Zwar haben die Medien die vor zwei Wochen lancierte Werbekampagne wohlwollend aufgenommen, welche Maturandinnen davon überzeugen will, Informatik zu studieren (z.B. auch hier). In den Kommentaren bei den Publikumsmedien und auf Twitter war das Echo jedoch deutlich kritischer: Informatik sei sicher kein Traumberuf, da die Angestellten unter Dauerstress stünden, durch knappe Termine und unfähige Chefs geknüttelt würden und erst noch rund um die Uhr erreichbar sein müssten. Und einzelne dieser Kommentatoren gaben sich auch noch als arbeitslose Informatiker zu erkennen. Und sowieso würden alle Stellen ins billigere Ausland verschoben…

Lassen wir für einmal die zahlreichen Statistiken auf der Seite, welche die heutige und vor allem die zukünftige Unterversorgung mit Informatikern belegen. Stellen wir uns stattdessen die Frage: Was soll eine Kampagne, wenn a) das Branchen-Image zu Recht schlecht ist, und es b) angesichts von Arbeitslosen eher zu viele als zu wenige Informatiker hat?

Tatsache ist, dass heute gerade mal zwei von fünf Informatikern über eine entsprechende Ausbildung verfügen. Vor allem die boomende Finanzbranche war Ende des letzten Jahrhunderts verzweifelt auf der Suche nach Arbeitnehmern, die bereit sind umzusatteln. Selbst Detailhändler und Coiffeursalons (!) waren damals nicht vor der Abwerbung von Mitarbeitenden sicher. Und es sind heute vor allem Quereinsteiger ohne fundierte Informatikausbildung, die vom Stellenabbau bedroht sind, da sie oft nur in einem sehr spezifischen (kleinen) Gebiet Fachkenntnisse erworben haben.

Einige hundert arbeitslose Informatiker allein im Kanton Zürich sind daher kein Argument gegen die Kampagne, sondern eines dafür: Denn nur mit einer fundierten ICT-Berufs- oder -Hochschulbildung erwirbt man die erforderliche Flexibilität, um auch bei der übernächsten Technologiegeneration noch einen guten Job machen zu können.

Aber weshalb denn eine Kampagne, wenn es heute schon zu wenig offene Informatiklehrstellen bzw. zu viele Bewerber hat? Sollten da nicht die Unternehmen einfach einmal ihre Hausaufgaben machen?

In der Tat, bei der Berufsbildung haben wir kein Mengen-, sondern allenfalls ein Qualitätsproblem, denn für die anspruchsvolle vierjährige Informatiklehre wird ein guter Sek-A-Abschluss benötigt. Die Herausforderung liegt jedoch bei der akademischen Ausbildung: Universitäten und Fachhochschulen könnten schon heute mehr als doppelt so viele Studierende aufnehmen, ohne ihre Infrastruktur anpassen zu müssen. Darum richtet sich diese Kampagne in erster Linie an Mittelschülerinnen und -schüler, die für ein Informatikstudium motiviert werden sollen. Nicht um halbleere Hörsäle zu füllen, sondern weil diese Leute im Markt dringend gebraucht werden.

Aus Platzgründen kann ich hier auf weitere Zwischenrufe nicht im Detail eingehen. Wir sollten jedenfalls für die eingebrachte Kritik dankbar sein: Denn sie belegt, dass die Kampagne gesehen wird. Und sie ist so relevant, dass sie Reaktionen auslöst. Ungünstig wäre gewesen, wenn sie nur höflich-distanziertes Schulterklopfen ausgelöst hätte oder, noch schlimmer: Schweigen.

Interessenbindung: Ich bin persönlich hinter den Kulissen an den Arbeiten für die IT-Dreamjobs-Kampagne beteiligt, wovon folgende Parodie aus dem Hause Ergon zeugt:

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Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

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