Zeigt mehr Initiative! Oder doch lieber nicht.

Ende Februar ist es wieder soweit, dass wir abstimmen dürfen – gleich über drei Volksinitiativen. Keine Angst: Ich werfe mich jetzt nicht auch noch in die epische Schlacht zur Durchsetzungsinitiative, auch wenn diese indirekt unsere Branche durchaus tangiert. Mir geht es generell um die Qualität der Initiativen, welche in meiner Wahrnehmung stetig abnimmt. Wir hatten immer schon Vorlagen, bei denen es nicht darum geht, dass sie angenommen werden. Vielmehr wollen sie eine Diskussion entfachen, eine Idee lancieren, die dann über die Jahre ihren Weg macht und vielleicht irgendwann im Mainstream ankommt. Hat da jemand Frauenstimmrecht gerufen? Ich habe allerdings vor allem an Vorlagen wie GSOA oder 1:12 gedacht. Oder an die Minarett-Initiative, die – Betriebsunfall – trotz ihres dadaistischen Inhalts angenommen wurde.

Doch darum soll es hier nicht gehen. Sondern darum, dass die uns aktuell vorgelegten Initiativen über beträchtliche inhaltliche Mängel verfügen, welche zum Teil sogar die Absichten der Initianten selbst durchkreuzen. Und soeben wurde bekannt, dass auch die erst im Parlament behandelte „Bankgeheimnis-Initiative“ derart viele Pferdefüsse hat, dass ihr mit einem Gegenvorschlag auf die Beine geholfen werden muss.

Woher kommt das? Nun, in meinen Augen liegt es primär daran, dass unser politisches System und der rechtliche Rahmen mittlerweile so komplex geworden sind, dass das einfache Schrauben an einem Parameter (mittels Initiative) einfach nicht erfolgreich sein kann. Dabei zeigt sich die menschliche Neigung, im Umgang mit solchen Systemen immer wieder wesentliche Strategiefehler zu begehen.

Schon 1984 hatte der berühmte Kybernetiker Frederic Vester anhand eines Simulationsspiels des Psychologen Dietrich Dörner aufgezeigt, welche Fehler im Umgang mit komplexen Systemen typischerweise auftreten:

  • Zielerkennung: Ein vermeintlicher oder tatsächlicher Fehler erscheint auf der Bildfläche und man konzentriert sich auf ihn, ohne das grosse Ganze zu beachten (Initiative gegen die Heiratsstrafe).
  • Analyse: Es werden gewaltige Datenmengen gesammelt, um die Situation zu ergründen, dabei bleibt jedoch die eigentliche Dynamik des Systems unerkannt (Antispekulationsinitiative).
  • Einseitigkeit: Man versteift sich auf einen (richtig erkannten) Schwerpunkt, übersieht dabei die Konsequenzen auf andere Bereiche oder unerwünschte Nebenwirkungen (Bankgeheimnis-Initiative).
  • Übersteuerung: Zuerst wird zögerlich vorgegangen. Wenn es nicht sofort wirkt, greift man kräftig (Ausschaffungsinitiative) ein, um dann bei der ersten unbeabsichtigten Rückwirkung wieder voll auf die Bremse zu treten, was natürlich bei Initiativen schwierig ist, so dass es zu Konflikten kommt, die dann eben z.B. in eine Durchsetzungsinitiative münden.
  • Diktatorverhalten: Dieser Ausdruck stammt nicht von mir, sondern von Vester: Die Macht, das System zu verändern und der Glaube, es durchschaut zu haben, führt zu einem für komplexe Systeme ungeeigneten Verhalten (Durchsetzungsinitiative).

Im Klartext: Es ist höchst unwahrscheinlich, dass uns Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern in Zukunft je wieder durchdachte, schlüssige und einfach zu beurteilende Initiativen vorgelegt werden. Leider!

PS: Herzlichen Dank an Franz Adam, Chef des Amtes für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich (AWEL), der mich auf das Buch „Neuland des Denkens“ von Friedrich Vester aufmerksam gemacht hat. (Jean-Marc Hensch)

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Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bild: Aline Trede, alinetrede.ch

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