EU prüft Abschaffung des Eigentums

Eigentum ist ein politisches Grundrecht – darüber möchte ich heute jedoch nicht schreiben. Es geht vielmehr um die Frage, ob Eigentum wirklich die beste Möglichkeit ist, Dinge zu nutzen, oder ob es nicht intelligentere Konzepte gibt. Dazu liegt seit Ende 2012 eine interessante Studie aus den Parlamentsdiensten des Europäischen Parlaments vor. Die Studie „Leasing Society“ untersucht, ob es nicht sinnvoller wäre, Produkte zu vermieten, statt sie zu verkaufen, da der Kunde in der Regel am Eigentum nicht wirklich ein Interesse hat, sondern das Produkt nur – vielleicht sogar für einen befristeten Zeitraum – nutzen möchte.

Gemeinsame Interessen von Anbietern und Abnehmern
Dieses neue Konzept könnte den unauflöslichen Interessenwiderspruchzwischen Anbieter und Abnehmer auflösen. Beim Kauf hat der Verkäufer ein Interesse daran, dass das Produkt nicht zu lange lebt, weil er sonst kein weiteres mehr verkaufen kann. Böse Zungen (und Konsumentenschützer) unterstellen oft bei Produkten eine „geplante Obsoleszenz“. Der Käufer hingegen möchte in der Regel das Produkt so lange wie möglich nutzen können. In der Leasing Society verlaufen die Interessen jedoch parallel. Der Vermieter wünscht sich eine möglichst lange Lebenszeit, da er so die Kosten besser amortisieren kann, und der Nutzer ebenfalls.

Der Nutzen aus Sicht der Umwelt ist offensichtlich, nicht nur wegen der Langlebigkeit der physischen Produkte, sondern auch deshalb, weil der Hersteller während der ganzen Lebensdauer die Verantwortung für das Produkt behält. Die Studie veranlasst hat denn auch die Parlamentskommission für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit ENVI.

Viele Vorteile in der Theorie

Die Vorteile sind vielfältig: Höhere Kundenloyalität, neue Marktchancen, geringerer Ressourcenverbrauch, Sicherung von korrekter Wartung und Unterhalt, Reduktion der Gesamtkosten über den ganzen Lebenszyklus, um nur einige zu nennen. Im Einzelfall wird das Konzept auch bereits erfolgreich umgesetzt. Man denke an das Schweizer Car-Sharing-System Mobility oder in der ICT an die zunehmende Verbreitung von integrierten Druck- und Fotokopierdienstleistungen anstelle des simplen Geräteverkaufs. Seine wahren ökonomischen Vorteile entfaltet das Konzept allerdings erst dann, wenn es gelingt, das Produkt in den Hintergrund treten zu lassen. Also wenn zum Beispiel der Waschmaschinenhersteller nicht einfach nur seine Geräte vermietet, sondern gleich die Versorgung mit sauberer Wäsche garantiert.

Hohe Hürden in der Praxis
All dies klingt sehr schön und ist einleuchtend. Weshalb leben wir dann aber noch nicht in einer Leasing Society? Nun, auch die Hürden sind manni
gfaltig: Anbieter müssten sich völlig umstellen, sich in neue Märkte begeben und auch neue Risiken übernehmen. Vor allem müssten sie stabile Allianzen mit anderen Firmen eingehen, um die Dienstleistungspakete schnüren zu können. Aber auch auf Abnehmerseite ist nicht alles Sonnenschein: Die Abhängigkeit gegenüber dem Lieferanten, der sogenannte 
Lock-in-Effekt, nimmt drastisch zu, es kommt auch in der Nutzungsphase zu einem Kontrollverlust. Letztlich fallen jedoch mehr als die ökonomischen die psychologischen Hemmschwellen ins Gewicht: Viele Anbieter sind aufgrund ihrer Geschichte und ihres Kompetenzportfolios gar nicht in der Lage, sich in ein völlig anderes Businessmodell hineinzudenken. Und, noch wichtiger: Die Kunden sind bei vielen Produktekategorien nicht bereit, die totale Verfügungsgewalt über Produkte aufzugeben, das geradezu haptische Vergnügen, mit einem Gegenstand zu tun und zu lassen, was immer man möchte – und sei es noch so unvernünftig.

Die Leasing Society wir also sicher noch etwas auf sich warten lassen. Aber gerade in saturierten Märkten tun vorausschauende Unternehmer gut daran, sich einmal zu überlegen, wie sie sich dieser Entwicklung gegenüber positionieren wollen. Denn: Der Zeitplan ist noch unklar, doch einen Megatrend stellt die Leasing Society ohne Zweifel dar.


Mobility3
Bildnachweis: nzz.ch
[Dieser Beitrag erschien am 8. Dezember 2012 bereits in weitgehend identischer Fassung bei inside-it]
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