Proporz frisst Vernunft

Als ich vor drei Monaten über die neuen Swissness-Vorschriften für ICT-Lieferanten schrieb, hatte ich mir folgende Pointe einfallen lassen: Bald werde die Schweiz auch dazu übergehen, die sprachliche oder kantonale Herkunft von ICT-Lieferanten vorzuschreiben. Dies schien mir jedoch dermassen überzeichnet, dass ich mir einen anderen Schluss einfallen liess.

Nun zeigt sich, dass ich damit die Kreativität des Bundes völlig unterschätzt hatte: Vor kurzem hat das Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL) die Zusammenfassung einer Studie über Sprachbarrieren im öffentlichen Beschaffungswesen publiziert, die eigentlich genau das fordert. Ausgehend von Klagen aus der lateinischen Schweiz wurde untersucht, ob gewisse (Sprach-) Regionen diskriminiert werden. Natürlich kam der Bund zum Schluss, dass dem so sei – alles andere wäre ja wohl politisch nicht korrekt – aber er legte dann noch nach: Sprache sei nur ein Teil des Problems. Aber auch die „kulturell unterschiedliche Wahrnehmung der Komplexität der öffentlichen Beschaffung“ (welch wunderbares Wortgebilde!), oder die Zusammenballung von Bundesämtern in der Region Bern förderten Ungleichgewichte.

Die Experten setzten aufgrund dieser Feststellungen einen Massnahmenplan zusammen, zu dem in Anbetracht der hohen Dringlichkeit auch Sofortmassnahmen („Erste Massnahmen – Umsetzung umgehend“) gehören.

Die Vergabekommissionen sollen zum Beispiel erweitert werden, um den schweizerischen Besonderheiten bezüglich Kultur, Region und Sprachen Rechnung zu tragen. Man kann sich das so vorstellen, dass eine neue Applikation nicht nur in vier Sprachversionen für die Landessprachen produziert wird, sondern dass auch nachgewiesen werden muss, dass das Entwicklerteam von seiner sprachlichen und regionalen Herkunft her proportional korrekt zusammengesetzt wurde.

Längerfristig soll jedoch eine „regionale Politik für nicht WTO-pflichtige Ausschreibungen“ formuliert werden, welche die Vergaben so regelt, dass der Kultur-, Sprachen- und Regionenproporz genau eingehalten wird.

Dies ist ein Beispiel mehr dafür, wie Bürokratie und Political Correctness effiziente Beschaffungen letztlich immer mehr verunmöglichen. Denn es geht nicht mehr darum, möglichst gute Produkte zu bestmöglichen Konditionen zu beschaffen. Es geht nur darum, alle Regionen gleichmässig mit der Giesskanne der Staatsaufträge zu begiessen. Als Steuerzahler kann ich da nur den Kopf schütteln. Aber wen interessiert in Bundesbern schon der Steuerzahler? 

Auf eine Schlusspointe verzichte ichheute lieber. Wer weiss, welche Bundesstelle sonst noch auf die Idee kommt, meine Überspitzungen zu toppen.

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Bildnachweis: © apops – Fotolia.com

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

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