Geld umzuwandeln. Bezeichnenderweise ist dieses Institut eine Neugründung auf der grünen Wiese…

Ein letzter Grund, den ich für das Hinterherhinken der Banken anführen möchte, ist die Einstellung des obersten Managements. Die führenden Köpfe wissen zwar theoretisch um die Bedeutung der Digitalisierung, scheuen es aber wie der Teufel das Weihwasser – zumindest im eigenen Institut. Ich hatte vor zwei Jahren die Gelegenheit, tête-à-tête mit einem Schweizer Bankchef zu sprechen. Ich musste feststellen, dass er von Crowdfunding und Crowdlending keine Ahnung hatte. Revolut? Nie gehört. Sinnigerweise fand das Gespräch auf einer Reise durchs Silicon Valley statt…

Die Hoffnung, man könne ja immer noch warten, bis sich ein Startup etabliert und es dann aufkaufen, dürfte sich als Illusion erweisen. Erstens zeigt sich, dass die Integration von Startups in so starre Gefüge wie Banken selten klappt und zweitens, dass noch potentere Kaufinteressenten in Form von Tech-Giganten Tech-Welt in Lauerstellung sind. Womit wir wieder bei der IT-Branche angelangt wären.

Hoffentlich täusche ich mich ja, aber alles in allem kann ich deshalb nicht optimistisch sein: Für die Schweizer Banken sind nicht nur die SNB-Zinsen negativ, negativ sind auch die langfristigen Aussichten. Zum Glück für uns ist ja ihre volkswirtschaftliche Bedeutung in der Schweiz schon seit einiger Zeit im Abnehmen begriffen.

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch und inside-channels.ch. Foto: Tim Evans auf Unsplash

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