Von Fribourg nach Fehraltorf – via Auckland

„Politisch haben wir vermutlich keine Chance. Man wird einen Weg finden, um uns nicht zu berücksichtigen, obwohl wir wohl das beste Angebot eingereicht haben. Und leider ist ein Rekurs bei dieser Ausschreibung praktisch ausgeschlossen.“ So fasste Werner Krauer seine Befindlichkeit zusammen, als ich ihn Mitte Februar über die Erfolgsaussichten seiner Offerte zur Ablösung der Billag befragte. Mittlerweile ist bekannt, dass seine Firma Serafe in der öffentlichen Ausschreibung den Auftrag für die geräteunabhängige TV- und Radioabgabe gewonnen hat und ab 2019 für das Einziehen der entsprechenden Haushaltsgebühr zuständig sein wird.

Kaum war der tatsächlich für alle unerwartete Entscheid bekannt, geriet Serafe ins Trommelfeuer der Medien. Niemand kannte das Unternehmen, was es einfach machte, Mutmassungen anzustellen. Eine davon war, dass der Bundesrat damit die anstehende Parlamentsdebatte über die „No-Billag“-Initiative beeinflussen wollte. Wenn der im Publikum unbeliebte Firmenname verschwinde, dann erübrige sich auch die Debatte über Umfang und Inhalt des Service public.

Die Billag selbst begab sich in die Opferrolle und machte klar, dass damit rund 230 Arbeitsstellen gefährdet seien. Sie vergass dabei zu erwähnen, dass aufgrund der Neugestaltung als Haushaltsabgabe ab 2019 so oder so deutliche Stellenreduktionen nötig gewesen wären. In der Standortgemeinde Fribourg war der politische Aufschrei riesig. Politikerinnen und Politiker von rechts bis (vor allem) links waren entsetzt. Als gebe es einen Rechtsanspruch darauf, dass einmal in Fribourg geschaffene Stellen für immer dort blieben, und als ob es anstössig sei, Dienstleistungen kostengünstig durch deutlich weniger Mitarbeitende erbringen zu lassen, als es die Billag offerierte. Im Kantonsparlament war man empört, dass die Billag vom Entscheid erst wenige Stunden vor Publikation informiert wurde. Aber genau so muss es sein: Nicht nur um Gerüchte und Leaks zu verhindern, sondern auch, damit hinter den Kulissen nicht plötzlich politischer Druck gegen einen betriebswirtschaftlichen Entscheid aufgebaut werden kann.

Im ‚Blick‘ meinte der SP-Chef, dass ein solches Angebot nur über Dumpinglöhne möglich sei und es wurde die Frage gestellt, ob Serafe überhaupt in der Lage sei, diesen Auftrag zu erfüllen. Dankbar den Ball aufgenommen haben eine Freiburger SP-Nationalrätin und ein Freiburger CVP-Ständerat und dazu die jeweiligen Geschäftsprüfungskommissionen der beiden Kammern eingeschaltet. Verdächtig sei, dass die Firma so günstig offeriert habe.

Dabei hätten sie mit ein wenig Recherche herausgefunden, dass Serafe eine 100%ige Tochtergesellschaft der Secon AG ist. Und diese wiederum verschickt heute schon mehr und komplexere Rechnungen, als sie es für die TV- und Radioabgabe wird tun müssen. Denn ihre Kunden aus der Versicherungsbranche bauen schon seit Jahren auf die Wertarbeit aus Fehraltorf. Sie gehörten zu den E-Rechnungs- und eSchKG-Anwendern der ersten Stunde – dank den Dienstleistungen von Secon. Diese hat nicht nur ihren Hauptsitz im Kanton Zürich, sondern beschäftigt auch an ihrem Sitz in Auckland ein Entwicklerteam, um den Rund-um-die-Uhr-Service zu gewährleisten.

Wie die Geschichte zeigt, ist das öffentliche Beschaffungswesen von erheblichem politischen Interesse und wegen der hohen Beträge auch generell relevant. In Zukunft soll jedoch keine Transparenz mehr bestehen. Klammheimlich und in letzter Minute hat der Bundesrat beim totalrevidierten Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen (BöB) bestimmt, dass alle Dokumente in Zusammenhang mit dem Beschaffungswesen vom Öffentlichkeitsgesetz ausgenommen werden. Will heissen: Journalisten und Bürger erhalten nach Abschluss eines Vergabeverfahrens keine Einsicht mehr, auch nicht auf ein begründetes Gesuch hin, wie es heute möglich ist. So können Mauscheleien auch nicht aufgedeckt werden.

Lieber Bundesrat, alles unter der Decke zu halten ist der falsche Weg, um aus den Negativschlagzeilen zu kommen. Der richtige wäre, die Verfahren zu straffen und dafür besser zu überwachen. Und ja, das gibt mehr Arbeit als ein Maulkorb-Erlass.

