ICT und Bildung: Eile mit Weile

„Es geht einfach nicht vorwärts.“ – „Nur ein Tropfen auf einen heissen Stein!“ Die Branche ist sich einig: In Sachen ICT-Ausbildung entwickelt sich die Schule viel zu langsam. Letzte Woche gab es immerhin ein paar Lichtblicke. Zum Beispiel die Ankündigung, dass der Kanton Zürich die Stundentafel der Mittelschule zugunsten der Informatik verschieben will, oder das wuchtige Ja des St. Galler Souveräns zu einem Sonderkredit von 75 Millionen Franken für digitale Bildung. Und die zentralschweizerischen pädagogischen Hochschulen schaffen eine Professur für Informatikdidaktik, die waadtländische ebenso.

Obwohl sich alle einig sind, dass die Digitalisierung eine zentrale wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderung darstellt: Warum geht es so langsam vorwärts? Nun, Ungeduld ist in der Sache richtig, nur muss man wissen, wovon man spricht:

Ein Bildungssystem ist ein hoch integrierter, langfristig ausgerichteter Apparat, der mit extrem langen Produktionszeiten arbeitet. Bis der erste Schüler oder die erste Schülerin das Matura-Niveau mit einem vollständig erneuerten Bildungsgang absolviert hat, dauert es hochgerechnet 15 Jahre: Bevor überhaupt die „Produktion“ beginnt, muss ich zuerst entsprechende Lehrpersonen rekrutieren und ausbilden. Ich brauche sodann entsprechende didaktische Konzepte (zuerst für die Lehrerbildung, dann auch für die Schüler selbst) für verschiedene Altersstufen, und ich brauche dann noch die entsprechenden Lehrmittel. Und der Schüler selbst hat dann eine Verweildauer von zwölf Jahren im System.

Das heisst natürlich nicht, dass man mit etwas Agilität nicht deutlich beschleunigen kann, indem man parallel entwickelt und umsetzt. Es bleibt aber dabei, dass man die Trägheit des Gesamtsystems Bildungswesen nicht unterschätzen darf.

Ein weiteres Trägheitselement resultiert aus der Struktur der Lehrerschaft. Diese unterliegt geringen Fluktuationen. Wir haben an der Volksschule nach wie vor Lehrpersonen, welche ihre Ausbildung absolviert haben, bevor es ausserhalb von Tech-Firmen überhaupt PCs gab, geschweige den Tablets oder Handys. Darunter gibt es eine ganze Reihe von Unterrichtenden, welche sich und die Schüler nicht dem neumodischen Zeugs aussetzen möchten und Informatik scheuen wie der Teufel das Weihwasser (auch Junglehrer, welche neue Technologien aus grundsätzlichen Gründen in Frage stellen oder WLAN-Strahlung für gefährlich halten). Fairnesshalber gilt es festzuhalten, dass es einige Lehrer gab und gibt, welche frühzeitig, mit Begeisterung und mit viel Eigeninitiative auf den ICT-Zug gesprungen sind und lange vor der Offizialisierung durch Lehrpläne im Rahmen der Lehrfreiheit ihre Schüler an das Thema herangeführt haben. Ein generelles Problem ist allerdings, dass die Schule auf allen Ebene eine Heidenangst vor der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft hat, was viele spannende Initiativen schon im Keim erstickt.

Häufig als Bremsklotz ins Feld geführt wird der Föderalismus. Ich selbst bin mir allerdings nicht sicher, ob er nicht auch eine positive Rolle spielt bzw. spielen kann: Natürlich ist eine zentral gesteuerte pyramidale Organisation rascher aufzubauen und durchzusetzen. Wenn sie aber scheitert, verbleibt ein Scherbenhaufen. Im Gegensatz dazu erlaubt der Föderalismus vielfältige Experimente und unterschiedliche Pilotprojekte. Er schafft einen internen Ideenwettbewerb und verhindert auch Verkrustungen, wie sie für zentralistische Ansätze typisch sind. Die Reibungsverluste und Ineffizienzen werden mit anderen Worten durch die Breite der Innovation kompensiert.

Ein Rat und eine Warnung

Aufgrund dieser Gesamtsituation ergibt sich meines Erachtens, wie sich die ICT-Wirtschaft im Erziehungsbereich positionieren soll: Wo immer sich das Thema aufpoppt, wir müssen uns für das Thema engagieren. Natürlich sollen die Verbände in Bundesbern wirken, aber das reicht bei weitem nicht: Bildung ist bekanntlich kantonale Kompetenz. Sehr bedauerlich ist in diesem Zusammenhang, dass sich nur wenige Politiker und Parteien für konkrete Schritte zugunsten einer zeitgemässen Bildung exponieren (von Gemeinplätzen abgesehen). Wir können auch nicht hoffen, dass es die Hasler-Stifung allein richten wird, obwohl sie fantastische Arbeit leistet. Entscheide fallen auch in einzelnen Schulgemeinden (Budget!), in kantonalen Ämtern, in Ortsparteien, in Lehrerverbänden. ICT-Exponenten müssen sich auf allen Stufen einbringen, wenn wir wollen, dass es mit der digitalen Bildung vorwärts geht, als Fachleute, als Lieferanten, als Unternehmer und vor allem auch als Eltern.

Noch ein Wort der Warnung aufgrund eigener Erlebnisse: Volksschullehrer können zum Thema ICT und Bildung untereinander über fast alles sachlich diskutieren. Es gibt aber eine Frage, bei der sie regelrecht ausrasten und fast handgreiflich werden können. Nämlich wenn es darum geht: „Windows oder Mac?“.

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. 

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