„Politik ist ein Drecksgeschäft“

Die Distanzierung von der Politik und vom politischen Engagement begegnet mir immer wieder im Gespräch mit Swico-Mitgliedern. Oft mit dem Zusatz: „Darum sind wir ja bei euch im Verband, damit sich unser Unternehmen nicht selbst exponieren muss.“

Diese Haltung ist zwar der Swico-Kasse zuträglich, aber ich bin mir nicht sicher, ob es als Branchenexponent klug ist, es dabei bewenden zu lassen. Natürlich hat nicht jeder von uns das Talent und die Möglichkeit, um sich (wie wohl bald Ruedi Noser) als Ständerat oder, wie wenige andere Kolleginnen und Kollegen, im Nationalrat an vorderster Front für die Branche zu engagieren. Aber dass die Präsenz der Bauern und der ICTler im nationalen Parlament umgekehrt proportional zur Bedeutung der jeweiligen Branche ist, liegt nicht nur am Wähler, für den Bauern nun mal „Heimat“ symbolisieren, ICT hingegen nicht. Es liegt eben auch am fehlenden Angebot unsererseits.

Es genügt für eine Branche nicht, die Hausaufgaben zu machen, alle wichtigen Dossiers zu verfolgen und intensiven Kontakt zu Verwaltung und Parlament zu pflegen. Diesen Auftrag erfüllt ein professioneller Verband (natürlich). Es braucht jedoch immer auch Leute, welche als Galionsfiguren in der Öffentlichkeit auftreten, die kraft ihrer Persönlichkeit und ihres beruflichen oder sonstigen Leistungsausweises glaubwürdig für eine Branche und ihre Anliegen einstehen.

Und diese Arbeit kann auch nicht nur auf nationaler Ebene geleistet werden. Es braucht dafür als Voraussetzung ein Geflecht von politisch engagierten Personen, welche auch auf Gemeinde- und Kantonsebene aktiv sind. Natürlich werden dort nicht primär ICT-spezifische Themen abgehandelt, aber doch auch. Und ohne ein Netz von lokal verankerten Aktiven ist es viel schwieriger, Personen an die relevanten Schaltstellen zu bringen. Die Quereinsteiger, denen man den roten Teppich ausrollt, gibt es immer wieder, aber insgesamt sind sie doch eher selten.

Also nicht über Politik schimpfen und sie erdulden, sondern aktiv werden: In allen Politikbereichen und auf allen Ebenen kann etwas für die ICT geleistet werden. Man denke nur an die Ausgestaltung der Rahmenbedingungen, die Prioritäten bei den staatlichen Aktivitäten etc.

Und in diesem Zusammenhang habe ich zwei konkrete Anliegen an meine geschätzten Leserinnen und Leser: Wenn euch in den kommenden Wochen und Monaten der Ruf ereilt, sich für nächsten Herbst auf eine Wahlliste setzen zu lassen (was durchaus passieren kann), dann überlegt es euch gründlich und macht wenn möglich mit. Natürlich: Es bedeutet Arbeit. Aber auch wer nicht gewählt wird, lernt dabei viel über Politik (und über sich selbst), erweitert sein Netzwerk (auch Menschen ausserhalb der ICT sind interessant) und sein Verständnis für die „Mechanik“ unserer Gesellschaft.

Zweitens: Sorgt als Unternehmer und Kadermitarbeitende dafür, dass sich eure Mitarbeitenden politisch engagieren dürfen und in der Firma auch entsprechende Freiräume erhalten. Davon wird das Unternehmen in jedem Fall profitieren. Das ist nicht immer einfach: In einem KMU muss man vielleicht erklären, weshalb ein Angestellter mehr „Freiheiten“ geniesst. Und in einem internationalen Unternehmen muss man sich exponieren, um solche Lösungen in der Zentrale durchzuboxen. Aber es ist wie überall: Etwas Zivilcourage sollte eine Führungskraft schon haben.

Das Statement im Titel stammt übrigens nicht von einem Swico-Mitglied, die drücken sich wesentlich gewählter aus, sondern von einer (laut Eigendeklaration) Marquesa, welche in Mar del Plata Taxi fährt und mir soeben auf der (langen) Fahrt zum Flughafen ihre politische Haltung in aller Ausführlichkeit dargelegt hat. Denn auch in Argentinien ist 2015 ein Wahljahr!

Mist werfen

Bildnachweis: fotolia.com; (c) Carola Schubbel. Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

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