Offenlegung: Secon AG ist seit 2007 Mitglied von Swico.
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SBB ist keine Wurstfabrik

Vor kurzem hat die SBB ihr Social-Media-Projekt «SBB Service Scouts» abgeschlossen. Bei dieser Gelegenheit führte Marie-Christine Schindler ein ausführliches Interview mit der Projektverantwortlichen Sarah Stiefel, Head of Digital Communications SBB AG. Nachdem ich auf Twitter angetönt hatte, dass ich den Erfolg weniger euphorisch sehe, wurde ich – zu Recht – aufgefordert, mich konkreter auszudrücken. Aufgrund des eingeschränkten Platzes auf Twitter und der fehlenden Gestaltungsmöglichkeiten in den Kommentarspalten eines Blogs tue ich das nachfolgend an dieser Stelle.

Kein Influencer-Programm wie andere

Beim Start des Projekts gab es in der Social-Media-Szene einigen Aufruhr wegen der Bezahlung oder Nicht-Bezahlung der Scouts, wie im Interview angetönt. Ein schöner kleiner Aufreger für die Community, aber aus meiner Sicht kein grundsätzlicher Kritikpunkt. Auf taktischer Ebene kann einen immer mal ein Fehler unterlaufen, dieser wird thematisiert, allenfalls wird nachjustiert, und gut ist.

Das Projekt ist meines Erachtens deshalb wenig erfolgreich, weil die SBB mit denselben Methoden arbeiten wollte, die heute Parfumhersteller, exotische Destinationen oder meinetwegen Wurstfabriken anwenden, sich dann aber aufgrund des speziellen Charakters der SBB nicht an die entsprechenden Konventionen gehalten hat. Es wurde ausser Acht gelassen, dass die SBB wirtschaftlich und emotional im Eigentum aller Schweizerinnen und Schweizer steht und damit eine nationale Ikone darstellt. Um dem gerecht zu werden, versuchte man – anders als in üblichen Influencer-Programmen – die Influencer nicht als Fans oder Botschafter zu positionieren, sondern als kritische Wächter (über die Service-Qualität).

Die öffentliche und mit viel Getöse angekündigte Ernennung von «SBB Service Scouts» hatte so folgende drei Effekte:

Befangenheit

Die Scouts selber wurden damit als SBB’s Lieblinge und VIP markiert und damit unter ständigen Rechtfertigungsdruck gesetzt. Sie mussten höllisch aufpassen, nicht zu euphorisch zu wirken, weil dies ihre Glaubwürdigkeit angekratzt hätte. Deshalb ist auch das Thema Geld irrelevant. Die Bezahlung erfolgte aufgrund der ikonischen Kraft der SBB-Marke in Aufmerksamkeit und Reichweite. Die Scouts befanden sich somit in einer Befangenheitsfalle, die man den Posts und Tweets immer mal wieder ansah. Oft wurden auch einfach unkritisch Inhalte der SBB-Kommunikation (wie z.B. Medienkonferenzen) weiterverbreitet. Die Scouts fühlten sich offensichtlich nicht wohl in ihrer Haut – zu Recht nicht. Und man komme mir nun nicht mit dem Gegenbeispiel Andrea Jerger: Ihre SBB-Begeisterung war schon Jahre vor dem Projekt manifest und wird es auch bis in alle Ewigkeit sein (Die geschätzte Kollegin ist eben auch eine Ikone, wenn nicht der Schweiz, so doch der Social-Media-Community!).

Abwertung

Nun gibt es wie gesagt viele Leute, die aus unterschiedlichen Gründen eine hohe emotionale Bindung zur SBB haben, viel auf der Schiene unterwegs sind und zur Social-Media-Community gehören. Das reicht vom Teenager, der das «ferrosexuelle» Gen von den Eltern geerbt hat, bis zu den beruflich zur Bahnbenutzung Verdammten wie z.B. ich als Zürcher ohne Auto mit einem Public-Affairs-Job. Denen allen wurde mit dem Projekt das Signal gegeben, dass ihre eigene SBB-Affinität nicht gut genug sei, um sich als Scout zu qualifizieren und dass es da bessere gebe, die man prominent fördere. Das ist aus meiner Sicht auch der Grund, weshalb damals die Geld-Geschichte so hochkochte. Niemand konnte zugeben, dass er sich selbst als der bessere Scout gesehen hätte, also suchte der eine oder andere Social-Media-Experte einen anderen Weg, Dampf abzulassen.

