Von Beizern lernen?

Vor wenigen Tagen haben sich das AWA des Kantons Zürich, ICTswitzerland und Swico an die Medien gewandt: Sie berichteten über die erfreuliche Tatsache, dass Drittstaatenkontingente keine Inländer aus ihren ICT-Jobs verdrängen. Im Gegenteil, aus der Praxis unserer Mitglieder wissen wir, dass insbesondere zusätzliche EU-/EFTA-Kurzaufenthalter-Kontingente regelrechte „Schuhlöffel“ sind, um Projekte in der Schweiz statt anderswo abzuwickeln.

Dies heisst aber nicht, dass wir in der ICT-Branche kein Problem im Zusammenhang mit älteren Arbeitnehmenden hätten. Als Swico-Exponent könnte ich mich ja zurücklehnen und mit dem Finger auf die Anwenderfirmen zeigen, welche zwei Drittel der ICT-Fachleute beschäftigen: Bei ihnen gelten ICT-Leute vor allem als Kostenfaktor und Innovationsblocker, während sie bei den Swico-Mitgliedern als Wertschöpfungstreiber gehätschelt werden; ganz nach dem Motto: „The Software Engineer is King“ (©Prof. Dr. Willy Zwaenepoel, via Ergon).

Aber ja, wir haben in der Branche generell ein Problem im Umgang mit älteren Arbeitnehmern, welche nicht auf die Eames-Chairs der Teppichetage gelangt sind, und das sind natürlich die meisten. Und ja, auch in den Anbieterfirmen:
Nicht jeder Junge in Turnschuhen wird zu einem Mark Zuckerberg oder Bill Gates. Und nicht jeder Mensch über 35 mutiert zu Statler und Waldorf aus der Muppet Show. Wir müssen also auch jungen Chefs und HR-Managern beibringen, dass jugendliches Alter per se kein Qualitätsmerkmal ist. Wer so wie unser Nachwuchs für Diversity schwärmt, sollte auch diese Dimension nicht ausser Acht lassen.

Grössere Firmen lassen heute Bewerbungsdossiers häufig von Spezialfirmen filtern, oftmals mit Sitz im Ausland und mittels IT-gestützten Systemen. Wenn diese jedoch mit den ganz spezifischen Gegebenheiten des Schweizer Berufsbildungssystems nicht vertraut sind, werden sie oft qualifizierte Bewerber aussieben, weil deren Papiere und Diplome nicht Schema F entsprechen, obwohl die Fähigkeiten da wären. Dies wirkt sich natürlich vor allem bei älteren Bewerbern nachteilig aus. Unternehmen müssen daher im eigenen Interesse ihre Prozesse nach solchen versteckten und ungewollten Altersdiskriminierungen durchforsten und diese sodann eliminieren.

Möglicherweise kann der 55jährige nicht mehr so flink codieren wie ein 25jähriger. Heisst das nun, dass man ihn baldmöglichst als unproduktiv loswerden muss? Oder müssten sich die ICT-Unternehmen nicht viel mehr überlegen, wie man Karriere- und Entwicklungspfade so gestaltet, dass möglichst alle Mitarbeitenden ihre Stärken optimal ausspielen können? Gefragt sind also neue Abläufe, adaptierte Job-Profile und innovative Lohnmodelle.

Natürlich liegt der Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit grundsätzlich in der Verantwortung des Arbeitnehmers. Aber der Arbeitgeber trägt eine Mitverantwortung, die umso grösser ist, je länger der Mitarbeitende bei ihm arbeitet und je proprietärer das Arbeitsumfeld ist. Weiterbildung muss nicht nur ein Thema im Jahresendgespräch sein, sondern es sind auch entsprechende Angebote zu machen, die etwas kosten. Die Forschung zeigt, dass dieses Geld schon relativ kurzfristig in die Firma zurückfliesst, und zwar in Form von höherer Produktivität und reduzierten Ausfalltagen.

Oftmals jammern Firmen auch, dass die nach Alter gestaffelten Beiträge der Zweiten Säule Ältere untragbar teuer machen, selbst wenn die Lohnunterschiede gering seien. Tatsache ist, dass es Pensionskassen gibt, welche altersunabhängige Beiträge anbieten (offenbar jede fünfte). Und die Gastrobranche – welche sich ebenfalls mit älteren Mitarbeitenden schwertut – hat auf die ihr eigene Weise das Problem gelöst: Bei Gastro Social, der Pensionskasse des Gastgewerbes, sind Einheitsbeiträge durch den Gesamtarbeitsvertrag vorgeschrieben. Es geht also, wenn man will – und wir in der ICT-Branche würden es natürlich ohne das Prokrustes-Bett eines GAV schaffen.

Wir sollten wirklich an diesem Thema arbeiten. Nicht weil wir damit die Medien positiv stimmen oder Preise gewinnen können. Sondern weil wir – um die Digitalisierung im Inland zu stemmen – mehr denn je jeden Einzelnen brauchen werden, der mithelfen kann. – Und jede Einzelne auch, doch das ist eine andere Geschichte …

Senior man with notebook sitting in the park

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bildnachweis: Fotolia Sergey Nivens

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