Abschied von der Gr??tlistrasse

Nach neun Jahren an der Grütlistrasse 44 habe ich heute offiziell mein Amt als Direktor des Verbands der schweizerischen Gasindustrie abgegeben. In den kommenden zwei Monaten wird mein Stellvertreter Urs Zeller das Zepter führen, bevor am 1. Juli Daniela Decurtins übernimmt. Ein kurzer Rückblick drängt sich da auf. Wer allerdings eher die spassige (nicht minder wahre) Kurzversion haben möchte, kann sich die Parodie auf „heiss – das Erdgas-Telegramm“ zu Gemüte führen, die mir meine Kolleginnen und Kollegen zum Abschied geschenkt haben: „hensch – das Abschieds-Telegramm“.

Die Politik

Vier übergeordnete Faktoren beeinflussen zunehmend die Arbeit für Erdgas:

  • Symbolpolitik: Ob Entscheide der Behörden oder neue Gesetze nützlich und sinnvoll sind, spielt heute keine grosse Rolle mehr. Hauptsache, man „setzt ein Zeichen“, das in die richtige Richtung weist. Symbolwirkung ist alles.
  • Energie = Strom: Politik und Medien werden wohl nie begreifen, dass Energie und Strom nicht dasselbe sind, obwohl diese Unterscheidung für politische Entscheid fundamental ist.
  • Faktor Zeit: Um Infrastrukturen auszubauen und anzupassen braucht man Jahrzehnte. Nur Willen allein (oder Wunschdenken) reicht da nicht, denn die Physik hat kein Parteibuch und vor ihren Gesetzen sind alle gleich. Die Instant-Mentalität der Politiker, mit stetem Seitenblick auf den nächsten Wahltermin, das ist Gift für langfristig tragfähige Lösungen.
  • Politik der verbrannten Erde: Jahrelang haben bürgerliche Politiker alle anderen Energieformen schlecht gemacht, um die Kernkraft zu fördern. Am 11. März 2011 ist diese Politik implodiert. Die Folge: Es gibt keine kohärente bürgerliche Energiepolitik mehr. Leider.

Die Themen

  • Klima: Leider ist es nicht gelungen, ein vernünftiges CO2-Gesetz zustande zu bringen. Die Gründe dafür? Siehe oben „Symbolpolitik“, „Politik der verbrannten Erde“. Insbesondere die Beschränkung der Klimakompensation aufs Inland (eine Art Klima-Chauvinismus) wird unsere Volkswirtschaft schwer belasten.
  • Marktordnung: Fast unbemerkt hat sich die Erdgas-Wirtschaft in all den Jahren immer bewegt und das System laufend optimiert. Die nun anstehende Verbändevereinbarung mit den industriellen Grosskunden ist eine wichtige Etappe auf dem Weg, den Markt zu öffnen, ohne die Wettbewerbsfähigkeit von Erdgas zu gefährden.
  • Versorgungssicherheit: Es gab Jahre, da brannte uns das Thema dermassen unter den Nägeln, dass Swissgas eine Millionen schwere Kampagne vom VSG konzipieren liess. Heute nimmt der globale Markt immer mehr Konturen an und die Reserven erreichen hunderte von Jahren.
  • Mobilität: Erdgas-Mobilität ist zwar günstiger und gleichzeitig ökologischer als Benzin oder Diesel. Doch der Gegner sind viele: Die Autohersteller möchten die Modellpaletten nicht noch mehr ausweiten, die Mineralölfirmen sind nicht scharf drauf, und die Stromwirtschaft buttert ihre Monopolgewinne fröhlich in eine zwar noch nicht marktreife, aber für Laien attraktive Konkurrenz.
  • Erneuerbare: Der Trend geht klar hin zu den Erneuerbaren, und das ist gut so. In meiner Zeit beim VSG hat sich Biogas vom Nischenthema bei der Mobilität zu einem vollwertigen Produkt entwickelt, mit dem sich Geld verdienen und das sich positiv kommunizieren lässt. Der Biogasfonds des VSG dient dabei als Inkubator und Beschleuniger.

