Lieber zur Polizei

„Von meiner Abschlussklasse verlassen 50% die ICT-Branche. Drei von ihnen gehen lieber zur Polizei, als weiter in der Informatik tätig zu sein.“ So das Statement eines jungen Informatikers, der soeben die Lehre abgeschlossen hat. Er selbst wäre um ein Haar auch aus dem Beruf ausgestiegen, liess sich aber aus Termingründen auf einen temporären Job ein – und will nun aufgrund positiver Erfahrungen doch in der ICT bleiben.

Fast gleichzeitig erschien nun bei ICT-Berufsbildung die Econlab-Studie zur ICT-Fachkräftesituation 2020. Sie bestätigt leider, was wir schon wissen: Uns fehlen in den kommenden Jahren zehntausende von IT-Spezialisten auf allen Stufen.

Verbinde ich nun die anekdotische Evidenz mit dem wissenschaftlichen Befund, komme ich einigermassen ins Grübeln:

1.      Die Hälfte der Bildungspolitiker und Lehrer versteht unter Informatik die Handhabung von Word und Excel. Die andere Hälfte meint, es gehe darum, den Jungen einzuschärfen, dass sie keine Party-Bilder von sich auf Facebook laden sollten. Dies mag sinnvoll sein, hat aber mit Informatik nichts zu tun: Was wir brauchen, sind junge Leute, die in Systemen denken und Algorithmen entwickeln können. Mit dem „überfachlichen Themenfahrplan“ ICT und Medien geht der Lehrplan 21 also in eine völlig falsche Richtung.

2.      Lehrbetriebe und Berufsschulen sollten nicht nur Wissen und Fertigkeiten vermitteln, sondern auch Freude und Stolz am Beruf. Die zum Teil alarmierenden „Aussteigerquoten“ zeigen meiner Meinung, dass es oft daran fehlt.

3.      Der Verleider vieler Jungen könnte auch daran liegen, dass die Lehre über vier Jahre „gestreckt“ wird. Wäre es möglicherweise nicht effizienter, die Grundausbildung kürzer zu halten, auch angesichts der Erkenntnis, dass man in der ICT sowieso nie ausgelernt hat?

4.      Die Akademisierung der höheren Berufsbildung schreitet munter voran. Dies ist zwar aus grundsätzlichen Überlegungen kein guter Trend: Passen wir dennoch auf, dass unsere Bildungsangebote nicht an der Nachfrage und den Bedürfnissen der Jungen vorbeizielen.

5.      Wir müssen eine Diskussion darüber führen, wie viele Generalisten es braucht. Junge Informatiker machen oft die Erfahrung, dass ein staatliches Diplom auf dem Arbeitsmarkt weniger wert ist als das Zertifikat für spezifische Produkte von Marktführern. Auch dies sollte man emotionslos zur Kenntnis nehmen. Hauptsache, unsere Nachwuchskräfte sind für Ausbildungen motiviert und fachlich up to date.

Der Fachkräftemangel wird sich in den kommenden Jahren noch zuspitzen, daran besteht kein Zweifel. Heute tragen nachgewiesenermassen die ICT-Anbieter die Hauptlast der (Grund-)Ausbildung. Wünschenswert wäre, dass diese Belastung etwas gleichmässiger über alle verteilt würde, welche ICT-Fachkräfte benötigen.…

[Mit Dank an Martin Hüsser für die sachdienlichen Hinweise]

Dieser Beitrag erschien bereits in der Kolumne „Von Hensch zu Mensch“ bei inside-it.ch.

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