ICT und Energiestrategie 2050

Natürlich muss man zwei Wochen Ferien nehmen, um alle Dokumente des Bundes zum Thema zu studieren. Und wer von uns kann das schon. Doch die Vorlage des Bundesrats für eine Energiestrategie 2050 sollte uns wirklich zu denken geben, und zwar auch ganz konkret aus Sicht der ICT-Wirtschaft:

Technologieverbote sind unsinnig
Auslöser für die ganze Vorlage war die Havarie im japanischen Kernkraftwerk Fukushima, beziehungsweise das, was Politik und Medien daraus gemacht haben. Demgemäss postuliert die Energiestrategie ein absolutes Technologieverbot für die Kernkraft. Damit werden zukünftige Entwicklungen unabhängig von ihrem Potenzial abgewürgt. Dies ist nicht nur volkswirtschaftlich schädlich, sondern gefährdet auch den Forschungs- und Entwicklungsstandort Schweiz. Aus meiner Sicht soll der Staat das akzeptable Mass an Risiken und die Überwachung regeln, sich aber ansonsten technologieneutral verhalten. Und dies alles hat nichts damit zu tun, ob man für oder gegen Kernkraft eingestellt ist: Morgen schon kann es eine andere Technologie treffen – zum Beispiel in der ICT.

Cloud-Standort Schweiz kompromittiert
Die Vorlage geht von der stillschweigenden Annahme aus, Hersteller, Unternehmen und private Konsumenten seien grundsätzlich Energieverschwender, weshalb uns dies der Staat abgewöhnen oder verbieten müsse. Es gibt zwar den Fall der Heizkosten, bei dem die Investitionen beim Vermieter anfallen und die Kosten beim Mieter, weshalb kein Anreiz zur Gebäudesanierung besteht. Aber ansonsten sind wir alle sehr daran interessiert, Energie zu sparen, um Kosten zu senken. Stromversorger sollen dafür bezahlt werden, weniger Strom zu verkaufen; progressive Stromtarife sind eine der angedachten Massnahmen. Denn wer mehr Strom verbraucht, muss ja wohl der grössere Verschwender sein. Die Rechenzentrums-Betreiber, die alles Interesse haben, Strom zu sparen, und dennoch Grossverbraucher sind, bedanken sich dafür. Und die Vision vom„Datentresor Schweiz“ kann man sich natürlich unter solchen Bedingungen auch abschminken.

Marktchancen für ICT nicht überbewerten
Die ICT-Wirtschaft wird damit geködert, dass ihr die neue Energiestrategie dank neuen Businessmodellen gewaltige Marktchancen eröffnen wird (Zauberwort „Cleantech“). Dies ist jedoch nur sehr bedingt der Fall. Einerseits müssen der volkswirtschaftliche Schaden und die Risiken der Strategie berücksichtigt werden (z.B. der Export vieler Arbeitsplätze im Produktionsbereich), der sich negativ auf den Umsatz der ICT-Wirtschaft auswirken wird. Andererseits läuft die Entwicklung in Richtung Smart Grids und intelligente Systeme längst und wird sich mit oder ohne Energiestrategie noch beschleunigen.

Riskantes Überholmanöver
Die Energiestrategie verlangt, dass wir heute schon (oder sehr bald) verbindlich terminiert den Doppelausstieg aus Kernkraft und fossiler Energie vornehmen, und postuliert, dass dann die erneuerbaren Energien schon in die Lücke springen werden. Allfällige Unterdeckungen werden bewusst in Kauf genommen, um politischen Druck aufzusetzen. Die Aufgabe der Versorgungssicherheit als oberster Maxime der Energiepolitik ist jedoch für den IT-Standort Schweiz absolut verheerend. Ohne sichere Stromversorgung gibt’s die ICT-Wirtschaft in unserem Land schlicht nicht (mehr).

Energiethemen nicht unterschätzen
Dass sich die ICT-Wirtschaft bisher erstaunlich wenig mit Energiepolitik befasst hat, könnte sich also noch bitter rächen. Immerhin haben die ICT-Anbieter im Rahmen der Swico-Vernehmlassung zur Energiestrategie ihren Standpunkt auch formell kommuniziert – natürlich viel weniger polemisch als in diesem Blog-Beitrag… 

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[Bildnachweis: fricktal24.ch – Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne „Von Hensch zu Mensch“ auf inside-it.ch]

 

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