0.08333

Ich gehöre gehört zu den Glücklichen, die im Jahr weniger als 480’000 Franken verdienen. Deshalb hat die 1:12-Initiative für mich keine Auswirkungen und ich kann getrost zu Hause bleiben oder – um es den Abzockern einmal heimzuzahlen – am 22. November sogar Ja stimmen. Dass die Initiative massiven Flurschaden anrichtet, nehme ich für den Spass einfach in Kauf. Oder nicht?

Bei der 1:12-Initiative geht es darum, dass zukünftig in keinem Unternehmen jemand mehr als 12 Mal mehr verdienen darf als das tiefste Salär beträgt. Nimmt man die heutigen Gesamtarbeitsverträge zum Massstab, führt dies zu den besagten 480’000 Franken. Wenn der tiefste Lohn höher liegt, dann verschieben sich natürlich die Beträge je nach Firma etwas nach oben. Schauen wir mal ein paar der ins Feld geführten Argumente an:

Ein Verhältnis von mehr als 1 zu 12 ist sowieso pervers und nicht zu rechtfertigen.

Die meisten Schweizer Firmen sind KMU mit nicht viel mehr als zehn Mitarbeitenden. Für diese ist ein solches Verhältnis sowieso kein Thema. Hingegen ist es bei internationalen Konzernen (die im Ausland aufgrund unterschiedlicher Preisniveaus vielleicht sogar tiefere Löhne zahlen), absolut unsinnig, eine derart tiefe Schwelle anzusetzen. Dazu kommt, dass mit steigender Verantwortung auch die variablen Lohnbestandteile steigen, so dass beim eigentlichen Salär das Verhältnis sogar spürbar unter 1:12 fallen müsste.

Und es ist nicht so, dass nur die höchsten Löhne angepasst werden müssten, denn schliesslich muss das Gesamtsystem in sich stimmig sein. Mit anderen Worten: Die Lohnreduktionen müssten sich von oben nach unten mit abnehmender Intensität fortsetzen. Und diese Quetschung der Lohnbänder hätte ein Resultat: Das Unternehmen könnte keine wettbewerbsfähigen Löhne mehr anbieten – und kriegt keine guten Leute mehr. Dies jedoch kann und will kein Unternehmen riskieren. Die Konsequenz ist klar: Tschüss Nestlé, Bye-bye Swatch – und einige mehr. Und dass jemand ein EMEA-, Europa- oder DACH-Headquarter weiter in der Schweiz betreibt oder neu aufbaut, das kann man getrost vergessen.

Die Initiative bringt den Tieflöhnern höhere Saläre.

Die Initianten behaupten, dass die Manager ihre hohen Saläre retten würden, indem sie die untersten Löhne anheben (um das 1:12-Verhältnis zu erfüllen). Dies ist – gerade bei den internationalen Konzernen, denn nur um die geht es – absoluter betriebswirtschaftlicher Hafenkäse. Die dafür erforderlichen Beträge wären so gigantisch, dass niemand auch nur im Entferntesten davon träumen würde, so etwas zu versuchen. Hingegen wird es sicher zur Folge haben, dass der Druck auf die Rationalisierung und Automatisierung weiter steigen wird, um möglichst Mitarbeitende mit tiefen Löhnen zu vermeiden. Die Initiative bringt den Tieflöhnern deshalb nicht höhere Saläre, sondern Arbeitslosigkeit.

Die Initiative ist eine Reaktion auf unerträgliche Einkommensunterschiede.

Unerträglich ist vielmehr, dass von den Verhältnissen bei einzelnen Personen, die im Rampenlicht stehen, auf das Ganze geschlossen wird. Denn in Tat und Wahrheit sind die Einkommensunterschiede auch aus strukturellen Gründen wegen der zahlreichen KMU in der Schweiz absolut moderat. So zeigt der Durchschnitt der Industriestaaten im Durchschnitt wesentlich höhere Unterschiede zwischen den 10 Prozent der tiefsten und den 10 Prozent der höchsten Löhnen. Insgesamt sind in der Schweiz die Löhne zwar nicht egalitär, aber doch massvoll verteilt.

Unterwegs in die schöne neue Welt der Jusos

Die 1:12-Initiative will übrigens unser Leben in Zukunft noch viel schöner machen. Denn im Kleingedruckten (Argumentarium p. 24) wird angekündigt: Das Verhältnis von 1:12 ist nur eine Etappe auf dem Weg zu weiterer Einebnung der Löhne mit dem Ziel der „Abschaffung der Lohnarbeit“. Für uns Arbeitnehmer wunderbar: Bald haben wir alle das ganze Jahr Ferien! Im Ernst: Mathematisch ergibt 1:12 0,08333. Dies entspricht so ziemlich dem maximalen Anteil an Ja-Stimmen, der für diese Initiative angemessen ist…

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch

Konzept Verdienst

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