Erdgas, das lukrative Monopol

Unter diesem Titel hat am Montagabend das Schweizer Fernsehen im Wirtschaftsmagazin ECO breit über den Erdgasmarkt berichtet.

Der Titel des Beitrags zum Erdgasmarkt macht die Stossrichtung klar: Der böse Monopolist Erdgas gegen die gebeutelte Industrie. Es ist zwar klar, wo die Sympathien der Journalisten liegen, aber immerhin haben sie sich den Fakten nicht völlig verschlossen: Die hohen Investitionen und der Überwachungsaufwand werden aufgezeigt, unsere Position zum Wettbewerb und auch zu den Netzstabilitätspönalen kommt (knapp) zu Wort. Insgesamt ist die Sendung zwar nicht ausgewogen,  aber auch nicht völlig einseitig.

Für Insider der Energie-Branche hier noch ein paar konkrete inhaltliche Hinweise:

  • Die Lonza erklärt, gegenüber den Preisen, die sie am Anfang der Verhandlungen hatte, sei nun der Preis „mehr als 30 Prozent tiefer“. Ich kann nicht beurteilen, ob dies zutrifft (erscheint nicht sehr wahrscheinlich), unmittelbar vor Abschluss des Vertrags traf dies sicher nicht mehr zu (das wiederum weiss ich). Aber mit dieser Aussage eines grossen Erdgas-Kunden fällt die im Titel des Beitrags formulierte These bereits in sich zusammen: Denn Lonza bringt hier zum Ausdruck, dass der Markt spielt und sie in aller Freiheit das beste Angebot auswählen kann. Lonza selbst erbringt somit den Beweis, dass der Titel des ganzen Beitrags falsch ist! [Stelle im Beitrag bei 1 Minute 22 Sekunden]
  • „Netzbetreiber sind auch Erdgashändler, eine Konstellation, die in der EU verboten ist.“ – Stimmt nicht. Sehr oft sind Netzbetreiber auch Gashändler (das Gegenteil trifft allerdings nicht zu, es gibt viele Gashändler, die kein Netz haben). In der EU gibt es Vorschriften, in welchem Ausmass die beiden Aktivitäten zu trennen sind, eine zwingende eigentumsrechtliche Trennung gehört nicht dazu. In der Schweiz gibt es ebenfalls Regeln, wenn auch nicht gleich weit reichend, wie Netz und Handel zu trennen sind. Denn ohne eine buchhalterische Trennung wäre tatsächlich kein Markt möglich. [1’38“]
  • Die Netze seien zum grössten Teil amortisiert. Diese Aussage impliziert eine Parallelität zum Strommarkt, die so nicht stimmt: Einerseits wurden die grossen Investitionen beim Erdgas erst ab den Siebzigerjahren getätigt (der Abschreibungszeitraum ist deutlich geringer), andererseits steht Erdgas als Energieträger im Wettbewerb mit anderen (Heizöl insbesondere), weshalb auch keine Monopolrenten erwirtschaftet werden können, die Überamortisationen erlauben. [3’13“]
  • Lonza beklagt die „Schikane“, einen Fahrplan ihres Verbrauchs anmelden zu müssen, um das Netz zu benutzen (bei Abweichungen fallen Netzstabilitätspönalen an) und behauptet, die anderen Industriekunden (die vom „Monopolisten“ bedient werden) müssten das nicht, und dies sei wettbewerbsverzerrend. Diese Aussage stimmt nicht: Ein Teil der Kosten beim Erdgas entfällt auf die Steuerung und Koordination der Netznutzung, da das Netz im Gleichgewicht bleiben muss (allerdings mit deutlich mehr Toleranz als beim Strom, dieses Toleranzband wird jedem Kunden – auch Lonza – zur Verfügung gestellt). Die schweizerischen Erdgas-Versorger übernehmen in ihrer Funktion als Gashändler diese Koordinations- und Ausgleichsfunktion für ihre Kunden, so dass sich diese darum nicht kümmern müssen (diese Dienstleistung aber mit dem Gaspreis bezahlen), der ausländische Gashändler übernimmt diese Funkion üblicherweise nicht, womit der Aufwand beim Kunden verbleibt, er aber fürs Gas etwas weniger bezahlt. Man kann nicht den Fünfer und das Weggli haben: Entweder man bezahlt für die Fahrplaneinhaltung durch Dritte, oder man nimmt sie selbst vor. [4’23“]
  • „Monopolisten leben auch ohne Werbung gut.“ Süffig, aber kreuzfalsch, wie ein Blick über den Tellerrand von ECO bewiesen hätte: Die Sendung „Einstein“ aus dem gleichen Hause wird seit Jahr und Tag mit einem Sponsoring in sechsstelliger Höhe unterstützt, von unseren aktuellen TV-Spots und den zahlreichen anderen Werbemassnahmen in anderen Medien und Kanälen nicht zu sprechen. Es ist eben so, wie ich im Bericht sage: Wir stehen im harten Wettbewerb. Und deshalb können wir uns nur mit engagiertem Marketing und ausreichendem Werbedruck im Markt behaupten. [6’23“]

Da der betreffende Journalist früher beim Kassensturz arbeitete, hatte ich bei den Dreharbeiten vor ein paar Wochen einen kleinen Flashback und erinnerte mich an meine Erlebnisse mit der SF-Konsumentensendung – noch im letzten Jahrhundert. Damals ging es wirklich hart zur Sache. Die TV-Leute kamen mit dem fertigen Drehbuch im Kopf. Die Aufnahmen wurden stundenlang wiederholt, bis die Aussage im Kasten war, die zum Drehbuch passte. Wenn man standhaft blieb und sich die Statements nicht im Mund umdrehen liess, kam man in der Sendung nicht zu Wort, wurde dafür aber entsprechend im Off oder bei der Abmoderation abgestraft. – Im Vergleich zu diesen Zeiten war die Zusammenarbeit mit dem Fernsehen dieses Mal deutlich weniger unangenehm.

Eco

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