Dabei ist klar, dass die SBB diese Abwertung sicher nicht gewollt hat. Sie hat einfach diejenigen ausgesucht, welche sie finden konnte, welche die nötige Reichweite hatten und von denen erwartet werden konnte, dass sie die Spielregeln einhalten und keine Reputationsschäden verursachen würden. Dies ändert aber nichts daran, dass man mit dem Projekt das Verhältnis zwischen SBB und Social-Media-Szenis nicht verbessert, sondern eher abgekühlt hat.

Entsolidarisierung

Die Lancierung von SBB Service Scouts in einer breiteren Öffentlichkeit hatte nicht nur den Effekt, Service bei der SBB als Issue zu platzieren (was sicher richtig ist), sondern kommunizierte auch, dass es jetzt offenbar Leute gebe, welche sich «von Amtes wegen» mit den Service-Problemen auseinandersetzten, womit das normale Publikum in dieser Hinsicht nicht mehr gefragt, vielleicht gar nicht mehr willkommen sei. Und dies kann sicher nicht im Interesse der SBB sein.

Fazit

All diese Argumente (oder auch allenfalls Gegenargumente dazu) haben mir im Interview gefehlt, das daher meiner Meinung nach etwas zu selbstgefällig ausgefallen ist. Und das war der Grund für meinen eingangs zitierten Tweet.

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Unter der Bundeskuppel

Nach dem fatalen Entscheid des Parlaments zur Einführung von Netzsperren im Geldspielgesetz wurde ich von vielen Betroffenen aus ICT-Wirtschaft und Netz-Community angesprochen: Wie ist es dem Nationalrat möglich, einen Entscheid zu fällen, der schlicht an den Fakten und den technischen Gegebenheiten vorbei geht? Der wesentliche Gefahren negiert und derart einseitig eine einzelne Branche unter die Käseglocke stellt?

Nun, wer sich etwas länger unter der Bundeshauskuppel bewegt, stellt fest, dass es neben zahlreichen Parlamentariern mit Integrität, Intelligenz und Dossierkenntnis viele weitere gibt, welche in der Öffentlichkeit weniger sichtbar sind (und sein wollen), die aber dennoch an ihrem Pültli über Abstimmungsknöpfe verfügen.

Da ist z.B. der Parteisoldat, vorwiegend in grösseren Fraktionen anzutreffen. Er stimmt immer so, wie die Partei bzw. die Fraktion bestimmt hat. So erspart er sich Arbeit und Scherereien mit dem Fraktionspräsidenten. In den Heimatkanton zurückgekehrt läuft er zur Hochform auf und erklärt in den Parteiversammlungen, wie er denen in Bern oben den Tarif durchgibt.

Dann gibt es die pekuniär Orientierten. Sie verdient sich gern etwas dazu und ist gern zu Diensten, wenn diese anständig entschädigt werden. In rechten Parteien ist sie VR-Präsidentin einer grossen Firma, die sich mit ihr schmückt. Als Linke ist sie freigestellte Gewerkschaftsfunktionärin. Kommt sie aus einer Mittepartei, ist sie Präsidentin eines Verbandes. In jedem Fall lautet ihr Motto: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“

Dann haben wir da den Etatisten, vorzugsweise aus der lateinischen Schweiz. Er beobachtet die Wirtschaft mit Argwohn und findet, grundsätzlich sei es wesentlich besser und gerechter, wenn der Staat alles regle. Er macht dies natürlich auch im eigenen Interesse: Je mehr der Staat befiehlt, desto einflussreicher ist er als Parlamentarier. Denn in der Wirtschaft hätte er es sowieso nicht auf einen grünen Zweig geschafft.

Zu einer weiteren Gruppe gehört die Insulanerin, eher rechts angesiedelt. Sie ist überzeugt, dass alles so viel besser wäre, wenn es um die Schweiz herum nicht diese Rest-Welt gäbe. Daher möchte sie alle äusseren Einflüsse von ihrem Heimatland fernhalten: ausländische Waren, Dienstleistungen, oder auch bloss Ideen. Und wer Ferien im Ausland macht, ist für sie ein Vaterlandsverräter. In Braunwald ist es doch auch sehr schön!

Bleibt der Konsumenten-Apostel, vor allem links zu finden. Er sieht uns alle den finsteren Machenschaften der Grosskonzerne ausgeliefert, wogegen es möglichst viele Regeln und Anlaufstellen braucht. Vor allem aber macht ihm Angst, dass Menschen ohne sein Wirken plötzlich anfangen könnten, den eigenen Verstand einzuschalten und selbstverantwortlich zu handeln.

Warum ich diese Gruppen so ausführlich darstelle? Nun, wer die Anteile dieser fünf Kategorien zusammenzählt, kommt zu einem Wert, der nicht weit von den (massiven) Mehrheiten entfernt ist, welche die Netzsperren bewilligt haben.

