Die Un­kon­fe­renz als Biotop

Das Wort Unkonferenz wird manchmal verwendet, um das Prinzip eines Barcamps zu erklären. Hier geht es jedoch um die Unzahl von Konferenzen und Veranstaltungen, welche die ICT-Branche verseuchen. Keine Firma ist zu klein, um nicht ihren eigenen Anlass aus der Taufe zu heben. Falls es nicht ganz reicht, sponsort das Unternehmen einen Eventveranstalter mit, der eine nationale oder gar internationale Konferenz zu einem der grad aktuellen Buzzwords organisiert. Diese unsäglichen Events wabern wie Untote durch die Kongresszentren dieser Welt, weshalb ich sie hier Unkonferenzen nennen will. Aber die Frage stellt sich doch sofort: Wer um Himmelswillen nimmt an solchen Anlässen teil?

Den Hauptharst machen jeweils Kollegen, Lieferanten und Kunden aus, die zur Teilnahme genötigt werden, mit etwas sanftem Druck, mit namhaften Rabatten oder gar kostenlosen Tickets. Sie sollen den Aufmarsch etwas üppiger aussehen lassen und den Saal füllen. Wenn das nicht ganz klappt, kommandiert man auch noch Heerscharen eigener Mitarbeiter ab, die Stühle zu wärmen. All diese Menschen sind harmlos, da sie nur etwas wollen: So rasch wie möglich die Konferenz verlassen, ohne dass es zu sehr auffällt.

Weniger harmlos sind diejenigen, die sich nur angemeldet haben, damit sie auf der Teilnehmerliste erscheinen. Für Veranstalter sind sie die Pest, da sie als No-Shows die Kosten in die Höhe treiben. Man kann sich an ihnen rächen, indem man gar nicht erst eine Teilnehmerliste auflegt. Oder man bestraft sie finanziell mit Strafzahlungen. Aber auch das ist natürlich mit Aufwand verbunden.

Spannend kann auch sein, an einem Anlass teilzunehmen, um sich auf der Fotogalerie zu verewigen, welche der Veranstalter oder auch ein Medium oft vom Anlass erstellt. Es gibt da Spezialisten, die dem Fotografen auf Schritt und Tritt folgen, um dann im richtigen Moment vor der Linse zu stehen. Allerdings müssen diese Fotobomber bei Videoaufnahmen passen, da sie nichts Gescheites zum Konferenzthema zu berichten wissen.

Immer gut vertreten an den Events ist die Berater-Gilde. Consultants sehen Konferenzen als ideale Jagdgründe an, um Kunden zu gewinnen. Sie scannen blitzschnell die Teilnehmerliste und picken sich rasch geeignete Opfer heraus. In den Pausen muss man höllisch aufpassen, dass man nicht an einen Berater gerät, der einen nicht mehr aus seinen Fängen lässt. Wenn es optimal läuft, hat es so viele Consultants am Anlass, dass sie sich gegenseitig volllabern. Merke: Eine wirklich ernsthafte Konferenz erkennt man daran, dass sie Berater entweder ausschliesst oder mit dem dreifachen Ticketpreis belegt.

Nicht fehlen dürfen natürlich ICT-Journalisten, die sich zwar meistens nicht wirklich für das Thema der Konferenz interessieren, aber da sein müssen, um das Feld nicht der Konkurrenz zu überlassen. Die Stars unter ihnen lassen sich ihr Kommen entschädigen, indem ihnen ein Exklusivinterview mit dem Keynote-Speaker versprochen wird.

Redaktionspraktikanten wiederum sind froh, endlich wieder einmal etwas Warmes zu essen zu kriegen und schreiben anschliessend dankbar den vom Veranstalter verfassten Medientext ab. Damit es authentischer wirkt, streuen sie allerdings noch ein paar Fehler ein.

Dank der Unzahl an Vereinigungen und Verbänden in der Branche tummeln sich auch zahlreiche Verbandsvertreter an den Konferenzen. Man nimmt sie nicht unbedingt ernst, aber jedermann kennt sie und weiss: Sie sind die Köche in der Gerüchteküche. Man erfährt von ihnen meistens nicht viel Wichtiges, aber immerhin Unterhaltsames, oder man kann sie zielgerichtet mit Gossip über die eigene Firma oder Konkurrenten versorgen.

Ganz selten, aber es soll schon vorgekommen sein, gibt es auch Personen, die an einer Konferenz teilnehmen, um sich zum Thema weiterzubilden und etwas zu lernen. Dabei ist kaum je von einem prominenten Keynote-Speaker zu erwarten, dass er an einer x-beliebigen Konferenz etwas wirklich Tiefgründiges und Bahnbrechendes verkünden wird. Diese Teilnehmer können sich immerhin damit trösten, dem alltäglichen Wahnsinn im Büro für einen Tag entronnen zu sein. Und das ist ja auch nicht nichts.

Zusammenfassend gibt es eigentlich nur einen vernünftigen Grund, an einer ICT-Konferenz teilzunehmen: Als Soziologe, der das Gruppenverhalten des Homo informaticus studiert. Wenn Sie aber, lieber Leser, liebe Leserin, einmal an einer richtigen Unkonferenz teilnehmen wollen: Das Barcamp Schweiz findet am 18. August 2018 im Karl der Grosse in Zürich statt. Ich jedenfalls werde dort sein!

Bildnachweis: Christian Fregnan on Unsplash

Dieser Beitrag erschien auch in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch.

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