Gender, Weltfrieden und ICT

Vorweg die gute Nachricht: Es ist nicht so schlimm gekommen, wie man aufgrund der Entwicklung der letzten Zeit befürchten musste: Der vor ein paar Tagen vorgestellte Lehrplan 21 für die ganze Deutschschweiz befasst sich durchaus auch mit Informatik. Der von der Branche und insbesondere der Kommission Bildung von ICTswitzerland aufgebaute Druck hat seine Spuren hinterlassen: Das Fach „ICT und Medien“ wurde offiziell in den Lehrplan aufgenommen und ist dort ausführlich beschrieben. Es finden sich Sätze wie

  • Schüler verstehen Aufbau und Funktionsweise von informationsverarbeitenden Systemen.
  • Sie können in vorgegebenen Algorithmen die algorithmischen Grundbausteine (Schlaufe, Verzweigung und Anweisung) erkennen und benennen.
  • Sie können einfache Algorithmen erkennen und darstellen (z.B. mit einem Flussdiagramm).
  • Sie können eigene einfache Algorithmen erstellen.
  • Sie können einfache Algorithmen in einer geeigneten Programmierumgebung umsetzen und testen.

Das Fach heisst „ICT und Medien“ und umfasst neben der Informatik auch die Kompetenz bei der Anwendung von Standardsoftware sowie die Medienkompetenz. Ich halte das für unproblematisch: Es ist offensichtlich, dass alle drei Bereiche für die digitale Lebensbewältigung und damit für den zukünftigen sozialen und beruflichen Erfolg der Schulkinder zentral sind.

Kein eigenes Fach
Das Grundproblem beim Lehrplan 21 liegt jedoch darin, dass „ICT und Medien“ nicht als eigener Fachbereich (wie Deutsch oder Mathematik) vorgesehen ist, sondern nur als „fächerübergreifendes Thema“, das in die eigentlichen Fächer situativ eingearbeitet und integriert werden muss. So zum Beispiel die obigen Kompetenzen betreffend Algorithmen in die Mathematik. Damit wird jedoch Informatik zum „Nice to have“ degradiert und findet sich in einem Konglomerat von Themen wieder, welche doch auch schön und wichtig sind, wie zum Beispiel Gender und Weltfrieden. Es ist daher absehbar, dass „ICT und Medien“ und insbesondere der anspruchsvollere Teil Informatik unter die Räder geraten wird. Viele Lehrer werden ihn wohl links liegen lassen.

Dies wird dadurch begünstigt, dass der Lehrplan 21 keine Stundenvorgaben enthält. Daher ist nicht klar, mit welcher Anzahl Lektion die Kompetenzziele erreicht werden sollen (und können?). Wenn man dann noch berücksichtigt, dass die kantonalen Unterschiede bei den Stundenzahlen gewaltig sind, wird die Gefahr offensichtlich: Stundenbereinigt geht ein Luzerner Schüler ein Jahr weniger lang in die Primarschule als ein Walliser! (Siehe Grafik unten, Quelle: Sonntagszeitung vom 30. Juni 2013). Bei der Standortwahl fragten sich Informatikfirmen früher, wo die Steuern am tiefsten sind. Heute schauen sie auf die Strompreise. Und morgen? Da werden sie wohl die kantonalen Stundentafeln der Primarschule studieren müssen, um zu wissen, ob sie überhaupt noch Leute finden, die wissen, worum es bei der Informatik geht.

Dieser Entwicklung kann die ICT-Branche nicht tatenlos zusehen. Aktuell sind Experten daran, ein Konzept zu entwickeln, wie Informatik richtig in den Lehrplan 21 eingebaut werden soll. Und die Erziehungsdirektoren haben den Ernst der Lage auch erkannt, indem sie bereits eine eigene Kommission eingesetzt haben, welche sich konkret mit der Umsetzung von „ICT und Medien“ befasst. Es besteht also durchaus noch Hoffnung.

Persönlich erfüllt mich immerhin mit Genugtuung, dass das Wort „Blog“ im Lehrplan 15 Mal vorkommt. So werde ich Schülern in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr erklären müssen, was ich tue, wenn ich blogge…

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

Pflichtlektionen Primarschule

Advertisements

1 Comment

  1. Zu den Schulstunden: Ich wohnte in ZH, AG, jetzt SO, bin oft in VS (meiste Schulstunden!) – und nirgends sind die Menschen dümmer oder klüger! Alles in etwa gleich! Logisch wäre also: das Minimum genügt. Rest streichen!
    M. Stadelmann

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s