So sicher wie das Amen in der Kirche

Vor genau 50 Jahren ereignete sich der grosse Knall: Bei einer Explosion in der Sprengstofffabrik Dottikon starben 18 Angestellte des Unternehmens. Dass Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in einer solchen Firma ein Thema sein muss, ist für jedermann offensichtlich; aber auch für Leute, die Gasleitungen verlegen, oder – näher an unserer Industrie – Monteure, die in luftiger Höhe 5G-Sendemasten errichten, sollte dies Thema sein.

Fragt man jedoch in einer Webagentur oder in einer Software-Schmiede nach, wie sie es mit der Sicherheit der Mitarbeitenden halten, reagiert der verantwortliche Manager zumeist entgeistert: „Bei uns kein Thema, wir haben ja nur ein paar Büros mit ein paar PC!“. In den klassischen Handwerks- und Industrieberufen werden Sicherheitsfragen in der Ausbildung ausführlich behandelt und das entsprechende Bewusstsein bei Kadern gepflegt. In der ICT gelangen oftmals Akademiker oder Quereinsteiger in eine Führungsverantwortung; diese haben in der Regel keinen blassen Schimmer von der Verantwortung, die sie als Chef tragen müssen. Und das Wort „müssen“ steht hier mit Bedacht.

Ich erinnere mich an eine epische Diskussion mit einem grösseren ausländischen Unternehmen. Ausgangspunkt war folgendes Statement: „Swico ist doch Spezialist für Arbeitssicherheit, bitte übernehmt das gesamte Sicherheitsmanagement; schickt uns jemanden, wir möchten nichts damit zu tun haben; uns interessiert nur das Kerngeschäft. Sagt uns euren Preis: Kosten spielen grundsätzlich keine Rolle.“

So sehr Swico natürlich ein solcher Auftrag gereizt hätte, erfüllbar ist er im Rahmen des schweizerischen Rechts nicht: Für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sind die Mitglieder der Geschäftsleitung persönlich verantwortlich. Und damit persönlich haftbar. Denn falls im Betrieb etwas passiert, wird zwar die Versicherung den Schaden schon decken – aber sie wird sehr genau überprüfen, ob die notwendigen Sicherheitsmassnahmen eingehalten wurden. Falls nicht, wird sie auf ebendiese Mitglieder der Geschäftsleitung Regress nehmen und sie persönlich zur Kasse bitten, was bei Personenschäden meist sechs- bis siebenstellig wird.

Aber hallo! Das ist doch reine Panikmache, was soll in einem Büro schon passieren? Nun, ein versperrter Notausgang, zu geringe Abstände zwischen den Pulten, giftige Reinigungsmittel im Küchenschrank, ein leerer Medikamentenkoffer, ein defekter Feuerlöscher oder ein fehlender Defibrillator, all dies kann schlimme Folgen haben.

Und wie ist die Situation, wenn ein internationales Unternehmen in der Schweiz eine Niederlassung hat? Nun, es reicht nicht, wenn es in Irland einen Sicherheitsbeauftragten gibt und dazu ein internationales Compliance-Programm, das auf den Regeln des kanadischen Arbeitsrechts basiert. Arbeitssicherheit muss auf Betriebsebene geregelt und dabei zwingend die vor Ort geltenden Normen einhalten werden – ein Aspekt der bei der Konzernverantwortungsinitiative noch zu reden geben wird.

Neben dem Sicherheits- ist aber auch der Schutzaspekt zunehmend wichtig. Dies beginnt bei der Ergonomie: Stammen die Bürostühle aus dem Brockenhaus, spiegelt sich die Sonne in den Monitoren, hat es genügend Toiletten (für alle Geschlechter…)? Damit hört es aber nicht auf: Der Schutz vor Mobbing und sexueller Belästigung ist auch (oder gerade?) im Büro relevant. Und in letzter Zeit ist das Bewusstsein für psycho-soziale Risiken so gestiegen, dass es spezialisierte Angebote gibt, um diese zu managen.

Das Thema ist stark im Fluss; neue Themen kommen auf: Wie steht es mit Home-Office und Co-Working? Wie weit geht die Verantwortung des Arbeitgebers für diese alternativen Arbeitsplätze? Vielleicht kommt es einmal soweit (wie in Deutschland offenbar schon angedacht), dass der staatliche Arbeitsinspektor zum Arbeitnehmer nach Hause kommt und überprüft, ob der Küchentisch, an dem er den Laptop aufgeschlagen hat, die vorgeschriebenen 80 x 160 cm Grundfläche aufweist – und ob das Wohnzimmer frei von Stolperfallen ist.

Und nun frage ich Sie: Wie steht es um Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in Ihrem Betrieb?

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch.

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