Comeback der Stechuhr

Im Schweizerland ist eine Seuche ausgebrochen: Die Arbeitszeit wird nicht mehr aufgeschrieben. Gerade in der ICT-Branche dürften es weit mehr als die durchschnittlichen 17 Prozent des Personals sein, welche ihrer gesetzlichen Pflicht nicht mehr nachkommen, die Arbeitszeit sauber aufzuschreiben und zu dokumentieren.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco hat die Krankheit von der Fachhochschule Nordwestschweiz mit einer Studie untersuchen lassen und sieht nun dringenden Handlungsbedarf: In Zukunft sollen wieder alle stempeln müssen (ohne Opting-out-Möglichkeit), welche nicht mindestens 175’000 Franken im Jahr verdienen (also 96% der Arbeitnehmenden). Gemäss Vorlage des Seco muss der Verzicht auf die Arbeitszeiterfassung individuell und schriftlich vereinbart werden. Sollte der Lohn unter diese Grenze fallen, muss sofort wieder aufgeschrieben werden.

In der Praxis kein Problem

Bei heute gerade mal einemSechstel „Stempeluhr-Verweigerern“ kann allerdings keine Rede davon sein, dass diese Flexibilität von den Arbeitgebern generell dazu missbraucht wird, mehr Leistung aus Mitarbeitenden heraus zu pressen, welche in untergeordneten, prekären Positionen sind. Vielmehr handelt es sich wohl in aller Regel um Angestellte, die aufgrund einer Führungsposition, hoher Autonomie oder kreativer Arbeit ganz bewusst Flexibilität wollen und schätzen.

Nicht unerwartet arbeiten Angestellte ohne Stempeluhr länger als solche mit. Sie wollen nicht einfach nur Zeit absitzen, sondern ihren Auftrag gut erfüllen, was manchmal etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt. Nur muss man nicht glauben, die Arbeitgeber oder auch die Arbeitnehmer seien sich dessen nicht bewusst: Die entsprechenden Löhne pendeln sich einfach bei Stemplern und Nicht-Stemplern so ein, dass dieser Effekt kompensiert wird.

Die Zeiten haben sich geändert!

Das Grundproblem besteht im überholten Verständnis von Arbeit beim Seco. Für dieses Amt ist Arbeit eine durch festen Standort und feste Abläufe und feste Zeiten strukturierte Tätigkeit, wie man sie von der Fliessbandarbeit bei der Massenproduktion kennt. Solche Arbeitsplätze kennt die Schweiz immer weniger (und wo es sie noch gibt, wird auch völlig zu Recht weiter gestempelt).

Bei modernen Arbeitsverhältnissen werden diese festen Grenzen jedoch zunehmend fliessender, man denke nur an Home Office und Bring your own device (BYOD). Die Autoren der Studie sind entsetzt darüber, dass „in der Freizeit gearbeitet“ wird. Dies ist bezeichnend: Der moderne Wissensarbeiter kennt diese Unterscheidung nämlich gar nicht mehr unbedingt: Manchmal hat er die zündende Idee nach dem Joggen unter der Dusche – so what?

Vertrauensverhältnis entscheidend

Wie in allen auf Dauer angelegten Beziehungen ist das Vertrauensverhältnis entscheidend – auch weil Missbrauch geahndet werden kann, sei es durch den einzelnen Mitarbeitenden (der meist keinen im strikten Sinne messbaren Output erzeugt), sei es durch das Kollektiv, weil die Reputation des Arbeitgebers leidet.

Dass diese Veränderungen in der Arbeitswelt berücksichtigt werden müssten, ist offensichtlich: Denn selbst die Autoren der Studie geben zu, dass in Bereichen oder Funktionen, in denen Beschäftigte ihre Arbeitsinhalte weitestgehend selbst verantworten (und somit ihre Aufgabe selbst definieren und nicht von einem Vorgesetzten übertragen bekommen), ein Verzicht auf jeglichen Zeitaufschrieb sinnvoll sein könnte.

Durchaus Anspruch auf Zeiterfassung

Braucht es bald keine Zeiterfassungssysteme mehr? Dies wäre ein Fehlschluss. Erstens haben Mitarbeitende ausserhalb von Führungspositionen grundsätzlich Anspruch darauf, dass die Arbeitszeit genau erfasst wird. Und an sehr vielen Arbeitsplätzen sind solche Systeme für das Projektmanagement oder das Controlling unerlässlich. Mit der technologischen Entwicklung haben sich die Möglichkeiten sogar erheblich weiterentwickelt (man sehe sich zum Beispiel nur einmal beim Spezialisten Zeit AG um). Vehement zu kritisieren ist hingegen die Auffassung, man müsse Arbeitnehmende gegen ihren Willen zu einer Lösung zwingen.

Ein Schlupfloch hält die vorgeschlagene Revision des Arbeitsgesetzes übrigens offen, um den Arbeitszeit-Vogt fern zu halten. Trägt der Arbeitgeber alle seine Mitarbeitenden als Handlungsbevollmächtigte ins Handelsregister ein, muss niemand mehr stempeln.

[Dieser Beitrag erschien am 13. November 2012 bereits in weitgehend identischer Fassung bei inside-it]

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