Wenn einer eine Reise tut …

Ich hatte das Privileg, in den vergangenen drei Tagen zum „Begleittross“ einer Parlamentarierreise nach Skandinavien zu gehören, welche den dortigen „State of ICT“ mit dem in der Schweiz vergleichen wollte. Die nordischen Länder sind in vielerlei Beziehungen mit der Schweiz vergleichbar, aber auch gute Vorbilder: Im aktuellen WEF Global IT-Ranking liegt die Schweiz auf Rang 5, Schweden auf Rang 1.

  • Digitale Strategie: In Schweden und Finland wird ICT als stragegische Ressource des Landes betrachtet und von der Regierung stark gepusht. Es werden den Behörden und der Wirtschaft Vorgaben gemacht, die zwar natürlich manchmal auch bloss deklaratorischen Charakter haben, aber oft auch mit konkreten Aktionen oder finanziellen Anreizen verbunden sind. In der Schweiz ist ICT kein politisches Thema von Relevanz, die Kompetenzen sind verteilt auf ComCom, BAKOM, ISB, BIT, die alle in ihrem Bereich Beachtliches leisten, aber von Parlament und Medien nicht als politische Schwergewichte wahrgenommen werden (ausser vielleicht im Bereich Telekom).
  • Breitband-Anforderungen: Es besteht heute Konsens darüber, dass für mobile ICT-Dienstleistungen eine Kapazität von 100 Mbps (Download und Upload) erforderlich ist. Selbst wenn dieser Wert in der Praxis nicht immer und überall gewährleistet werden kann, reicht dies für mehrfaches HD- oder auch 3D-Streaming bei weitem aus. Die Schweiz ist hier gut vergleichsweise sehr gut unterwegs. 
  • Schallgrenze bei 100 Mbps? Die mehrfach gehörte Äusserung, mit 100 Mbps sei im mobilen Bereich eine Grenze erreicht, weil man „mehr sicher nie brauchen werde“, wage ich zu bezweifeln: Wir sollten die Kreativität zukünftiger Generationen nicht unterschätzen, aber tatsächlich sollte man mit 100 Mbps für die nächsten Jahre Ruhe haben. Diese Feststellung ist deshalb wichtig, weil es natürlich darum geht, die gewaltigen Investitionen in diesem Bereich amortisieren zu können. 
  • Unterschiede bei der Umsetzung: Schweden ist im Norden extrem dünn besiedelt („Die Bevölkerungsdichte dort entsprecht der in der Sahara.“), was die Breitbanderschliessung aufwändig und teuer macht. Aber offenbar kann man dafür auch auf die Mitarbeit durch die Bevölkerung zählen: Um „fibre to the farm“ zu erhalten, legen die Bauern zum Teil selbst Hand an: 
  • eHealth: Besonders eindrücklich sind die Möglichkeiten, die sich im Bereich Gesundheit abzeichnen. Die Vorteile eines zentralen Patientendossiers und von Fernbehandlung sind natürlich besonders in einem staatlich gesteuerten Gesundheitssystem gewaltig. Das Thema ist so breit, dass ich gelegentlich einen separaten Beitrag zum Thema schreiben möchte. Nur so viel. Es geht nicht um den „gläsernen Patienten“, denn dieser muss natürlich volle Hoheit über seine Daten behalten.
  • Das schweizerische Gesundheitswesen erstellt jährlich 250 Millionen Dokumente, davon immer noch 60% auf Papier! Aber bei uns sind wir nicht nur mit einer starken Technologie-Aversion unserer (Haus-)Ärzte konfrontiert, sondern vor allem mit der Tatsache, dass sie keinen finanziellen Anreiz haben, effizienter zu arbeiten. Wieso soll ich als Arzt bereits bei der Anmeldung via Homepage die Vorgeschichte und die aktuelle Medikation des Patienten abholen, wenn ich das gegen Zeithonorar bei der Konsultation machen kann? 
  • Im Energiebereich bin ich etwas vorbelastet, weshalb ich die Äusserungen zu Smart Metering nicht so unbesehen schlucke. Die Behauptung eines schwedischen Staatssekretärs, wenn ich dem Konsumenten ein Display mit seinem aktuellen Stromverbrauch in die Wohnung hänge, dann würden 20% Strom eingespart, ist sicher abwegig. Entsprechende Studien in der Schweiz zeigen ein ganz anderes Bild. Die Lösung liegt vielmehr in der Hausautomation: Die Gebäude und ihre Elektrogeräte müssen selbstständig mit dem Netz(-management) kommunizieren, um den Verbrauch zu optimieren und die Kosten für den Konsumenten zu minimieren.
  • Beschaffungswesen des Bundes: War zwar kein offizielles Thema der Reise. Immerhin durfte ich feststellen, dass es hier in der Branche gewaltig rumort und dass sich im Nachgang zur „Insieme-Affäre“ die Situation eher verschlechtert als verbessert hat. Leider habe ich also Recht behalten…

[Herzlichen Dank an ICT Switzerland für die perfekte Organisation, insbesondere an Fritz Sutter und Wanja Kohli, danke an Ericsson und Nokia Siemens Networks für die Gastfreundschaft]

[Nachtrag: Aufgrund des Inputs von Martin Steiger und Peter Grütter (Danke!) wurden die Aussagen zum Thema Breitband korrigiert: 100 Mbps bezieht sich nur auf die Mobilkommunikation]

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3 Comments

  1. Vielen Dank f??r diesen interessanten Bericht!In einigen Punkten ist meine Haltung weniger optimistisch:Beim Internet-Zugang ist 100 Mbps selbstverst??ndlich keine Schallgrenze, in lokalen Netzwerk begn??gt man sich ja l??ngst auch nicht mehr damit und im Ausland sind Internet-Zug??nge mit 1’000 Mbps teilweise bereits verf??gbar. Bei Internet-Zug??ngen mit 100 Mbps in beiden Richtungen fehlt mir bislang noch der Glaube an ausreichend verf??gbare und bezahlbare Angebote.Bei eHealth frage ich mich, wie bei Gesundheitsdaten, die online gespeichert werden, die Patienten die volle Hoheit ??ber ihre Daten behalten k??nnen. Daten, die vorhanden sind, wecken immer Begehrlichkeiten, die fr??her oder sp??ter erf??llt werden. Dazu kommen unz??hlige kriminelle Szenarios ??? was wir heute im Bezug auf das Bankgeheimnis leider erleben, ist f??r das Patientengeheimnis ohne weiteres denkbar.Sicherheitsrisiken sehe ich auch bei elektronischen Ger??ten, die vernetzt werden. Mein aktueller Lesetipp in diesem Zusammenhang ist ??Blackout?? von Marc Elsberg:http://www.amazon.de/BLACKOUT-Morgen-ist-sp%C3%A4t-Roman/dp/3764504455Der Titel klingt etwas reisserisch, aber inhaltlich erscheint mir das Buch hervorragend recherchiert ??? vielleicht sieht das allerdings jemand, der wie Sie mehr vom Thema besteht, anders.

  2. @Martin Steiger: Bez??glich "Schallgrenze" habe ich mich falsch ausgedr??ckt. ??ber Glasfaser sind nat??rlich 1’000 Mbps kein Problem, es geht um die mobile Kommunikation. Ich habe den Text korrigiert.Zum Thema Gesundheit komme ich wie gesagt noch mal separat.Und das Blackout-Szenario ist effektiv ein wichtiges Thema -> ich nehme das mal als Anregung f??r einen weiteren Artikel auf!

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