Übrigens: Es gibt da noch eine Kategorie Parlamentsmitglieder, mit der ich aber viel weniger Mühe habe, da sie kaum direkten Schaden anrichten: es sind dies die Absentisten.

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Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bildnachweis: NZZ

Auch bei den Antipoden: Leerplan 21

Ich hatte kürzlich Gelegenheit, mich mit meinem Pendant auf der anderen Seite der Welt auszutauschen. Im Gespräch mit Graeme Muller, CEO von NZTech, zeigte sich rasch, dass viele Themen, welche die ICT-Anbieter beschäftigen, trotz der Distanz und der sehr unterschiedlichen Struktur der Volkswirtschaften identisch sind. Öffentliche Beschaffung, Regulierung, Datenschutz, es dreht sich meist um die gleichen Fragen.

Der wichtigste Unterschied ist wohl, dass im parlamentarischen System Verbände stark dem Regierungslager hofieren müssen und dafür dann im Rahmen von gemeinsamen Projekten, Programmen und anderen Initiativen berücksichtigt werden (lies: Beiträge und Support erhalten). Dafür muss man jedoch nicht nach Neuseeland reisen, das kann man schon in Berlin und Paris beobachten.

Was mich erstaunt hat, ist die Parallelität beim Thema Informatik und Volksschulbildung. Hier wie dort haben die ICT-Firmen realisiert, dass sie selbst an vorderster Front dafür kämpfen müssen, dass die Lehrpläne aktualisiert und den neuen Technologien angepasst werden. Hier wie dort ging es darum, sich mit Handarbeitslehrerinnen auseinanderzusetzen, welche beim Lismen und Sticken als zentrale Kulturkompetenz keinerlei Abstriche zugunsten von Informatik tolerieren wollten. Und hier wie dort war der Kampf episch. Man frage mal Alain Gut, Swico-Vorstand und Präsident der Kommission Bildung von ICTswitzerland, was es gebraucht hat, um doch noch ein Fach Medien und Informatik zu etablieren. In der Öffentlichkeit immerhin scheint der Lehrplan 21 akzeptiert zu sein. Am 12. Februar hat nach mehreren anderen auch der Aargauer Souverän eine Volksinitiative gegen diesen Lehrplan mit 60 Prozent klar bachab geschickt.

Was mich nun aber frappiert hat: Es reicht nicht, den Lehrplan zu ändern. Wenn man nichts weiter unternimmt, passiert so gut wie nichts (beziehungsweise zu wenig und sehr langsam). Während es in Neuseeland die School Councils sind, welche die Verantwortung für die Präzisierung der Bildungsinhalte tragen, sind es bei uns die Kantone. Und damit sind wir nun definitiv beim Lehrplan 21 angekommen: Die ICT-Branche meint, mit diesem sei nun alles gut, dabei sind dort keine minimalen Stunden für die Schüler vorgegeben, für die Ausbildung der neuen Lehrer gibt es keine einheitlichen Vorgaben, und bei der „Nach-Ausbildung“ von Lehrpersonen, die schon unterrichten, muss man befürchten, dass es zu absoluten Schnellbleichen kommt, wenn überhaupt. Und über anständige Lehrmittel haben wir noch gar nicht gesprochen. Dass in Neuseeland die Situation gleich desolat ist wie in der Schweiz, kann mich nicht wirklich trösten.

Auch wenn dies viele Schulpflegen umtreibt: Die Ausrüstung mit Geräten und WLAN ist nicht der entscheidende Punkt, auch nicht die Frage, welches Betriebssystem das richtige sei. Als Branche müssen wir nun schauen, dass aus dem Leerplan 21 nun auch wirklich ein umgesetzter Lehrplan 21 wird. Der Kampf der ICT-Verbände in dieser Sache muss daher weitergehen. Wir müssen auch andere Wirtschaftsorganisationen und Akteure an Bord holen. Aber wir müssen auch mit den fortschrittlichen Lehrpersonen und den Pädagogischen Hochschulen im Dialog bleiben – die haben es am Schluss in der Hand, wie gut unsere Kinder auf eine digitalisierte Welt vorbereitet sind.

Die Landwirtschaft ist übrigens der wichtigste Wirtschaftszweig in Neuseeland und der grösste Exporteur. Ich habe mich an den Antipoden nicht nur mit ICT beschäftigt, sondern auch zwei Tage bei einem vor 30 Jahren ausgewanderten Schweizer Bauern verbracht. Er schätzt sich sehr glücklich, das produzieren zu dürfen, was er will, auch wenn er keine Subventionen kassiert. Während in der Schweiz die Bauern wetteiferten, wer den grösseren Traktor habe, gehe es in Neuseeland immer nur um Qualität und Effizienz. Und die Milliarden, die man bei den Subventionen für ein paar wenige Betriebe einsparen könnte, würden uns helfen, unsere Knirpse für die Digitalisierung von Gesellschaft und Wirtschaft noch rascher und besser fit zu machen.

