Der Fluch der guten Tat

Wenn Wirtschaftsverbände (wie Swico) gegen Regulierungswut wettern, wird dies von Politikern, Medien und Publikum oft als überzogene Angstmacherei abgetan. Denn der Erlass von Gesetzen und Verordnungen mit regulierendem Charakter betrifft in der Regel nicht den Einzelnen, sondern Unternehmen, welche für die Umsetzung Ressourcen zur Verfügung stellen und die Unkosten tragen müssen.

Nehmen wir ein simples, für unsere Branche aber relevantes Beispiel: Die Eisenbahn. Wir alle haben in einer Volksabstimmung beschlossen, sie unter dem Titel FABI (Finanzierung Ausbau der Eisenbahninfrastruktur) weiter zu entwickeln und die Mittel dafür bereit zu stellen. Eine gute Tat, zum Nutzen der Umwelt. Aber eben auch kostspielig. Und da Steuererhöhungen in der Schweiz schwierig sind – denn die Steuerzahler dürfen bekanntlich mitreden beziehungsweise darüber abstimmen – findet man ein anderes Mittel, um die Steuereinnahmen zu erhöhen: Man reduziert Steuerabzüge.

Wie das im konkreten Fall geht, dürfte mittlerweile allgemein bekannt sein: In der Steuererklärung können nur noch maximal 3000 Franken Fahrkostenabzug geltend gemacht werden. Doch nun beginnt sich die Regulierungsschraube zu drehen. Wie behandelt man Mitarbeitende mit einem Geschäftswagen? Aus Gründen der Gleichbehandlung der Steuerpflichtigen muss dafür gesorgt werden, dass sie nicht indirekt höhere Pendlerkosten abziehen können. Also muss man sich bei jedem Einzelnen den Arbeitsweg anschauen. Ist er unter 10 km? Dann ist es kein Problem, die 3000-Franken-Limite würde sowieso nicht erreicht. Ein Häkchen setzen im Lohnausweis reicht aus.

Sonst beginnen die Schwierigkeiten: Grundsätzlich muss jede Fahrzeugnutzung lückenlos aufgezeichnet werden, worüber ein Bordbuch zu führen ist. Ende Jahr wird dann abgerechnet und je nach Resultat der Lohnausweis formuliert. Das ist natürlich für viele nicht praktikabel: Als HR-Abteilung macht man sich damit jedenfalls keine Freunde. Also kann man die notwendigen Werte auch ausrechnen: Da wird zuerst gemäss Wegleitung die Anzahl „Aussendiensttage“ berechnet (die natürlich jedes Jahr schwankt), und daraus wird dann der prozentuale Anteil der Aussendiensttage an den Arbeitstagen ermittelt. Daraus ergeben sich die effektive Anzahl Arbeitstage beziehungsweise Arbeitswegfahrten, die mit der Anzahl der als Arbeitsweg gefahrenen Kilometer multipliziert werden. Der so ermittelte Wert wird sodann mit dem Kilometeransatz multipliziert. Er wird zum Lohn addiert (und damit natürlich steuerbar). Bei bestimmten Funktionen können immerhin Pauschalansätze angewendet werden.

Wird Ihnen auch schon ganz Sturm im Kopf? Dabei habe ich krass vereinfacht. Zum Beispiel habe ich ausgelassen, dass man Homeoffice-Tage, Militärdienst oder längere Krankheitsabsenzen mangels Arbeitsweg anders berechnet. Oder dass es Sonderregeln für Aussendienstler gibt, die gar nicht erst in die Firma, sondern direkt zu den Kunden fahren. Oder dass die Privatnutzung des Geschäftsfahrzeugs wie bisher separat auf der Basis des Fahrzeugwerts zu versteuern ist.

Sie werden sagen: Selber schuld, wer Auto fährt. Mit dem öffentlichen Verkehr gibt’s all diese Schwierigkeiten nicht. Dem ist natürlich nicht so. Tatsächlich sind kostenlose Halbtags-Abos des Arbeitgebers unproblematisch und führen auch nicht zu höherer Steuerbelastung. Bei einem GA sieht es hingegen anders aus. Ist die Abgabe geschäftlich erforderlich (sozusagen als Geschäftswagen-Surrogat)? Oder nicht, womit er zum steuerpflichtigen Lohnbestandteil wird? Ja, richtig, auch für Sammeltransporte des Arbeitgebers (in der ICT vielleicht weniger gebräuchlich), gibt es eine spezielle Regel.

Man sieht: Aufgrund eines ursprünglich relativ einfachen Vorhabens (Beschränkung des Pendlerabzugs) entsteht plötzlich ein Regulierungs- und Bürokratiemonster, das hunderttausende von Firmen zusätzlich belastet und für letztere völlig unproduktiv ist. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil man alles perfekt regeln will.

Übrigens: Ihr HR-Chef rauft sich die Haare angesichts des Mehraufwands? Dann bitte, bitte, erzählen Sie ihm nicht, dass die oben beschriebene Beschränkung des Pendlerabzugs nur für die Bundessteuern gilt: Jeder Kanton kann bei den kantonalen Steuern auf die Beschränkung verzichten oder dafür andere Regeln aufstellen.

Eisenbahnviadukt bei Gmmenen, Schweiz

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bildnachweis: Fotolia: djama 

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