Augenklappe zum Zweiten.

Ich finde es gut, dass das Medium inside-it diese Diskussion aufnimmt und auf meinen Beitrag von heute Morgen reagiert, deshalb gerne noch ein paar Überlegungen zum Thema:

  • Ich habe mittlerweile 37 Jahre Wahlbüro-Erfahrung. In all den Jahren wurden immer wieder die Prozesse überarbeitet und angepasst, um auf Schwachstellen oder neue Entwicklungen zu reagieren. Die implizite Annahme der Piratenpartei, das herkömmliche Verfahren sei von Haus aus fool-proof, trifft einfach nicht zu, auch wenn unser Qualitätsniveau insgesamt sicher sehr hoch ist. 
  • Ich wehre mich nicht dagegen, dass Fehler ausgemerzt und unsichere Verfahren durch bessere ersetzt werden, das wäre wirklich dumm. Aber die Behauptung, die Demokratie sei durch Experimente mit E-Voting gefährdet, ist eine krasse Übertreibung. Diese Experimente, im kleinen Rahmen und mit genau kontrolliertem Risiko, sind im Gegenteil erforderlich, um E-Voting narrensicher zu machen.
  • Die Maschinenstürmer seien übrigens darauf hingewiesen, dass wir im Kanton Zürich im Back-office für die Konsolidierung der Resultate schon seit fast zehn Jahren intensiv mit elektronischen Mitteln arbeiten (Stichwort WABSTI). Und Parlamentswahlen wären nicht nur vom Zeitaufwand her, sondern nur schon rechnerisch gar nicht mehr mit Papier und Bleistift zu bewältigen (Stichwort Doppelter Pumuckl aka Doppelter Pukelsheim).
  • E-Voting ist im Übrigen nur schon deshalb ein Thema, weil für zahlreiche Auslandschweizer das Stimm- und Wahlrecht faktisch nicht ausübbar ist, wenn nur der postalische Weg zur Verfügung steht.

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7 Comments

  1. Ich ??rgere mich f??rchterlich ??ber Aussagen im Stile von "Wenn wir’s nur genug versuchen, werden wir das mit dem E-Voting schon irgendwie hinkriegen". Denn die bisherigen Versuche in Richtung E-Voting haben gezeigt, dass genau das nicht eintreten wird, weil es bereits an der richtigen Vorgehensweise mangelt. Die kritischen Punkte sind u.a. F??lschungssicherheit, Nachvollziehbarkeit, Anonymit??t und Ausfallsicherheit. Diese Punkte sind so fundamental, dass man sie nicht nachtr??glich irgendwo anflanschen kann. Dass aber genau dies m??glich w??re, wird von den heutigen Systemen und den E-Voting-Tests suggeriert. Deshalb sind sie brandgef??hrlich. Das illustrieren auch die elektronischen Wahlger??te in den USA, die eben die Anspr??che nicht erf??llen und damit das Vertrauen in die Demokratie erzittern lassen. Wer’s bereits in die Simpsons geschafft hat (http://www.youtube.com/watch?v=1aBaX9GPSaQ), dem ist nur noch schwerlich zu helfen. Dass die elektronischen Wahlger??te in den USA nicht die Erwartungen erf??llen, ist ehrlich gesagt auch keine ??berraschung. Eine programmierbare Maschine (Standard-PC) zu nehmen und sich dann zu wundern, wenn sie umprogrammiert wird — ernsthaft? Bei den E-Voting-Systemen in der Schweiz ist das Bild auch nicht viel besser. Das im Kt. Z??rich eingesetzte System wies w??hrend der ersten Testreihe triviale Sicherheitsl??cken auf (z.B. Cross Site Scripting) und war auch sonst nicht mal auf dem Stand einer damaligen E-Banking-Anwendung. Auch eine Authentifizierung der abgegebenen Stimme war nicht vorhanden. Dabei ist gerade das heutzutage ein grosses Problem beim E-Banking, weil Schadsoftware im Browser z.B. den Zahlungsempf??nger manipuliert, ohne dass es der Benutzer merkt. Unter solchen Umst??nden und angesichts des Sicherheitszustands vieler privater PCs E-Voting zu propagieren, ist grob fahrl??ssig. Von Problemen wie Ausfallsicherheit usw. will ich gar nicht erst anfangen, dabei ist gerade das Statistische Amt des Kt. Z??rich daf??r ber??chtigt, dass sie das nicht im Griff haben.Ich bin gerne bereit, E-Voting zu diskutieren und es sogar als Alternative zur Briefwahl in Betracht zu ziehen. Daf??r br??uchte es aber Problembewusstsein, totale Transparenz und den Willen, erst aufs Feld zu gehen, wenn die fundamentalen Probleme gel??st sind. Bei der Bundeskanzlei und den restlichen beteiligten Parteien ist das alles aber nicht vorhanden.

