Abschmelzende Tageszeitungen

Im Herbst 2012 wird erstmals eine Metropole ganz ohne Tageszeitung da stehen: New Orleans. Die Times-Picayune hat nämlich bekannt gegeben, dass sie in Zukunft nur noch drei Mal pro Woche erscheinen wird: mittwochs, freitags und sonntags. An den übrigen Tagen können sich Leser über die Homepage www.nola.com informieren, die von der gleichen Redaktion betreut wird. Dies ist an sich keine Premiere. Bereits sind ähnliche Konzepte in den Bundesstaaten Michigan und Alabama umgesetzt worden, und auch in Canada geht es los. Persönlich glaube ich, dass ein solches Konzept nicht ohne wesentliche Einschränkungen bei der Qualität bzw. deutliche Reduktion des Redaktionsstabes möglich sind, wenn der Internet-Auftritt kostenlos sein soll.

Der springende Punkt ist jedoch der, dass Zeitungslesen sehr viel mit Tradition und mit Routine zu tun hat. Das Tagblatt der Stadt Zürich, zum Beispiel, verpasse ich regelmässig, weil ich mir nicht merken kann, dass es am Mittwoch kommt. Also: Entweder lese ich eine Zeitung jeden (Werk-)Tag, oder dann gar nicht. Etwas anderes gilt für das Wochenende, dies ist sozusagen ein anderer Betriebszustand meines Lebens, der seine eigenen Traditionen und Routinen kennt. 

Eine weitere Überlegung: Zeitungen lese ich werktags im „Lean forward„-Modus, also primär unter Zeitdruck und auf der Suche nach (z.B. beruflich) relevanten Iformationen. Samstags und sonntags lasse ich mich von der Zeitung unterhalten, bin im „Lean back„-Modus.

Aufgrund dieser beiden Überlegungen kann ich mir nur eine Kombination von Print- und Internet-Medienplattform vorstellen, die mit den Verhaltensmustern der Leser korrespondiert: werktags online und am Wochenende auf Zeitungspapier. 

Dafür braucht es jedoch ein belastbares Businessmodell. Und hier leistet mein Leib- und Magenblatt NZZ Vorarbeit. Soeben hat sie angekündigt, dass das bereits beschlossene Online-Abo im Jahr 428 Franken kosten – und im Print-Abo von 595 Franken inbegriffen sein soll. Bleibt zu hoffen, dasss die Paywall dann auch wirklich funktioniert und das Ganze von den Kunden angenommen wird. Aber dann eröffnen sich auch echte und erfolgversprechende Zukunftsoptionen für ein hybrides Medium.

Picayune

Übrigens: Times-Picayune ist nicht irgend ein „Käsblatt“, sondern in den USA journalistisch hoch angesehen. Für ihre Berichterstattung über den Wirbelsturm Katrina (bzw. dessen Folgen) erhielt die Zeitung 2006 den Pulitzer-Preis. Und bereits 1997 gab es ebenfalls einen Pulitzer-Preis.

Übrigens 2: Weshalb sind Tageszeitungen immer so gross?

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