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Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bildnachweis: Intermark

Nicht auf halbem Weg stecken bleiben

Es gibt betretene Gesichter und es gibt konsternierte Blicke. Und dann gibt es noch die Mienen der versammelten Vertreter von Lotterien, Casinos und der Spielbankenkommission, als ich ihnen kürzlich im Bundeshaus vormachte, wie man die von ihnen heiss geliebten Netzsperren aushebelt. Anlass dazu gab mir ein Open Hearing der parlamentarischen Gruppe digitale Nachhaltigkeit.

Es ist ja schon bedenklich, wie gedankenlos unser Parlament die Chancen der Digitalisierung verspielen will. Ausgerechnet für die Geldspielbranche will man das Instrumentarium der nationalen Netzsperre einführen. Vordergründig, um Spielsüchtige zu schützen, in Tat und Wahrheit, um die fiskalischen Interessen des Bundes (Spielbankenabgabe) und der Kantone (Einnahmen aus Lotto, Toto & Co.) zu schützen.

Der Ständerat hat die Netzsperren schon mal einfach durchgewunken. Das hat nicht primär mit fehlendem Sachverstand zu tun, sondern vor allem mit materiellen Interessen: Die Ständeräte vertreten die Kantone. Diese kassieren bei den Glücksspielen ab und äufnen so ihre Reptilienfonds. Der Kanton Zürich zum Beispiel weiss nicht wohin mit dem Geldsegen aus seinem Lotteriefonds, der von Kennern deshalb auch als Lotterfonds bezeichnet wird.

Vor kurzem haben wir Netzsperrengegner einen Zwischensieg eingefahren. Die Rechtskommission des Nationalrats hat sich mit 13 zu 12 Stimmen gegen Netzsperren im Spielbankengesetz ausgesprochen. Die Stimmenzahlen zeigen auf, wie fragil der Entscheid ist. Aber im Vergleich zur Ständeratskommission, welche sich keine Sekunde über die Folgen der Netzsperren Gedanken gemacht hat, ein gewaltiger Fortschritt.

Wie die ICT-Verbände schon öffentlich thematisiert haben, sind Netzsperren ein wundervolles Instrument, wenn man einmal davon absieht, dass sie völlig unwirksam sind, die Bekämpfung der Cyber-Kriminalität kompromittieren, Unbeteiligte treffen, den Wirtschaftsstandort schwächen, die Freiheit des Internets bedrohen und auch staatspolitisch bedenklich sind. Auch im Urheberrechts- und im Fernmeldegesetz sind sie deshalb bereits fest eingeplant.

Aber warum auf halbem Weg stehen bleiben. Es gibt noch so viele schädlichen Seiten im Ausland, gegen die man vorgehen sollte:

  • Zalando und Alibaba führen zu massivem Abfluss von Detailhandelsumsatz aus der Schweiz. Also sperren! Und so Wertschöpfung und Steuereinnahmen in der Schweiz behalten.
  • Dann kommen all die österreichischen Skiorte dran, welche unseren Wintersportgebiete die Schweizer Kundschaft abjagen. Weg damit. Damit es funktioniert, müssen wir dann auch gleich noch die internationalen Buchungsplattformen à la Booking.com abschalten.
  • Und wieso wollen Schweizer unbedingt Wertpapiere im Ausland handeln? So entgehen dem Staat wertvolle Steuereinnahmen, also lasst uns doch auch noch die ausländischen Börsen sperren.

Dies alles tönt wahnwitzig, aber ich bin sicher, es gibt Leute in unserem Parlament und der Bundesverwaltung, welche davon träumen, genau dies zu tun. Ihnen allen rate ich, sich kurz dieses Video anzuschauen. Dort können sie nachvollziehen, wie unvorstellbar einfach und befreiend es ist, sich mit genau zwei Klicks innert drei Sekunden diesem unsinnigen Zwangskorsett zu entziehen.

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Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bildnachweis: sosicles@imgflip

Lass uns mal was mit digital machen

Im Mai 2015 war es wieder einmal soweit: Mit viel Getöse lancierte die EU eine neue strategische Initiative, den „Digital Single Market“ (DSM). Ganz vorne dabei natürlich EU-Kommissar Günther „Schlitzauge“ Oettinger, dessen Kenntnisse der digitalen Welt (und der englischen Sprache) legendär sind.

Mittlerweile hat sich der Staub etwas gelegt. Doch wie verhalten wir Schweizer uns, wenn beim grossen Nachbarn um uns herum solchen epochalen Dinge passieren?

