KMU – das sind die Guten!

Letztes Jahr hielt ich bei der Firma Ergon im Rahmen der IT-Tage 2016 ein Referat über moderne Arbeitsformen. Als ich dabei ausführte, dass das Unternehmen nicht mehr als KMU gelten könne, weil es mehr als 250 Mitarbeitende habe, machte sich beim Management Betroffenheit breit: Die Überzeugung, ein KMU zu sein, war derart wichtig für das Selbstverständnis des Unternehmens, dass ihm meine Aussage richtig weh tat. (Und man weiss ja, bei Ergon bildet die gesamte Belegschaft das Management…)

Nun, da sind sie sicher nicht die einzigen: Das Wort KMU ist mittlerweile derart ideologisch aufgeladen, dass es nicht mehr als statistischer Begriff wahrgenommen wird, sondern als Chiffre für das „Gute“ in der Schweizer Wirtschaft: KMU leisten Wertarbeit, stellen Lehrlinge ein, produzieren nicht im Ausland und sponsern den örtlichen Fussballverein. Der Chef kennt alle persönlich samt Familie, greift bei Härtefällen ins eigene Portemonnaie und hat nichts dagegen, dass die Sekretärin im Gemeinderat sitzt, wofür sie ab und zu frei nehmen muss. KMU stellen sicher keine Lobbyisten an.

So jedenfalls das Bild, dass landauf landab in den Medien und in unzähligen parlamentarischen Vorstössen gezeichnet wird. So versteht man plötzlich, wie hart es ist, wenn man aus dem Paradies der KMU ausgestossen wird. Und so hat es mich gereizt, diesem Begriff auf den Grund zu gehen – und ihn zu entzaubern.

Schon das Akronym selbst ist falsch: Eigentlich müsste es korrekt MKMU heissen: Denn neben den mittleren Unternehmen (50 – 249 Mitarbeitende) und den Kleinbetrieben (10 – 49 Mitarbeitende) gehören auch die Mikrobetriebe (1 – 9 Personen) dazu. Diese Definition stammt allerdings von der EU. Für das SECO ist alles unter 250 ein KMU. Rundet man grosszügig, so arbeiten fast drei Viertel aller Mitarbeitenden der Schweiz in einem KMU, je circa ein Viertel in mittleren, ein weiteres Viertel in Klein- und das letzte Viertel in Mikrounternehmen.

KMU sind also kein Spezialfall, keine kleine niedliche Minderheit, sondern in der Schweiz der absolute Normalfall. Wer als Politiker etwas „für KMU“ fordert, muss sich bewusst sein, dass damit drei Viertel der ganzen Wirtschaft gemeint sind. Vor allem, wenn diese Forderung Geld kostet…

KMU ist damit ein sehr unscharfer Begriff: Darunter fällt sowohl der selbstständig Erwerbende mit einer Halbtags-Sekretärin als auch der Hightech-Betrieb im Mittelland mit 200 Mitarbeitenden, der in die halbe Welt exportiert, ein eigenes Entwicklungslabor und eine Lehrwerkstatt unterhält. Die organisatorischen Strukturen, die Ausdifferenzierung der Funktionen und überhaupt die ganze Lebensrealität von KMU sind derart unterschiedlich, dass man sie nie und nimmer über einen Kamm scheren darf.

Gerade in der ICT können wir erleben, dass KMU eben gerade nicht dem Bild entsprechen, das die Sonntagsreden der Politik projiziert: Es gibt ausgesprochene Kleinbetriebe, die jedoch als Tochtergesellschaften von ausländischen Grosskonzernen tätig sind. Formal betrachtet ist auch die Amazon Data Services Switzerland GmbH ein KMU. Aber fühlt sich sicher nicht entsprechend – und ihre Kunden empfinden es wohl auch nicht so. Und wir haben einige „Grossunternehmen“, welche den Spirit von Kleinbetrieben erhalten haben. Aber es gibt auch Fünf-Mann-Betriebe, welche ihre Software in Osteuropa entwickeln lassen.

Natürlich werde ich in Zukunft nicht auf den Begriff KMU verzichten – für Erst-August-Ansprachen zum Beispiel ist er hervorragend geeignet. Aber bei konkreten Fragen und Themen werde ich mich jedes Mal fragen: Was meinst du jetzt genau? Worauf kommt es wirklich an? Und das empfehle ich dem geneigten Leser auch.

Klar sollte auch sein, warum ich eingangs erwähnte, das Referat im Rahmen der IT-Tage gehalten zu haben: Just nächsten Freitag und Samstag finden die diesjährigen Informatiktage statt. Bringt eure Töchter, Nichten, Patenmeitli und die Mädchen aus der Nachbarschaft an den Anlass, um sie entdecken zu lassen, dass ICT etwas für sie sein könnte. Und ja, nehmt die Buben auch gleich mit. Und auch eure ausrangierten Mobiltelefone. Am Swico-Stand in Albrisrieden wird unter den Abgebern unter anderem ein 333-Franken-Gutschein von Brack verlost.

Startup Business Team Brainstorming on  Meeting Workshop

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch.

Bildnachweis: Rawpixel.com @ fotolia.com

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