  2. @Peter: Ich glaube, unsere Flugh??hen sind unterschiedlich und wir widersprechen uns gar nicht grunds??tzlich. >>> Ich sage: Es kann nicht sein, dass dieser Bereich im Gegensatz zu allen anderen Bereichen von den Entwicklung in Richtung elektronische Abwicklung ausgeschlossen wird und grunds??tzlich kontrollierte Versuche – da "demokratiegef??hrdend" – nicht m??glich sein sollen. Ich k??mpfe immer und ??berall f??r Forschungs-, Entwicklungs- und Technologieverbote (wie man sie auch aus anderen Bereichen kennt), weil sie der Natur des Menschen widersprechen und Fortschritt und damit Wohlstand verhindern.>>> Du sagst: Die bisher eingesetzten Systeme gen??gen nicht den zu setzenden Anspr??chen. F??r diese Auffassung gibt es durchaus Gr??nde und auch seri??se Gutachten. Wohlan denn, dann m??ssen wir die Systeme verbessern – und nat??rlich nicht mit "Anflanschen" von Features, sondern allenfalls durch vollst??ndige Neuentwicklung.

  3. Herr Hensch, es w??re verfehlt der Piratenpartei Maschinenst??rmerei und grunds??tzliche Widerstand gegen E-Voting vorzuwerfen. Die Piratenpartei Schweiz nutzt selber ein Online-Abstimmungsverfahren, genannt Pi-Vote, und ist sich des Problems bewusst, dass es kein perfektes Tool geben kann. Letztlich ist jedes demokratische Verfahren an irgendeiner Stelle auf Vertauen angewiesen. Dieses Vertrauen muss aber gerechtfertigt werden, indem Fehler und Probleme angesprochen werden k??nnen, wie Sie es bemerkt haben. Diese Offenheit ??ber Fehler und Probleme sprechen zu k??nnen, fehlt, wenn die entsprechenden Instrumente nicht quelloffen sind. Den Quellcode der Tools f??r das E-Voting nicht offen zu legen, ist vergelichbar mit der Einf??hrung des doppelten Puckelsheimer, wobei die genaue Berechnung geheim gehalten wird.Mit Pi-Vote gibt die Piratenpartei einen Standard vor, den sie f??r elektronische Abstimmungsverfahren als ausreichend erachtet. Um die Sicherheit der Abstimmung zu gew??hrleisten, muss nicht der Quellcode des Tools geheim sein, denn daf??r die Kryptographie zust??ndig, die im Gegenteil offen und zug??nglich zu sein hat.

  4. e-voting muss sicherstellen, dass keine Stimme unberechtigt abgegeben werden kann. e-voting muss auch sicherstellen dass keinerlei Manipulation m??glich ist (von niemandem). Beides sind elementare Voraussetzungen f??r eine vertrauensw??rdige Abstimmnung und diese werden offensichtlich nicht erf??llt.Weiter frage ich mich, wie meine Familie und ich ??ber Jahre im Ausland an Abstimmungen teilnehmen konnten und immer noch k??nnen. Faktisch k??nnen viele Auslandsschweizer nicht abstimmen, weil nur ca ein Viertel sich im Stimmregister hat registrieren lassen.

  5. Wir Piraten sind keineswegs technisch unverst??ndige Maschinenst??rmer. Im Gegenteil haben wir uns sehr intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt und auch ein eigenes e-Voting implementiert um beweisen zu k??nnen, dass unsere Anspr??che umsetzbar sind. Worum es uns geht sind die drei Kernforderungen Sicherheit (Zuverl??ssigkeit, Schutz vor Manipulation), Transparenz (??berpr??fbarkeit) und Anonymit??t (Wahrung der Privatsph??re der Abstimmenden) der Wahl. Damit man das genauso gut oder sogar einfacher als bei einer Papierabstimmung pr??fen kann, ist ein zwingender Aspekt eines e-Votings seine Quelloffenheit. Nur wenn solch ein System auch bei genauer Kenntnis seiner Funktionsweise nicht manipulierbar ist, kann es als brauchbar angesehen werden.Weitere Details in meinem Blogartikel:http://simon.rupf.net/2010/10/evoting-bei-den-piraten/

  6. @Simon: Ich wiederhole mich gerne. Mich st??rt, dass politisch die Botschaft durchgekommen ist: "Selbst die ICT-afine Piratenpartei ist gegen eVoting." Da lachen sich die Parteien, die m??glichst keine Mobilen und Jungen unter den Stimmenden haben wollen, ins F??ustchen. Dagegen wollte ich ein Zeichen setzen. Dabei habt ihr ja gerade bewiesen, dass man das Problem l??sen kann, wenn man das Verfahren besser macht. Alles, was konzeptionell in der COSIN2010-Pr??sentation ist, w??rde ich unterschreiben, das Technische mangels Fachwissen nat??rlich nicht.

  7. Ja, da wurden wir wohl wirklich etwas falsch verstanden. Unsere Botschaft sollte sein: "Wir sind gegen dieses eVoting."Wir bem??hen uns nun schon seit einiger Zeit darum, Test-Zugang oder noch besser Zugang zum Quellcode der aktuell eingesetzten Systeme zu erlangen. So k??nnte man das vern??nftig testen und allf??llige Probleme aufzeigen, damit diese gel??st werden k??nnen. Bisher stossen wir auf taube Ohren. Kommerzielle Anbieter sind leider oft nicht besonders daran interessiert Ihre Produkte so offen zu legen. Das Risiko f??r negative Presse ist halt gross. Aber bei einer so wichtigen Sache wie Abstimmungen muss das halt m??glich sein.Auf jeden Fall vielen Dank f??r das Interesse an unserer Arbeit. Wir sind nat??rlich sehr daran interessiert mit den zust??ndigen Stellen zusammenzuarbeiten, damit wir hier in der Schweiz ein eVoting erhalten, das mindestens so sicher ist wie das Abstimmen an der Urne.

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