Mission Impossible

Schon eigenartig, wie unterschiedlich schriftliche Texte und audiovisuelle Beiträge wahrgenommen werden: Schreibst du einen Text (wie zum Beispiel diese Kolumne), so reagieren die Leser oft auf Details und Formulierungen. Bei Auftritten im Radio oder im TV ist es ganz anders. Da wird nicht wahrgenommen, was du sagst, sondern bloss registriert, in welche Schublade man dich zu einem aktuellen politischen Thema stecken kann.

So erging es mir nach meinemTagesschau-Auftritt vor ein paar Tagen zum Thema Kurzaufenthalter-Kontingente. Aus den Reaktionen muss ich schliessen, dass die Strategie des Bundesrats kommunikativ voll aufgegangen ist: Das Thema wird ausschliesslich im Zusammenhang mit der Masseneinwanderungsinitiative betrachtet. Der Bundesrat hatte die Reduktion dieser Kontingente als „ersten Schritt“ zur Umsetzung der Initiative angekündigt. Das ist völlig verrückt: Das Gegenteil ist wahr. Denn wenn ein Ausländer einem Schweizer eine Stelle in der Schweiz „wegschnappt“ und einwandert, untersteht er gerade nicht dem Kontingent (es gilt die Freizügigkeit). Nur wernicht hier bleiben und sichnicht hier anstellen lassen will, fällt darunter.

Konkretes Beispiel gefällig? Es ist eines unter vielen, die mir in letzter Zeit auf den Tisch geflattert sind: Zur Weiterentwicklung einer komplexen Software-Plattform benötigt ein Swico-Mitglied – nennen wir die Schweizer Firma mal MixiSoft – Unterstützung durch ein Team von Swico-Mitglied InterHard, einem internationalen Unternehmen mit mehreren Standorten in der Schweiz. Um den Auftrag zu erfüllen, arbeitet ein grösseres InterHard-Team aus dem Standort Schweiz, das jedoch für einige Monate noch drei InterHard-Experten aus England, Österreich und Tschechien benötigt.

Da MixiSoft Betriebsstätten in Zürich und in Genf hat, müssen diese ausländischen Mitarbeitenden in beiden Kantonen angemeldet und aufs Kontingent genommen werden. In jedem Fall muss belegt werden, dass kein Schweizer bzw. Inländer für diese Arbeit gefunden wurde und dass Schweizer Löhne bezahlt werden. Dies jedoch in Zürich und Genf auf unterschiedlichen Formularen mit Beilagen, die auch nicht identisch sind.

Der führende Business-Architekt, ein Österreicher, war schon für ein anderes Projekt ein paar Wochen in der Schweiz und arbeitet schon länger am Projekt. Er ist europaweit in der Zielbranche eine Koryphäe und kann weder durch jemand aus dem Schweizer InterHard-Team, noch mit sonst jemand aus der Schweiz ersetzt werden. Seine Arbeitsgenehmigung lief am 11. Februar 2015 aus. Eine einmalige Verlängerung ist zulasten des Kontingents zwar möglich, aber erst fürs nächste Quartal (also ab 1. April), da das Kontingent für Q1 bereits vor Ende Januar ausgeschossen war. Ob er sie erhält, ist völlig offen. Die Fertigstellung des Projekts der Schweizer Firma MixiSoft ist nun nicht grundsätzlich gefährdet, wird jedoch erschwert und verzögert. Unter dem Stichwort Time to market eine mittlere Katastrophe, da die ausländische Konkurrenz nicht schläft.

SVP und Bundesrat würden sagen: Recht so, bildet doch einfach Schweizer aus. Doch der Verweis auf die Nachwuchsförderung ist verfehlt. Denn einerseits kann auch die beste Fachkräfteförderung nicht verhindern, dass eine kleine Volkswirtschaft wie die Schweiz immer mal wieder in Einzelfällen auf ausländische Experten angewiesen ist. Und andererseits können Top-Spezialisten für die verschiedensten Zielbranchen nicht von einem Tag auf den anderen ausgebildet werden.

Wenn sich solche Fälle weiter häufen, dann wird MixiSoft (und andere ICT-Anbieter) nicht mehr in der Schweiz produzieren können und entweder die Aktivitäten reduzieren oder verlagern. Beides kostetSchweizernArbeitsplätze. Und weiter: InterHard wird weniger Aufträge in der Schweiz akquirieren und damit ebenfalls seine Belegschaft reduzieren. Das ist der springende Punkt. Und er hat nichts mit Einwanderung und nichts mit arbeitslosen Informatikern in der Schweiz zu tun.

Heute muss ich allerdings zugeben: Via Tagesschau lässt sich das nicht vermitteln. Ein Lichtblick immerhin: Niemand hat die Farbe meiner Krawatte kritisiert.

Mission impossible red stamp text

Bildnachweis: fotolia.com; (c) pockygallery11. Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s