Die Isolationisten nehmen DSM so zur Kenntnis wie etwa die Inflationsrate in Paraguay; also als etwas, womit man als gebildeter Newskonsument angeben kann, aber mehr nicht.

Die Pessimisten sind überzeugt, nun würden wir definitiv wirtschaftlich an die Wand gedrückt. Gegen die geballte Kraft der EU hätten wir keine Chance.

Die Optimisten gehen davon aus, dass es uns wie von Zauberhand gelingt, beim DSM einzusteigen, woraus sich für Schweizer Unternehmen tolle Chancen eröffnen.

Die Hektischen fordern vom Bundesrat sofort ein analoges Programm für die Schweiz und kündigen einen entsprechenden Vorstoss an.

Die EU-Turbos sehen darin einen Grund, jetzt sofort Verhandlungen mit der EU aufzunehmen.

Die SVP nimmt dies zum Anlass, einen weitere Initiative anzukündigen, welche den schleichenden EU-Beitritt verhindern soll.

Diese Kakophonie ist in der Schweiz bei EU-Themen fast schon Pflicht. In diesem Fall ist sie jedoch nicht einmal so falsch. Denn alle diese Positionen machen in einzelnen Bereichen Sinn, sind aber als Pauschalurteil über das Ganze natürlich unsinnig: Wir tun grundsätzlich gut daran, solche EU-Initiativen nicht einfach für bare Münze zu nehmen und einfach loszustürmen. Manchmal handelt es sich um PR-Stunts oder Profilierungsübungen. Oder aber sie versanden still und leise in den Bürofluchten von Berlaymont.

Bei DSM ist jedoch das Bestreben offensichtlich, vorwärts zu kommen. Die EU ist vor allem gut darin, Geld zu verteilen: So gehen die grossen Beträge in einen wenig umstrittenen Bereich, die Entwicklung der Basisinfrastruktur. Wenn man weiss, wie ungenügend nur schon in Deutschland die Breitband-Verfügbarkeit ist, dann ist das wohl keine falsche Stossrichtung.

Aber bitte keine Selbstgefälligkeit: Im Vergleich zu Trendsetter Estland befindet die Schweiz beim eGovernment auf dem Niveau eines Entwicklungslandes. Überhaupt sind die Unterschiede unter den verschiedenen EU-Ländern gewaltig. Und werden nicht unbedingt kleiner, denn die Mitgliedstaaten setzen auch verbindliche Vorgaben der Zentrale sehr unterschiedlich um.

Wenn es allerdings ans Eingemachte geht, gibt es sofort massive Widerstände: So kämpfen Hollywood & Co. mit ganzer Macht gegen einen gemeinsamen Markt in der Musik- und Filmindustrie (Stichwort: Geoblocking). Auch hierzu gibt es eine Parallele in der Schweiz. So hat doch kürzlich unsere Lieblingspianistin im Bundesrat verordnet, dass die in der Vernehmlassung glorios gescheiterte Urheberrechtsvorlage reanimiert werden soll.

Tatsache ist allerdings, dass mit DSM zahlreiche Vereinheitlichungen den gemeinsamen Markt weiter zusammen wachsen lassen. Schweizer Unternehmen tun gut daran, die Folgen für ihr Business zu prüfen. Ob der Export in die EU letztlich infolge Zutrittsschranken schwieriger oder dank Durchlässigkeit im Innern leichter wird? Wir wissen es noch nicht , denn noch ist vieles nicht entschieden.
Ich gebe daher zu: Alles in allem ist DSM fast noch es bitzeli wichtiger als die Inflationsrate in Paraguay.

Merci: Meine Kollegin Christa Hofmann hat Swico im Rahmen eines DSM-Workshops der Berner Fachhochschule für das SECO vertreten und mich zu dieser Kolumne inspiriert.

Digital Single Market Strategy at the European Commission

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bildnachweis: newslettereuropean.eu

 

Von Beizern lernen?

Vor wenigen Tagen haben sich das AWA des Kantons Zürich, ICTswitzerland und Swico an die Medien gewandt: Sie berichteten über die erfreuliche Tatsache, dass Drittstaatenkontingente keine Inländer aus ihren ICT-Jobs verdrängen. Im Gegenteil, aus der Praxis unserer Mitglieder wissen wir, dass insbesondere zusätzliche EU-/EFTA-Kurzaufenthalter-Kontingente regelrechte „Schuhlöffel“ sind, um Projekte in der Schweiz statt anderswo abzuwickeln.

