Karl Marx: "I told you so!"

Ich habe mir heute Nachmittag auf dem Paradeplatz einen persönlichen Eindruck von der „Besetzung“ dieses Ortes gemacht, der eben nicht nur Symbol für den Finanzplatz ist, sondern auch ein Knotenpunkt des öffentlichen Verkehrs. Damit ist auch dafür gesorgt, dass immer genügend Gaffer (inkl. der Schreibende) vorhanden sind, welche die nach meiner Zählung knapp 300 Personen etwas eindrucksvoller erscheinen lassen. Mir sind folgende Punkte aufgefallen:

  • Parteipolitik: Der Anlass war von den Juso und den Jungen Grünen mit organisiert worden. Die Parteipolitik war jedoch sehr wenig präsent, auch wenn der eine oder andere linke Politiker Präsenz markierte. Die geschwenkten Juso-Fahnen gingen im Gewühl unter. Eine einzige Partei war mit einen Stand für die Wahlen präsent: parteilos.ch. Wohl eher ein Zufall. Wenn es zu Ausschreitungen kommen sollte, ist allerdings auch schon klar, welche Partei nächste Woche an der Urne davon profitieren wird…
  • Motivation: Es herrschte Pfadilager-Atmosphäre, zahlreiche Gruppen hatten kreative Methoden gefunden, um sich Ausdruck zu verschaffen, ich bekam den Eindruck, dass nicht nur die Botschaften, sondern auch die Herkunft der „Demonstranten“ sehr heterogen und der gemeinsame Nenner eine diffuse Unzufriedenheit und das Gefühl der Machtlosigkeit sind.
  • Stimmung: Die Stimmung war grundsätzlich entspannt und friedlich, aber teilweise eine unterschwellige Aggressivität dennoch zu spüren. Als ich auf dem Weg durch die Menge unversehens der Performance der „Goldarmee“ zu nahe kam, stellte sich mir eine mit einem Kartongewehr bewaffnete Amazone mit grimmigem Blick und herrischen Bewegungen in den Weg. Dann gab es da Figuren mit martialischem Gehabe, bei denen nicht ganz klar war, ob sie in ihren Bomberjacken eher Molotov-Cocktails oder Pyros verstecken (oder nur so aussehen wollen).
  • Ideologie: Auf einem solchen Jahrmarkt der Unzufriedenen werden viele Positionen vertreten. Man findet die normalen Altlinken („If Marx would still live, he would say: I told you so!“), aber auch Tierrechtsgruppen und Behindertenaktivisten. Vor allem ist aber der Wunsch nach einem neuen Wirtschaftssystem stark präsent, wie er auch auf einschlägigen Websites im Umfeld der Bewegung zu finden ist:
    echte-demokratie-jetzt.ch
    wearechange.ch
    swisszeitgeistmovement.ch
  • 99%: Die Kampierenden nehmen in Anspruch, die 99% der Bevölkerung zu repräsentieren, die vom restlichen einen Prozent ausgebeutet und geknechtet wird. Es ist absehbar, dass sie mit diesem „digitalen“ Ansatz bald in den Clinch mit dem Demokratie-Prinzip kommen. Denn eine Demokratie, in der 99% nicht ihren Willen durchsetzen können, gehört wohl abgeschafft …

Auf Englisch nennt man Basisbewegungen wie die hier „grass roots movements“. Das hat etwas für sich, wenn ich da an die intensive Wolke Haschrauch denke, die mir auf dem Paradeplatz entgegenschlug. Es ist daher durchaus offen, wie viel Dynamik die mittlerweile weltweit tätigen Occupy-Aktivisten letztlich entfalten wollen und können …

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