Von China lernen

In der ICT-Branche ist es beliebt, nach Silicon Valley zu pilgern, um sich mit der Entwicklung der Branche auseinander zu setzen. Wenn man Glück hat, trifft man dort einen hiesigen Verlagsmanager auf der Suche nach dem heiligen Gral des zukünftigen Businessmodells für Medien. Ich habe einen anderen Weg gewählt. Zusammen mit anderen Branchenexponenten der ICT-Wirtschaft war ich zwei Wochen in China, um dort die Hightech-Wirtschaft zu erkunden.

Ich kehre von dieser Reise beeindruckt zurück. Die schiere Grösse des Landes ist überwältigend. Allein die Stadt Shenzhen hat sich in zwei Jahrzehnten vom Fischerdorf zu einer Stadt mit der doppelten Bevölkerungszahl der Schweiz entwickelt. Ein solches Land zu administrieren und zu entwickeln, ist eine herkulische Aufgabe. Angesichts der gewaltigen Unterschiede bezüglich Lebensqualität und Verdienstmöglichkeiten ist die interne Migration ein so zentrales Thema wie bei uns die „Masseneinwanderung“. Die Lösungsansätze sind allerdings nicht dirigistisch wie in der Schweiz, sondern erzkapitalistisch. Wie mir ein Beamter in Shenzhen erklärt: „Die Wohnkosten sind bei uns in der Stadt so hoch, dass jemand, der keine gut bezahlte Arbeit hat, hier keine Wohnung findet. Das regelt den Zustrom automatisch.“

Wer studieren will, wie man Hightech in den Alltag integriert, der muss definitiv nach China. Soziale Medien, Bezahlsysteme, E-Commerce, all dies gedeiht dort besser als anderswo, inklusive Apps, die anzeigen, ob die aktuelle Feinstaubbelastung nur massiv über den Grenzwerten liegt oder ganz katastrophal ist. Die Abschottung vom Rest der Welt motiviert zur Eigenentwicklung, denn Facebook, Google und Twitter sind im Netz tatsächlich „nicht erreichbar“. Doch WeChat ist definitiv das bessere WhatsApp, und Alibaba übertrumpft Amazon in verschiedener Hinsicht. Diese Selbsterfahrung hat mich fast noch mehr von der kreativen Power der Chinesen überzeugt als die übergrosse „Patent Wall“ im Showroom eines Betriebes, der damit uns Westlern klar machen will, was sie alles auf der Pfanne haben.

China wird heute als ein Eldorado der Markenpiraterie betrachtet, was zwar nicht a priori falsch, aber einem spürbaren Wandel unterworfen ist. Je stärker der Anschluss an den Weltmarkt und je höher die Wertschöpfung, desto mehr sind die Chinesen selbst auf angemessenen Schutz des geistigen Eigentums angewiesen. Mittlerweile sind 80 Prozent der Rechtshändel in diesem Bereich in China rein „interne“ Prozesse, bei denen sich zwei chinesische Firmen gegenüber stehen.

China – das meine wichtigste Schlussfolgerung – befindet sich in einer gewaltigen Transformation. Als ich den Personalchef eines Grossunternehmens fragte, was denn das grösste HR-Problem sei, gab er mir zur Antwort: „Wir haben zunehmend Mühe, die New-Era-Generation (ich höre da ‚Post-Tiananmen- und Ein-Kind-Politik-Generation‘) in den Firmen zu integrieren. Die jungen Leute sind selbstbewusster und kreativer, aber sehr individualistisch und nicht mehr bereit, sich in die Firmenwelt einzugliedern.“ Das tönt doch eigenartig vertraut…

Ich bin natürlich nicht der Meinung, dass wir in dem Sinn von China lernen sollen, dass wir ihre Vorgehensweise (und schon gar nicht ihr politisches System) übernehmen. Aber die ganz andere Massstäblichkeit hautnah zu erleben, öffnet die Augen dafür, wie eng und klein es in der Schweiz doch ist. Wer (bei uns) der Star unter acht Millionen Schweizern ist, schafft es dort vielleicht nicht einmal in die Provinzliga.

Am meisten beeindruckt haben mich übrigens die Hongkonger Studenten, welche gewaltlos und friedlich demonstrierten: Ihre Zelte waren sauber ausgerichtet, der Abfall wurde weggeräumt, Umleitungen waren markiert und die Dozenten hielten mitten drin ihre Vorlesungen ab. Man sollte daher nicht primär Informatiker aus der Schweiz nach China zum Lernen hinschicken, sondern doch eher den Schwarzen Block.

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An der Nathan Road in Kowloon hat es mehr Uhrenläden und Uhrenmarken als in ganz Europa (Schweiz inklusive)
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Gut für die schlanke Linie: Mit Stäbchen essen und die Knochesplitter rauspulen.
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Viel benutzt, die App zur Feinstaubbelastung, die in Beijing regelmässig Rekordwerte erreicht. Neckisch: „US Embassy – unhealthy“
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Beim Selfmade-Man der Laserbranche: In 20 Jahren zum Milliardenkonzern mit 8’000 Mitarbeitenden
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Social Eating: Der Hotpot zwingt zu Geselligkeit und Zusammenarbeit. Bei uns heisst es in abgemilderter Form zu Recht Fondue chinoise
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Touristisches Highlight für Chinesen: der West-Lake bei Hangzhou
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Genauso touristisch: Das Klein-Venedig von Suzhou.
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Es gibt nicht nur IT: Traditionelle Seidenfabrikation mit viel Handarbeit.
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Teleconferencing à gogo im gigantischen Showroom von Huawei in Shenzhen.

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

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