Lokaltermin in Mailand: Expo 2015

Wie sich physische Echtzeitkommunikation im globalen Kontext anfühlt, habe ich letzte Woche an der Expo 2015 in Mailand erkundet. Das Thema „Food“ brachte dabei eine besonders sinnliche Komponente ins Spiel. Mich nahm Wunder: Welche Botschaften werden wie verbreitet? Und natürlich auch: Wie wird dabei ICT eingesetzt?

Um es vorwegzunehmen: Es reicht vom schlichten Negieren des Internets (nirgends eine URL), bis hin zum absoluten Overkill, wo innerhalb eines Pavillons für jede Station eine spezielle App per QR-Code angeboten wird. Trotz WLAN auf dem Gelände ist Letzteres schon etwas viel verlangt (aber das wäre ja eher das Thema von Mitkolumnist Peter Wolf). Grob lassen sich drei Arten von Länderpavillons unterscheiden (auf die NGO und Sponsoren gehe ich hier nicht ein):

Entwicklungsländer: Je nach Hauptprodukt ihrer Landwirtschaft in Standardpavillons untergebracht. Sie zeigen Rohstoffe, Kunsthandwerk und Tourismusvideos. Prädikat: bunt und statisch. Aufforderung: Macht Ferien bei uns!

Schwellenländer: Aufwändige Bauten mit Architainment-Anspruch, Fokus auf Wirtschaft, Innovation und Agrartechnologie. Multimedia und Touchscreen häufig, aber unzweckmässig eingesetzt. Je nach Regime mit Portrait und Video des lokalen Machthabers. Prädikat: Wir sind wer. Aufforderung: Investiert bei uns!

Industrieländer: Noch aufwändigere Bauten mit hohem konzeptionellem Anspruch, Multimediaspektakel der Kino-Klasse. Betonung der Natur, wegweisende Rolle des Landes für die Ernährung der ganzen Welt und für die Nachhaltigkeit. Prädikat: Wir kümmern uns. Aufforderung: Habt uns lieb!

Zwei Pavillons sind mir besonders aufgefallen: Bei allen andern Ländern wird gnadenlos auf heile Welt gemacht und das Land in den schönsten Farben gemalt; selbst dort, wo Kriege wüten, wo brutal Menschen terrorisiert werden oder bitterste Armut herrscht. Der Vatikanstaat setzt da einen Kontrapunkt: Mit harten Bildern und Texten zu Krieg, Korruption, Unterdrückung setzt er auf eine ganz andere Tonalität. Auf Nachfrage hin heisst es, das sei der Stempel des neuen Papstes.

Und dann natürlich die Schweiz: Hier werden die Besucher zum Hinterfragen des eigenen Verhaltens aktiviert, indem sie sich in vier Türmen hemmungslos mit eingelagerten Produkten (Apfelringli, Kaffee, Salz, Wasser) bedienen können, gleichzeitig aber von Begleitern aufmerksam gemacht werden, wie lange es für die nachfolgenden Expo-Besucher reicht, wenn man ein Produkt, zwei oder grad einen Sack voll mitnimmt.

Zusammenfassend ist es der einzige Pavillon, in welchem a) statt auf Showeffekte auf Nachdenken über das eigene Verhalten gesetzt wird, b) es etwas gratis gibt und c) der Eintrittszeitpunkt im Voraus elektronisch gebucht werden kann. Letzteres ist definitiv eine Alternative zum langen Anstehen bei 38 Grad Aussentemperatur… Daneben hat es noch Side-Shows, unter denen die Tourismus-Kurzfilme der Kantone Tessin und Uri positiv auffallen.

Was mir generell auffiel: Überall, wo man es dem vorbei kommenden Besucher überliess, den Aufenthalt selbst zu strukturieren und bei Interesse Multimediaprodukte zu konsumieren, blieb der Eindruck diffus und schal; man fühlte sich über- oder unterfordert. In den Pavillons hingegen, in denen man (gruppenweise) von Station zu Station geführt wurde, konnte die Präsentation wirklich so aufgezogen werden, dass der Besucher gefesselt wurde und der Funke übersprang.

Übrigens: Am Schweizer Pavillon war die Side-Show über die Stadt Zürich für längere Dauer „aus technischen Gründen“ geschlossen, wie ein improvisiertes Schildchen vor Ort informierte. War das vielleicht sogar geplant? Das wiederum fände ich sehr geschickt, um die Botschaft weiter zu tragen: Wir Schweizer sind auch nicht immer so perfekt, wie ihr alle meint!

EXPOMilano

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

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