Gleich zweifach: Verarbeitung von organischem Material in Zürich-West

Gestern hat es mich in mein ehemaliges Wohnquartier Altstetten gezogen, um am Tag der offenen Türe von zwei Institutionen teilzunehmen, die ihre Pforten öffnen. In beiden Fällen trieb mich nicht einfach Neugier oder samstägliche Langeweile an, sondern ein spezieller Bezug.

Die morgen in Betrieb gehenden „Verrichtungsboxen“ sollen die unwürdigen Zustände am Strassenstrich vom Sihlquai beenden. Wenn das Ganze funktioniert, verschieben sich die Prostituierten und ihre Kunden nach Altstetten in die neue Anlage im Gewerbegebiet, und alles wird gut (ausser vielleicht für den Steuerzahler, der die Triebabfuhr von Freiern subventionieren muss). Wenn es jedoch nicht funktioniert, wird das horizontale Gewerbe ausweichen auf den einzigen noch zur Verfügung stehenden legalen Autostrich in Zürich – in die Brunau im Quartier Enge. Als Quartiervereinspräsident habe ich mich schon seit zwei Jahren intensiv mit dem Thema befasst, vor zwei Monaten haben wir einen Anlass zum Thema durchgeführt. Als Quartierverein haben uns von Anfang an nicht grundsätzlich gegen das Vorhaben ausgesprochen (das wäre St.-Florians-Politik), aber ein gutes Sicherheitsdispositiv und klare Leitplanken gefordert. In der Brunau befindet sich nämlich der Strichplatz nicht in einem abgeschotteten, überwachten Areal wie in Altstetten, sondern unmittelbar an der Strasse, auch in der Nähe von Sportplätzen und Verbindungswegen zur Allmend. Während einzelne Medien bereits unken, die Sexboxen in Altstetten würden von Freiern nicht akzeptiert werden, sehen es die Verantwortlichen vor Ort anders: Bereits in den letzten Tagen hätten sie reihenweise Freier abweisen müssen, welche sich hier bedienen lassen wollten… Die Anlage ist zwar baulich einfach gehalten, aber mit der gnadenlosen Perfektion der Zürcher Stadtverwaltung durchkonzipiert. Trotzdem muss man sich bewusst sein, das Ganze ist ein Experiment: Noch niemand in der Schweiz hat je eine solche Anlage konzipiert oder gebaut. Ich bin jedenfalls vorsichtig optimistisch. Auf der Homepage der Stadt ist übrigens der Strichplatz Depotweg im Kapitel „Aufsuchende Sozialarbeit“ referenziert. So kann man es natürlich auch sehen…

Wirklich überraschend ist das Interesse der Medien, und zwar nicht aus der Schweiz, sondern auch aus dem Ausland. Die Kombination vom sauberen, reichen Zürich und dem verruchten schmutzigen Geschäft mit dem schnellen Sex ist natürlich sehr attraktiv. Die Kommunikationsverantwortlichen von Sozial- und Polizeidepartement sind sich ja einiges in Sachen Medien gewöhnt, aber ein solcher Ansturm lässt selbst sie fast sprachlos. Obwohl die Medien ihre eigenen Besichtigungstermine hatten, standen auch am Tag der offenen Türe viele Journalisten herum, um die „Vox populi“ einzufangen. Ich wurde gleich zwei Mal interviewt: Zuerst von einer etwas naiven jungen Lokalradio-Praktikantin, und dann – sozusagen am anderen Ende der journalistischen Hackordnung – auf Englisch vom Associated Press „Chief Correspondent in Switzerland“.

Der zweite Anlass in Altstetten war wesentlich entspannter und weniger kontrovers: Die Stadt Zürich nahm ihre erste Biogas-Anlage in Betrieb: eine geschlossene Anlage, in welcher der Bioabfall durch mikrobiellen Abbau in Biogas umgewandelt wird. Vor dem Einspeisen ins Erdgasnetz wird es dann zu Erdgasqualität aufbereitet. Während fast einem Jahrzehnt hatte ich mich als Exponent der Gasindustrie zusammen mit vielen anderen dafür engagiert, dass eine solche Anlage gebaut wird. Zehn Jahre wurden verloren, weil die entscheidenden Leute in der Verwaltung Grüngut lieber verbrennen wollten. Nun war es für mich eine Genugtuung, die Früchte unseres Engagements mit eigenen Augen zu sehen bzw. mit eigener Nase zu riechen. Wobei: In der Biogas-Anlage stinkt es zwar etwas, aber dafür gibt es am Tag der offenen Tür wenigstens eine Bratwurst!

Bild

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s