Achtung, bald beginnt die Spargelsaison

„Hat sich Ihr Unternehmen in Bern schon gemeldet? Wenn nicht, riskieren Sie, bald in Ihrem Betrieb die ganze Arbeit allein leisten zu müssen. Denn nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative wird nur noch Ausländer anstellen dürfen, wer sich als erster bei Herrn Schneider-Ammann gemeldet hat. Achtung: Schon bald werden alle Kontingente ausgeschöpft sein.“

So oder ähnlich lautete der Tenor vieler Kommentatoren und mancher Branchen-Granden nach der verlorenen Volksabstimmung. Panik machte sich breit, ernsthaft wurde ich gefragt, ob wir denn bei Swico die entsprechenden Anträge und Vorstösse schon parat hätten. Nachdem nun die Hysteriker einen Monat wüten durften, versuche ich nachfolgend die Situation nüchtern zu diskutieren. Und nehme mal einfach den Wortlaut der neuen Verfassungsbestimmung zum Nennwert, auch wenn ich weiss, dass die hohe Politik darüber nachdenkt, die Initiative bilateral-kompatibel umzudeuten.

Wir Schweizer lieben es ja, auf alt Bewährtes zurückzugreifen (wobei wir meist implizieren, dass alt auch gleich bewährt ist). Es ist aber keine gute Idee, nun einfach die Zuteilungspläne der neunziger Jahre aus der Schublade zu ziehen (wie es sich offenbar Chefstratege C.B. vorstellt). Denn die sind nur schon deshalb Makulatur, weil die Initiative verlangt, dass auch Grenzgänger in die Kontingente einbezogen werden. Es sind zwar insgesamt „nur“ 300’000, aber in einzelnen Kantonen haben sie einen sehr hohen Anteil am Arbeitsmarkt und sind für das Funktionieren der Wirtschaft der Grenzregionen absolut unerlässlich. In Basel zum Beispiel ist jeder fünfte Arbeitnehmer ein Grenzgänger. Wir brauchen also nur schon deshalb ganz sicher ein grundlegend neues Konzept.

Im Migrationsbereich haben die Kantone aus rechtlichen und organisatorischen Gründen eine starke Position. Dies zeigt sich daran, dass früher, aber auch heute noch bei den Nicht-EWR-Ausländern die Steuerung über kantonale Zuteilungen läuft: Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Giesskanne nicht funktioniert, weshalb grosse, wirtschaftsstarke Kantone (wer hat da Zürich gerufen?) den kleinen Kantonen jeweils die unbenutzten Kontingente abbetteln müssen, um einigermassen über die Runden zu kommen. Wäre es da nicht klüger, die Zuteilung gar nicht erst über die Kantone steuern zu wollen? Könnten die Branchen und Verbände nicht auch eine wichtige Rolle spielen?

Es gibt Wirtschaftszweige, bei denen eine Reduktion des Ausländerbestandes auch gesamtwirtschaftlich Sinn macht. Ins Auge sticht insbesondere die Bauwirtschaft, die aufgrund der Zweitwohnungsinitiative sowie der massiven Überbestände an gewerblichen Liegenschaften sowieso auf die Bremse treten sollte, um die Immobilienblase nicht zum Platzen zu bringen. Mir kommt die Galle hoch, wenn ich an die vor allem ausländischen Bauarbeiter im Wallis denke, welche zulasten der Arbeitslosenversicherung (also auf unsere Kosten) überwintern, um die Gewinnmarge ihrer Arbeitgeber zu schonen. Und auch Wohnungen im Mittelland brauchts natürlich weniger, wenn die Zuwanderung zurückgeht…

Doch kommen wir nun zu einem Punkt, der uns in der ICT-Wirtschaft besonders interessiert: der Wertschöpfung. Es kann doch einfach nicht sein, dass der polnische Spargelstecher, der im Seeland zu Tiefstlöhnen während der Saison beim Bauern schuftet, einem lettischen Senior Business Analyst das Kontingent „wegnimmt“, der für die Entwicklung einer kritischen Applikation bei einem Schweizer Anbieter dringend benötigt wird. Der eine hilft, die Kostenstruktur eines eh vom Staat subventionierten Betriebs zu tunen, während ohne den anderen ein wichtiger Auftrag – an dem weitere Arbeitsplätze hängen – nicht abgewickelt werden kann.

Es geht hier nicht um die beim Seco so verpönte Industriepolitik, sondern darum, den volkswirtschaftlichen Nutzen zu optimieren. Die Wirtschaftspolitiker müssen sich bewusst sein, wie hochmobil das ICT-Business geworden ist. Wenn die Arbeitnehmer nicht zu den Aufträgen kommen können, dann werden die Aufträge zu den Arbeitnehmern abwandern. Die Anzahl arbeitsloser Schweizer ICT-Fachleute (ja, die gibt es, leider!) wird damit nicht zurückgehen, sondern spürbar zunehmen.

Selbst wenn die Kontingente so verteilt werden, dass Wertschöpfungskriterien eine grosse Rolle spielen, müssen sich Schweizer ICT-Anbieter darüber Gedanken machen, wie sie auf anderem Weg zu Nachwuchs kommen. Sie müssen insbesondere mehr in die Ausbildung, in die Weiterbildung und in die Erhaltung der Arbeitsmarktfähigkeit ihrer Mitarbeitenden investieren.

Zum Schluss wollen Sie sicher noch wissen, wofür der lettische Senior Business Analyst in der Schweiz benötigt wird. Ist doch klar: Er arbeitet an der interdepartementalen Gesamtapplikation des Bundes zur Kontingentsverwaltung.

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Bildnachweis: © goodween123 – Fotolia.com

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

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