Wie Führungs-Ver­antwortung (nicht) funktioniert

Noch nie waren die Compliance-Abteilungen so gut bestückt und so einflussreich wie heute. Und doch wartet die Wirtschaftswelt immer wieder mit Affären und Skandalen auf, die es eigentlich aufgrund all der strengen Regeln und Überprüfungen nicht mehr geben dürfte. Es lohnt sich daher, einen Blick in die Mechanik der Firmen und ihrer Affären zu werfen. Bemerkenswert: Sie laufen eigentlich fast immer nach dem selben Drehbuch ab. Die Variationsbreite ist relativ gering:

(1.) Der oberste Chef wird nach Parteibüechli oder aus dem Rotary-Freundeskreis gewählt. Persönliche Loyalität ist schliesslich wichtiger als dumpfer Sachverstand.

(2.) Der oberste Chef umgibt sich mit Leuten, die ihm nicht widersprechen. Eine gute Harmonie im Team ist wichtig und soll nicht von kritischen Geistern kompromittiert werden.

(3.) Am besten schafft man Anreizsysteme, welche den Zielen widersprechen, oder noch besser, man formuliert gar keine klaren Ziele. Dann kann man auch ex-post nach Belieben definieren, ob eine Leistung gut oder schlecht war.

(4.) Die interne Revision besteht typischerweise aus hasenfüssigen Juristen: hasenfüssig, weil sie alles akribisch prüfen und umfassend berichten, um sich selbst abzusichern, aber Juristen genug, um es so zu formulieren, dass die strategische Führung nicht wirklich beunruhigt wird.

(5.) Kommen doch Unregelmässigkeiten zu Tage, handelt es sich garantiert immer nur um Einzelfälle. Man ist ja so gut, dass etwas anderes nicht denkbar ist.

(6.) Kommen erhebliche oder langdauernde Regelverletzungen vor, werden sie unter den Teppich gekehrt. Es gibt kein Problem, dass man nicht mit Geld oder mit guten Anwälten lösen könnte .

(7.) Lassen sich Regelbrüche oder Gesetzesverstösse nicht mehr verheimlichen (z.B. weil man ein öffentlicher Betrieb im Fokus der Medien ist), dann schwinge sich der oberste Verantwortliche zum Racheengel auf: Die Formulierungen „masslos enttäuscht“ und „schonungslose Aufdeckung“ sind dabei Pflicht.

(8.) Eine externe Untersuchung wird angeordnet, unter direkter Verantwortung des obersten Chefs. Eine möglichst reputierte Kanzlei oder Wirtschaftsprüfung untersucht das Ganze so lange, bis Gras über die Sache gewachsen ist und man alle als „es bitzeli, aber nur es bitzeli“ schuldig erklären kann. Konsequenzen gibt es keine.

(9.) Ist der Druck von aussen zu stark oder die Beweislage zu eindeutig, wähle man ein paar Underlinge aus, die als Sündenböcke hingerichtet (bzw. entlassen) werden. Allerdings ist es heute nicht mehr chic, dafür Assistenten oder Sekretärinnen zu nehmen, es sollten schon Leute mit GL-Verantwortung sein, damit es sich gut anfühlt.

(10.) Wenn alles nichts mehr nützt, ja dann muss der oberste Chef tatsächlich in die Opferrolle wechseln und seinen Abgang bekannt geben. Nicht ohne Stillschweigevereinbarung mit goldenem Fallschirm natürlich. Und dank Parteibüechli und Rotary-Freunden (siehe 1.) wird es mit ihm bald wieder aufwärts gehen.

Wie nun der Fall Postauto zeigt, kann es sich auch einmal um eine oberste Chefin handeln, das Muster ist geschlechtsneutral und bleibt das gleiche. Allerdings sind wir beim Verfassen dieser Kolumne hier erst bei Punkt 9 angelangt.

Naja, was nicht ist, kann noch werden.

Drei Affen.jpg

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch.

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1 Kommentar

  1. Wie immer treffen analysiert! Danke Jean-Marc. Und immer noch haben die grossen Manager das Gefühl, alle seien zu doof, um ihr peinliches Tun nicht zu erkennen. Da macht es doch im direkten und hemdsärmligen KMU Geschäft doch viel mehr Spass!

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