Zum Lehrplan 21: Lehrer vor 44 Jahren

Die Lancierung des Lehrplans 21 für die Volksschule gibt mir Anlass, einen Einblick in die Primarschule von 1969 zu geben: Es ist ein Stück Zeitgeschichte und – darum bring ich es natürlich – ein Stück Hensch-Geschichte, denn ich spiele darin auch eine gewisse Rolle (siehe Bild: trotz Grossaufnahmen keine wirklich tragende).

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Im Auftrag des Schweizer Fernsehens, das damals noch so hiess, drehten die beiden Linksintellektuellen Peter Bichsel (Schriftsteller) und Alexander Seiler (Regisseur) einen Film über den Lehrer an sich und suchten sich dafür meinen Klassenlehrer Andres Schmid aus, womit dessen Klasse als Resonanzkörper pädagogischer Übungen natürlich auch vorkommen musste.

Als aufrechter, aber durchaus nicht unreflektierter Patriot und Major der Schweizer Armee bot Schmid eine optimale Projektionsfläche für die Anprangerung der herrschenden Verhältnisse. Dies musste zu Zeiten des Kalten Krieges auf subversive Weise geschehen, so dass der Film auf zwei Ebenen abläuft, die beide aus unterschiedlichen Gründen interessant sind.

Die Bilder zeigen den Alltag einer 4. Primarklasse aus einem Zürcher Mittelstandsquartier, die durch einen engagierten Lehrer mit straffer Hand, aber mit Einfühlungsvermögen und Wohlwollen geführt wird. Dieser macht sich zwischendurch Gedanken über Leistungsdruck und Selbstverwirklichung.

Der Off-Text wird von Peter Bichsel gesprochen und reflektiert seine eigenen Erfahrungen als Lehrer. Dort tut sich eine ganz andere Welt auf, in welcher die Brutalität des Schweizer Erziehungssystems angeprangert wird: Dort trampeln die Lehrer als Büttel des Kapitalismus rücksichtslos auf den Seelen der Schüler herum. Da dies als eigener innerer Monolog  von ex-Lehrer Bichsel daher kommt, ist es unangreifbar, aber als Kommentar zu den Bildern hat es natürlich eine vernichtende Wirkung.

Als noch wenig politisierter Zehnjähriger habe ich von der Rezeption des Werks nichts mitbekommen, aber man hat mir erzählt, dass da einiges passiert ist. Sowohl die Filmemacher als auch der Lehrer haben in der Öffentlichkeit ihr Fett abgekriegt.

Für mich persönlich bleibt der Film eine tolle Zeitmaschine, die mich in meine Kindheit zurück verfrachtet. Man sieht mich vor allem am gelangweilt Herumschauen und am Gähnen oder am Spielen mit Stiften. Und ich erinnere mich tatsächlich, dass ich die Primarschule nicht wirklich als Herausforderung erlebt habe.

Mit herzlichem Dank an meine ehemalige Schulkollegin Monika Christen, die mir den Film kürzlich zugesandt hat.

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