Die Branche

  • Umbau: Als ich beim VSG begann, war ich als Direktor zweitjüngster Mitarbeiter. Mittlerweile ist die „Gründergeneration“ in Pension. Heute können wir dank effizienteren Prozessen und viel Informatik mehr Mitarbeitende im Dienstleistungsbereich kundenwirksam einsetzen, während das Back-office im gleichen Ausmass reduziert wurde.
  • Integrierte Kommunikation: Der VSG ist ja eigentlich nichts anderes als eine Kommunikationsagentur (mit nur einem Kunden). In den letzten Jahren haben wir es zunehmend geschafft, aus einem Guss zu kommunizieren und insbesondere Marketing, Medienarbeit und Public Affairs enger zu vermaschen.
  • Getrennt und vereint: Es ist gewöhnungsbedürftig, dass es bei den netzgebundenen Energien jeweils zwei Verbände gibt, einen für Normen, Sicherheit und Ausbildung und einen für das Lobbying und die Kommunikation. In der Praxis erweist sich dies jedoch als sehr sinnvoll. Ich habe die Zusammenarbeit mit dem SVGW immer sehr geschätzt.
  • Struktur: Bei Beschaffung und Transport ist die Schweizer Erdgas-Wirtschaft eindeutig überinstrumentiert. Wenn Strukturen einmal da sind (inkl. damit zusammen hängende VR-Sitze und Positionen), dann bringt man sie nie mehr weg auch wenn sie nicht (mehr) effizient sind. Man kann es auch als Zeichen sehen, dass es der Branche immer noch sehr gut geht…

Die Zukunft

  • Power to Gas: Die nicht nutzbaren Überschüsse von Windenergie und Photovoltaik werden immer mehr zum Problem, zunehmend auch in der Schweiz, wenn sich die erneuerbaren Energien weiter entwickeln. Aus der Methanisierung dieser Überschüsse entsteht erneuerbares Gas, das ohne Ausbau der Stromnetze überall hin transportiert werden kann. Eine Chance für die Erdas-Wirtschaft.
  • Stromproduzierende Heizung: Wärmekraftkopplung (WKK) kann einen wichtigen Beitrag leisten, um den Atomausstieg abzufedern. WKK gibt es heute schon für Ein- oder Zwei-Familien-Häuser: In der Schweiz stehen bereits hundert stromproduzierende Heizungen: Der Eigenheimbesitzer nutzt Erdgas oder auch Biogas optimal, indem er neben der Wärme auch den eigenen Strom produziert.
  • Brennstoffzelle: Die Brennstoffzelle wird den Einsatz von Erdgas revolutionieren, weil deutlich höhere Stromwirkungsgrade möglich sind als bei der konventionellen WKK. Bundesrätin Leuthard sieht die Rolle von Erdgas zunehmend in der Stromproduktion. Die Brennstoffzelle ist die Antwort darauf im tieferen Leistungsbereich.
  • Holzvergasung: Biogas hat sich in der Schweiz schon gut etabliert. Was fehlt, sind noch die etwas grösseren Anlagen. Die Anstrengungen, die im Bereich Holzvergasung unternommen werden, sollten in den nächsten Jahren Früchte tragen. Einen Tanklastwagen Heizöl durch zwei Tanklastwagen Pellets zu ersetzen, ist nicht clever, wenn die Energie auch lautlos und unsichtbar durch die Gasleitung in die Stadt gebracht werden kann.

Keine Frage: Ich werde die Entwicklung der Energie- und der Erdgas-Branche im Auge behalten. Denn Erdgas hat eine grosse Zukunft vor sich.

2703673006_1d6fd8f024_o

 

Advertisements

1 Comment

  1. Lieber Jean-MarcIch m??chte Dir nochmals ganz herzlich danken f??r Dein Engagement f??r Edgas und Biogas und auch f??r die sehr gute Zusammenarbeit. ich w??nsche Dir f??r Deine Zukunft viel Erfolg, Befriedigung und auch sonst alles Gute.Hans

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s