Ist das Kunst – oder kann das weg?

Ich habe ein Problem, oder besser gesagt: Die anderen haben ein Problem mit mir: Ich bin ein grosser Anhänger zeitgenössischer Kunst, meine Frau und ich pilgern gern zu entsprechenden Ausstellungen. Auch die Kunstbiennale in Venedig, die Kasseler Documenta (alle 5 Jahre) oder auch die Münsteraner Skulpturprojekte (alle 10 Jahre) sind bei uns fest eingeplant.

Allerdings: In unserem Umfeld verstehen viele nicht, wie man „so etwas“ überhaupt mögen kann – und sogar noch extra hinfährt. Schon vor einem Vierteljahrhundert erklärte uns unser Neffe, dass er das, was bei uns an den Wänden hängt, genauso gut hinbekäme – als Kindergärtler …

Ein apodiktisches „Uns gefällt’s halt!“ könnte eigentlich genügen, doch mich reizt es natürlich, die immer wieder gestellte Frage zu beantworten, was den Kunst ist, beziehungsweise was Kunst ausmacht. Ein Artikel von Chritian Saehrendt im Feuilleton der NZZ hat mich inspiriert, die Faktoren zusammenzustellen, welche nach meiner Ansicht Kunst ausmachen. Ich sehe da vier Kritierien:

  • Ein Kunstwerk muss als echter Ausdruck der Persönlichkeit des Künstlers authentisch sein;
  • Es muss kreativ eine bestimmte „Schöpfungshöhe“ aufweisen, also originell sein;
  • Es soll als Produkt der Realität die Intention des Schöpfers handwerklich und technisch adäquat umsetzen; und
  • Es muss den Betrachter irritieren, ihn also intellektuell oder emotional anregen.

Man kann deshalb von einem Quadrat der Kunst sprechen, oder von Kunst im Quadrat:

Kunst im Quadrat

Dabei ist zu beachten, dass es nicht darum gehen kann, die vier Kriterien zu maximieren, da jeder davon, wenn er ins Extreme kippt, den Bereich der Kunst verlässt: Authentizität wird zur Psychotrip, Originalität ist nicht mehr zugänglich, Handwerk wird zum Strebertum und die Irritation abstossend oder ekelerregend. Gute Kunst strebt daher nach einem Gleichgewichtszustand bei jedem der vier Kriterien:

Beurteilung von Kunst

Kunst ist nach dieser Betrachtungsweise eine absichtliche menschliche Hervorbringung, die sich an die Mitmenschen richtet und bei der Authentizität, Originalität, Handwerk und Irritation miteinander im Gleichgewicht stehen.

Um die Kriterien gleich in der Praxis auszuprobieren, habe ich mich heute auch gleich nach Zürich Nord begeben, um die Objekte des Projekts „Neuer Norden Zürich“ unter diesem Blickwinkel zu betrachten. Und nach diesem ausgedehnten Spaziergang kann ich sagen: Ja, da hat es Kunst. Und nein, es muss nicht weg!

 

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