Dies heisst aber nicht, dass wir in der ICT-Branche kein Problem im Zusammenhang mit älteren Arbeitnehmenden hätten. Als Swico-Exponent könnte ich mich ja zurücklehnen und mit dem Finger auf die Anwenderfirmen zeigen, welche zwei Drittel der ICT-Fachleute beschäftigen: Bei ihnen gelten ICT-Leute vor allem als Kostenfaktor und Innovationsblocker, während sie bei den Swico-Mitgliedern als Wertschöpfungstreiber gehätschelt werden; ganz nach dem Motto: „The Software Engineer is King“ (©Prof. Dr. Willy Zwaenepoel, via Ergon).

Aber ja, wir haben in der Branche generell ein Problem im Umgang mit älteren Arbeitnehmern, welche nicht auf die Eames-Chairs der Teppichetage gelangt sind, und das sind natürlich die meisten. Und ja, auch in den Anbieterfirmen:
Nicht jeder Junge in Turnschuhen wird zu einem Mark Zuckerberg oder Bill Gates. Und nicht jeder Mensch über 35 mutiert zu Statler und Waldorf aus der Muppet Show. Wir müssen also auch jungen Chefs und HR-Managern beibringen, dass jugendliches Alter per se kein Qualitätsmerkmal ist. Wer so wie unser Nachwuchs für Diversity schwärmt, sollte auch diese Dimension nicht ausser Acht lassen.

Grössere Firmen lassen heute Bewerbungsdossiers häufig von Spezialfirmen filtern, oftmals mit Sitz im Ausland und mittels IT-gestützten Systemen. Wenn diese jedoch mit den ganz spezifischen Gegebenheiten des Schweizer Berufsbildungssystems nicht vertraut sind, werden sie oft qualifizierte Bewerber aussieben, weil deren Papiere und Diplome nicht Schema F entsprechen, obwohl die Fähigkeiten da wären. Dies wirkt sich natürlich vor allem bei älteren Bewerbern nachteilig aus. Unternehmen müssen daher im eigenen Interesse ihre Prozesse nach solchen versteckten und ungewollten Altersdiskriminierungen durchforsten und diese sodann eliminieren.

Möglicherweise kann der 55jährige nicht mehr so flink codieren wie ein 25jähriger. Heisst das nun, dass man ihn baldmöglichst als unproduktiv loswerden muss? Oder müssten sich die ICT-Unternehmen nicht viel mehr überlegen, wie man Karriere- und Entwicklungspfade so gestaltet, dass möglichst alle Mitarbeitenden ihre Stärken optimal ausspielen können? Gefragt sind also neue Abläufe, adaptierte Job-Profile und innovative Lohnmodelle.

Natürlich liegt der Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit grundsätzlich in der Verantwortung des Arbeitnehmers. Aber der Arbeitgeber trägt eine Mitverantwortung, die umso grösser ist, je länger der Mitarbeitende bei ihm arbeitet und je proprietärer das Arbeitsumfeld ist. Weiterbildung muss nicht nur ein Thema im Jahresendgespräch sein, sondern es sind auch entsprechende Angebote zu machen, die etwas kosten. Die Forschung zeigt, dass dieses Geld schon relativ kurzfristig in die Firma zurückfliesst, und zwar in Form von höherer Produktivität und reduzierten Ausfalltagen.

Oftmals jammern Firmen auch, dass die nach Alter gestaffelten Beiträge der Zweiten Säule Ältere untragbar teuer machen, selbst wenn die Lohnunterschiede gering seien. Tatsache ist, dass es Pensionskassen gibt, welche altersunabhängige Beiträge anbieten (offenbar jede fünfte). Und die Gastrobranche – welche sich ebenfalls mit älteren Mitarbeitenden schwertut – hat auf die ihr eigene Weise das Problem gelöst: Bei Gastro Social, der Pensionskasse des Gastgewerbes, sind Einheitsbeiträge durch den Gesamtarbeitsvertrag vorgeschrieben. Es geht also, wenn man will – und wir in der ICT-Branche würden es natürlich ohne das Prokrustes-Bett eines GAV schaffen.

Wir sollten wirklich an diesem Thema arbeiten. Nicht weil wir damit die Medien positiv stimmen oder Preise gewinnen können. Sondern weil wir – um die Digitalisierung im Inland zu stemmen – mehr denn je jeden Einzelnen brauchen werden, der mithelfen kann. – Und jede Einzelne auch, doch das ist eine andere Geschichte …

Senior man with notebook sitting in the park

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Überschwang ohne Fundament

Pausenlos werden mit medialem Getöse Startups gegründet, epochale Symposien ausgeschrieben, disruptive Produkte lanciert. Vor allem erfreut uns jeder Tag wieder neu mit den euphorischen Statements selbst ernannter KI-, VR-, IoT-, Big Data-, Machine Learning-Gurus. Völlig zu Recht hat sich daher der Verleger von Inside-it.ch kürzlich über das grassierende Digitalisierungsgeschwafel in unserer Branche echauffiert.

