Handy-Recycling, ein Medienthema

Im Mai hat Swico Recycling aus Anlass seines Greenforums in einem Medientext ausgeführt, dass die Rücklaufquoten bei Handys deutlich tiefer sind als bei anderen Gerätekategorien. Seither sind die Medien auf dieses Thema aufgesprungen und haben immer wieder darüber berichtet. Ich gebe auch immer mal wieder Interviews zum Thema, so zuletzt im Echo der Zeit auf DRS1.

Dabei fällt mir auf, dass es auch in diesem Bereich ein paar Tatsachen gibt, welche gegen die Intuition des fachlich Unbelasteten gehen.

  • Schon die Fokussierung auf das Handy-Recyling ist an sich unsinnig: Bezogen auf die Gesamtmenge an gesammeltem Elektronikschrott in der Schweiz (59’439 Tonnen) machen Handys nur gerade ein Promille aus: 64 Tonnen (Stand 2011). Darüber zu lamentieren, dass die Rücklaufquote tief ist, macht daher im Bezug auf die Effizienz des Gesamtsystems schlicht keinen Sinn – aber die Medien bringen es immer wieder gerne.
  • Verglichen mit den anderen Elektronikschrott-Kategorien ist die Rücklaufquote tatsächlich sehr viel tiefer (3% weltweit, immerhin 20% in der Schweiz). Allerdings ist diese tiefe Rücklaufquote nicht unbedingt besorgniserregend, da aus Studien bekannt ist, dass das Handy als Wertgegenstand betrachtet wird und daher kaum in den Hausmüll gelangt. Solange es aber im System bleibt (durch „Schubladisierung“, Weitergabe oder Verkauf), entsteht kein Schaden. Es besteht einfach ein „Lager“ bei den Konsumenten. Für die Schweiz hat die EMPA dieses Lager ausgerechnet: Es besteht aus 152 Tonnen Kupfer, 107 Tonnen Aluminium, 79 Tonnen Mangan etc. Und immerhin noch 338 kg Gold (beim heutigen Goldpreis rund 17 Millionen Franken).
    Handy-recycling_weltweit
  • Aber wenn das Handy so wertvoll ist, wieso erhalte ich denn nichts bei der Rückgabe? Und muss noch beim Kauf eine Recycling-Gebühr bezahlen? Wenn wir beim Gold bleiben. Ein Handy enthält im Durchschnitt gerade mal 0.04 Gramm Gold, was einem Marktwert von 2 Franken entspricht. Schon mehr wert ist das Kupfer, von dem ein Handy rund 19 Gramm enthält. Der grösste Teil des Handys besteht jedoch aus Kunststoff. Wie auch immer: Um die Sammlung, den Transport und das Recycling inkl. Qualitätskontrolle und Überwachung zu finanzieren, braucht es bedeutende Mittel und insbesondere die metallurgische Aufbereitung ist höchst anspruchsvoll. Kurzum: Ein ganzes Palett voll ausgedienter Handys stellt zwar einen Wert dar, weshalb auch offizielle Sammelstellen für das Sammeln eine Vergütung erhalten, ein einzelnes Handy hat jedoch für sich keine wirtschaftliche Bedeutung.
  • Dass – nach verschiedenen Zwischenschritten in der Schweiz – die metallurgische Verwertung im Ausland stattfindet, muss nicht beunruhigen, wir sprechen hier nicht von Ghana oder Indien. Aber für die Kleinstmengen aus der Schweiz lohnt sich ein inländisches Werk sicher nicht (Wieder anhand des Golds: der jährliche Rücklauf in der Schweiz beträgt 20 kg). In Europa gibt es denn auch nur drei Werke, die diese Disziplin beherrschen: Umicore in Belgien, Boliden in Schweden und Aurubis in Deutschland.
  • In den Handys hat es Seltene Erden (auch Gewürzmetalle genannt). Sie sind in den Medien und auch bei den Regierungen ein grosses Thema. Es wird befürchtet, dass einzelne Länder ihre Vorkommen ausnützen könnten, um politischen Druck auszuüben. Ich sehe das etwas entspannter: Einerseits gibt es eine ganze Reihe von Ländern, die bisher darauf verzichtet haben, ihre eigenen Vorkommen auszubeuten (aus ökologischen Gründen zum Beispiel), andererseits spricht die Preisentwicklung nicht für eine sich abzeichnende Mangelsituation.

Trotz all dieser Einschränkungen: Das Schlagwort von „Urban Mining“ ist durchaus angebracht, und es lohnt sich, diese „Minen“ auszubeuten. Es ist auch sehr effizient: In Handys hat es über 50 Mal mehr Gold als in der besten Goldmine Südafrikas (280 g vs. 5 g pro Tonne Material):

Urban_mining

[Viele dieser Zahlen stammen aus dem soeben erschienenen Fachbericht SENS, SWICO Recycling und SLRS 2011. Die wissenschaftliche Aufarbeiten erfolgt durch die EMPA, Gruppe Critical Materials and Resource Efficiency – und danke an Roger Gnos für die kritische Überprüfung]

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