Statt ins Rot­licht­viertel in die Pampa

Die Huronsöhne und -töchter waren alle da, über 300 an der Zahl: vor genau einer Woche an der 15-Jahre-Party des Verlags Huron AG und seiner beiden Online-Publikationen inside-it.ch und inside-channels.ch, für die ich jeweils eine Monatskolumne verfasse.

Da der Verleger seinen eigenen Medien in Sachen Reichweite nicht unbedingt traut, kommunizierte er vor, während und nach dem Anlass vorzugsweise via LinkedIn über sein Fest. Auch Facebook kam ausgiebig zum Zug. Immerhin gab es auch in den eigenen Medien Berichte: Tatsächlich waren sich mit etwas Zeitverzögerung auch inside-it.ch und inside-channels.ch in der Beurteilung überraschend einig: Super-Team, Super-Rede, Super-Show, Super-Lokal, Super-Sponsoren, Super-Essen, Super-Getränke, Super-Atmosphäre, Super-Bilder.

Vor diesem Hintergrund muss ich als Kolumnist natürlich einen neuen Ansatz finden, das Fest zu thematisieren (nichts darüber zu schreiben, wäre ja auch möglich, aber so leicht finden sich die Kolumnen-Themen auch wieder nicht!). Ich habe mich daher nicht auf die Hundezuckungen auf der Bühne konzentriert, sondern auf die Besucherinnen und Besucher.

Bei den anwesenden Journalisten konnte ich zwei Kategorien unterscheiden. Einerseits die von der Konkurrenz, die gerne in Komplimente verpackte Bösartigkeiten über den Gastgeber von sich geben, immer mit einem Blick über die Schulter, da die Wände (hier Location-bedingt vor allem Büsche oder Zeltblachen) an solchen Anlässen immer Ohren haben. Anwesend waren natürlich auch Ehemalige von inside-it.ch, die es mittlerweile in die richtigen Medien in Holzhausen geschafft haben und damit vom Regen in die Traufe. Für beide Gruppen ist das wichtigste Thema der Primeur oder der Scoop, a) den sie um ein Haar verfasst hätten, b) der ihnen weggeschnappt wurde, c) den sie im Interesse einer höheren Sache haben sausen lassen oder d) der dann doch keiner war (Zutreffendes ankreuzen).

Natürlich waren auch zahlreiche Kommunikationsleute anwesend, die sich ebenfalls in verschiedene Kategorien aufteilen lassen. Da sind die In-house-Markom/PR-Menschen, welche für die tollsten Unternehmen des Landes arbeiten (sagen sie) und die immer exklusive Geschichten zu bieten haben (siehe oben zum Thema Primeurs), deren Firmen aber partout nie Geld dafür haben, ein Inserat zu schalten. Daneben die externen Berater, die mit einem Portfolio von Mandaten jonglieren (auch „die tollsten Unternehmen“) und über den Dauerstress des harten Agenturlebens berichten. In einem ruhigeren Moment kann einem aber dann auch passieren, dass einer von ihnen einem ein Kärtchen zusteckt mit dem Hinweis, er könne sich durchaus eine Festanstellung vorstellen, ob ich zufälligerweise etwas wisse? Nicht eruierbar war allerdings, wer von all den Kommunikatoren zur Gattung derjenigen begnadeten Schreiber gehört, welche seinerzeit den Content für die legendäre freitägliche Leider-Nein-Kolumne lieferten.

Und ja, tatsächlich haben auch Vertreter der ICT-Wirtschaft den Weg zur Ziegelhütte in Schwamendingen gefunden. Alte Kämpen aus der Verbandslandschaft zum Beispiel, welche sich zum Teil sogar im Vorfeld als Geburtshelfer für den neuen Verlag betätigt hatten. Gemäss Gründungssage wurde ja die Unternehmensgründung in Istanbul (!) beschlossen, wobei der Businessplan auf einer Papierserviette Platz hatte (!!) und sich nur über die geplanten Ausgaben, jedoch nicht über die vorgesehenen Einnahmen ausliess (!!!). In der Ziegelhütte war allerdings das C-Level über alle Altersgruppen hinweg gut vertreten, was beweist, dass auch Firmen, die noch jünger sind als die Huron AG, die Bedeutung von a) Gratis-Apéros, b) Networking oder c) unabhängigen Medien (Zutreffendes ankreuzen) erkannt haben. Es war aber sicher kein eigentlicher ICT-Anlass, denn dafür waren definitiv zu viele Frauen dabei.

Was mir jedoch aufgefallen ist: Die zahlreichen ICT-, Startup-, Social-Media- und weiteren Grössen, welche in zwei Wochen ins nationale Parlament gewählt werden wollen, glänzten allesamt durch Abwesenheit. Da nicht davon auszugehen ist, dass sie nicht eingeladen waren, muss daraus der Schluss gezogen, dass sie es für vielversprechender hielten, auf dem Limmatplatz Flyer zu verteilen oder im Säli des Hirschen auf einem Podium zu brillieren. Das könnte fast ein Ausblick auf eine Kolumne für nächsten Monat sein. Aber ich muss so oder so hier aufhören: Soeben hat Christoph Hugenschmidt auf LinkedIn wieder etwas über sein Fest vor einer Woche gepostet.

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch und inside-channels.ch. Bild (ich im Gespräch mit Maurizio Minetti): Manu Friedrich

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