Die Euroschock-Offenbarung

Der Euroschock vom 15. Januar hat uns alle ziemlich durchgeschüttelt. Und in Extremsituationen – so heisst es – kommt das wahre Wesen des Menschen unverfälscht zu Tage. Das Ereignis eignet sich daher gut, um die Reaktionen von Wirtschaftsführern unter die Lupe zu nehmen und einzuordnen. Ich beobachte da sehr unterschiedliche Typen:

Der Widerstandskämpfer: Er gratuliert SNB-Präsident Jordan in einem offenen Brief zum Entscheid und gibt sich überzeugt, dass die Schweizer Wirtschaft diesen Schock problemlos aushalten und daran wachsen werde. Die Journalisten bewundern seinen Mut und seine Zuversicht: Was für ein Vorbild! Dass sein Unternehmen in der Schweiz nur noch eine Konzernzentrale führt und nichts produziert, ist in diesem Zusammenhang für ihn nicht unbedingt erwähnenswert.

Der Schnäppchenjäger: Er gibt seiner Beschaffungsabteilung den Auftrag, sämtliche Lieferanten in der Schweiz aufzufordern, unverzüglich alle Preise entsprechend der Kursentwicklung zu senken, da sie doch sicher nicht als Abzocker der Währungsmisere da stehen möchten. Wieso sollte er sich zurückhalten, schliesslich hat die ICT-Beschaffung der SNB selbst das gleiche Ansinnen an ihre Lieferanten gerichtet.

Der Super-Patriot: Er bekräftigt, dass er nie im Ausland bestellen und einkaufen würde und dass er alle, die das tun, für Charakterschweine hält. Er findet es auch unfair, dass nun seine ausländischen Mitarbeitenden viel höhere Kaufkraft haben als ihre Schweizer Kollegen, und kürzt ihnen das Gehalt deshalb um 20 Prozent.

Der Trittbrettfahrer: Sein Unternehmen hat die technologische Entwicklung in den letzten Jahren verpennt. Nun hat er endlich eine Erklärung bzw. Ausrede dafür, weshalb seine Zahlen so schlecht sind. Er fordert in der Öffentlichkeit eine energische Intervention des Bundes. Dass der Umsatzanteil seiner Firma in Euro bei 2,3 Prozent liegt, betont er dabei nicht besonders.

Der Untergangsprophet: Als Geschäftsführer eines Wirtschaftsverbandes bündelt er alle Negativbotschaften der letzten fünf Jahre in seiner Branche und kombiniert sie mit den düstersten volkswirtschaftlichen Szenarien, die er finden kann. Damit kann er einwandfrei belegen, dass seine Branche mit Lichtgeschwindigkeit auf den Abgrund zurast. Wichtiger als die Aussicht auf Beihilfen und Subventionen für seine Mitgliedunternehmen sind ihm die zahlreichen Auftritte in Tagesschau, 10vor10, ECO und Rundschau. Er geniesst sie natürlich überhaupt nicht, aber jemand muss es doch tun.

Der Gewerkschaftsfunktionär: Er fordert alle Unternehmen ultimativ dazu auf, Löhne und Gehälter per sofort um 20 Prozent anzuheben, damit die Inlandnachfrage den Verlust beim Export kompensieren kann. Alles Andere führe die Schweiz geradewegs in den wirtschaftlichen Ruin. Er ist natürlich froh, dass er seinerzeit das Volkswirtschaftsstudium abgebrochen hat, so muss er es nicht besser wissen.

Ich könnte natürlich auch darüber schreiben, was für ein Typ ich selbst bin. Aber jetzt grad passt es schlecht. Ich habe nämlich mit Kollegen abgemacht, nach Konstanz zum Shoppen zu fahren.

Surprise astonished guy isolated on grey wall background

Bildnachweis: fotolia.com; (c) pathdoc. Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

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