Ich bekenne mich schuldig

Ich bekenne mich schuldig: Es kommt immer mal wieder vor, dass ich meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen nachts um halb zwölf oder am Sonntagnachmittag ein Mail schicke. Und wenn mich jemand am Samstagmorgen aufs Firmenhandy anruft, dann nehme ich das Gespräch ohne Bedenken an.

Für den Mainstream von Management-Gurus und Wirtschaftsjournalisten bin ich damit als Chef gestorben. Laut ihnen führt die „Always on“-Mentalität zu einem unhaltbaren Druck auf die Angestellten und wirkt krank machend, führt letztlich zu Depressionen oder zu noch Schlimmerem.

Einspruch, euer Ehren! Gewiss gehöre ich zu denjenigen, welche die Möglichkeiten der elektronischen Kommunikation voll ausreizen. Unter anderem deshalb, weil ich neben meinem Beruf ehrenamtliche Engagements wahrnehme, deren Termine ab und zu in die offizielle „Arbeitszeit“ fallen. Es ist für mich daher unabdingbar, auch zu Randzeiten oder am Wochenende tätig zu sein. Nicht durchs Band, aber doch regelmässig.

Und es wäre für mich höchst unbequem, wenn ich zu solchen Zeitpunkten jeweils keine Mails schreiben oder sonst kommunizieren dürfte. Ich wage jedoch die Behauptung, dass ich damit meine Kollegen nicht unter Druck setze:

  1. Niemand verlangt von ihnen, ihre Mails abends oder am Wochenende überhaupt zu lesen.
  2. Ich setze nie einen Termin, der nicht auch noch in der normalen Arbeitszeit erledigt werden kann.
  3. Bei Kollegen, von denen ich weiss, dass sie wie ich als Kommunikations-Aficionados ständig auf Empfang sind, weise ich meist speziell darauf hin, dass ich keine sofortige Antwort erwarte.

Was ich damit zum Ausdruck bringen will: Es geht hier nicht um Technologie, sondern um Unternehmenskultur. In Firmen, in denen ein Klima der Angst herrscht und die Mitarbeitenden stets gegeneinander im Wettbewerb stehen, ist „Always on“ ein Stressfaktor, aber nur einer unter vielen. Ein Handyverbot nach Feierabend oder ein PC-freies Wochenende bringen da nicht viel, denn der entsprechende Druck bleibt sich gleich.

Mein Kommunikationsverhalten ist durch meine spezifischen Bedürfnisse und Neigungen geprägt. Ich sehe nicht ein, weshalb ich es ändern soll, nur weil es jemand nachmachen könnte, der in einer anderen Situation ist, und für den es dann nachteilig sein könnte. Ein Vorbild möchte ich ja schon sein, aber doch nicht ein Abziehbild!

Denn das würde bedeuten, dass sich Mitarbeitende immer genau gleich wie ihre Chefs verhalten sollen. Und dass sie nicht in der Lage sind, selbstständig und selbstverantwortlich zu entscheiden, wie sie sich bezüglich Kommunikation verhalten wollen. Ehrlich gesagt, mit solchen Leuten möchte ich nicht zusammenarbeiten müssen…

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.chBild
(c) alphaspirit fotolia.com
Advertisements

1 Comment

  1. Jede Kommunikation liefert Informationen, welche verarbeitet werden – von jedem Menschen unterschiedlich. Es ist doch ganz normal, dass da auch die unterschiedlichen Verhaltensmuster entstehen. Mir ist aber nicht ganz klar, wer Sie beschuldigt 🙂 D.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s