Kolumnist sein ist auch nicht mehr, was es einmal war

Ich reflektiere nachfolgend meine Tätigkeit als Kolumnist für Inside-it.ch mit der Wiedergabe eines Dialogs, der allerdings nie stattgefunden hat.

„Jean-Marc, wir haben uns in der Redaktion mal über deine Kolumne unterhalten. Nach sechs Jahren war das ja einmal fällig. Du weisst schon, Qualitätsmanagement und so. Im Zusammenhang mit Jahresendgesprächen, Bonus etcetera.“

„Ah, ich erhalte einen Bonus?“

„Nein, das natürlich nicht, eigentlich sollten wir eher etwas dafür bekommen, dass wir dich unter unserem Dach publizieren lassen. Aber es geht jetzt nicht ums Geld.“

„Also?“

„Wir sind der Meinung, dass du ein paar Anpassungen vornehmen solltest, um die Kolumne noch besser in das redaktionelle Umfeld einzubetten und optimaler bei den Leserinnen und Lesern zu positionieren. Das findest du doch sicher auch gut, oder?“

„Naja, …“

„Also da wären mal die Fremdwörter. Wenn ich an deine letzte Kolumne denke: ‚Obsoleszenz‘, ‚anekdotische Evidenz‘. Das geht einfach nicht bei uns. Englisch muss es sein, dann ist es o.k. Wir glauben dir ja alle, dass du eine Lateinmatur hast, aber musst du das jedem Leser ständig aufs Butterbrot schmieren? Wir möchten daher, dass du dich diesbezüglich ein wenig mässigst.“

„Gut, ich gebe zu, …“

„Dann sind da die Helvetismen, die du immer einstreust. ‚Schampar‘ und ‚fürschi‘ sind zwar ‚gmögige‘ Ausdrücke, aber nicht auf Inside-it oder Inside-channels. Aus unserer Sicht eine plumpe Anbiederung an Leute, welche uns sowieso nicht lesen. Solche Ausdrücke darf nur verwenden, wer Mitglied der SVP ist und beginnt mit ‚Liebi Froue und Manne'“.

„Aber ich …“

„Und dann sind die Beiträge immer so unendlich, ewig lang. Zwar nach den Massstäben des Republik-Magazins höchstens Ameisen, aber das zählt hier nicht. Für eine Online-Publikation sind sie eher als Fortsetzungsroman geeignet denn als Kolumne. Schliesslich reicht die Aufmerksamkeitsspanne der Leserschaft gerade knapp für einen Elevator-Pitch.“

„Wobei…“

„Dann immer dieser triefende Wirtschaftsliberalismus. Dein Einsatz für offene Märkte, einen freieren Arbeitsmarkt, Deregulierung überhaupt, die Kritik an staatlichen Organisationen, das erfreut zwar das Herz unseres Mainstream-Lesers (ein alter weisser Mann wie du!), aber so können wir nie in neue Märkte vorstossen. Kannst du denn nicht wenigstens einmal so schreiben, dass es auch Tamara Funiciello und Cédric Wermuth gut finden können?“

„Jetzt mal…“

„Wir sind allerdings zum Schluss gekommen, dass es sehr schwer wird, dich zu einem anständigen Kolumnisten umzuerziehen. Aber du kannst uns einen Dienst erweisen: Sowohl bei der Redaktion als auch bei den Kolumnisten haben wir ein Gender-Ungleichgewicht (wie ja die ganze Branche). Also: Deine Kolumne heisst weiterhin ‚Von Hensch zu Mensch‘, aber wir bezeichnen dich in Zukunft als Jeannine Hensch. Ist das o.k.?“

„Unter einer Bedingung!“

„Die wäre?“

„Ich darf bestimmen, ab welchem Stock-Foto euer Grafiker das Kolumnenportrait zeichnet. Sonst kommt es wieder so schlimm raus wie beim aktuellen Sujet!“


Hinweis: Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch.  

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