Der Digitalisierungshype sorgt mittlerweile dafür, dass gschpürige Politiker allenthalben unser Land als das neue Silicon Valley anpreisen und verkaufen, manchmal auch nur die eigene Region (hat da jemand Crypto Valley gesagt?). Und so schiessen staatliche, halbstaatliche oder Non-Profit-Initiativen nur so aus dem Boden, welche den Groove von Palo Alto, Sunnyvale und Menlo Park in die Schweiz bringen wollen.

Die CEO von Grosskonzernen oder Firmen der „alten“ Welt posieren in Jeans und Polo-Shirt als Venture Capitalists in den Inkubatoren dieses Landes und plaudern lässig mit ETH-Absolventen über die heissesten Businessmodelle. Sie alle gehen davon aus, die Schweiz sei ein optimaler Nährboden für ein Startup-Ökosystem. Und dass demnächst das neue Facebook, Uber oder Salesforce in einer Garage in Mümliswil gegründet werden wird.

Für sie alle habe ich eine schlechte Nachricht: Die Schweiz ist in keiner Weise bereit und hat elementare Hausaufgaben nicht gemacht. Dazu nur ein paar wenige Punkte:

  1. Die Schweiz will internationale Entwicklungs- und Forschungsstandorte anziehen. Aber sie beharrt bei den Mitarbeitenden auf eine Arbeitszeiterfassung, welche in den 60er Jahren für Fliessband-Arbeit konzipiert wurde.
  2. Die Schweiz möchte die Digitalisierung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft als Standortfaktor vorantreiben. Aber im Parlament wird ernsthaft darüber diskutiert, möglichst viele Branchen durch Netzsperren vom Internet und vom Rest der Welt abzuschotten (Geldspiele, Urheberrecht etc.).
  3. Die öffentliche Hand will als Vorbild wirken und ihre eigene Digitalisierung massiv vorantreiben. Sie stellt sich aber durch absurde Regeln und Beschaffungspannen ständig selbst ein Bein.
  4. Die Schweiz möchte sich als sicheren Datenstandort etablieren und in diesem Geschäftsfeld eine führende Position einnehmen. Aber Sie erweitert gerade massiv den verdeckten Zugriff auf Daten durch Geheimdienst und Strafverfolgungsbehörden, womit das Vertrauen in den Datenstandort verspielt wird.
  5. Die Schweiz möchte zu einem wichtigen Hub für Startup-Firmen und Venture Capitalists werden, aber gewisse kantonale Steuerbehörden wenden in diesem Bereich Bewertungsmethoden an, welche Firmengründer bei der ersten Finanzierungsrunde ins ökonomische Verderben stürzen.
  6. Die Schweiz möchte den Finanzplatz erhalten, indem digitale Geschäftsfelder aufgebaut werden, aber die FINMA ist daran, den Umgang mit Bitcoins&Co. zu Tode zu regulieren.
 Also, liebe ICT-Unternehmen, schwurbelt ruhig weiter, denn klappern gehört zum Handwerk (auch zu meinem). Aber seid euch dessen bewusst, dass das nicht reichen wird. Wenn ihr nicht selbst oder über Verbände auf der politischen Bühne für vernünftige Rahmenbedingungen kämpft, dann wird es bald nicht mehr viel zu klappern geben. Und aus dem erträumten zweiten Silicon Valley wird über kurz oder lang ein Tal der Tränen.
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Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bildnachweis: Fotolia Galyna Andrushko

Hoffnungslos grün

„Nein, das neueste iPhone können wir Ihnen nicht verkaufen. Das Bundesamt hat die Deklaration der 367 Produkte-Komponenten noch nicht überprüft. Sie haben die Wahl: Warten Sie sieben Monate oder kaufen Sie es doch in Deutschland.“

„Nein, ihre Daten können wir in der Schweiz leider nicht speichern. Wegen des Stromverbrauchs dürfen wir leider keine Rechenzentren mehr bauen.“

„Same-Day-Delivery? Geht in der Schweiz leider nicht, ist ökologisch nicht korrekt. Sie wissen schon, die Umweltbelastung.“

„Den Laptop können wir Ihnen nicht verkaufen. Gemäss Bundes-Umweltdatenbank haben sie schon einen Desktop und ein Tablet. Sie müssen sich schon entscheiden!“

„Warum wir in Bulgarien entwickeln lassen? Schweizer Programmierer verdienen zu viel, und konsumieren deshalb auch zu viel. Dafür müssen wir als Firma Öko-Strafzahlungen leisten.“

Diese Statements könnten Sie in einigen Jahren von ICT-Anbietern vernehmen, wenn am 25. September die Initiative „Grüne Wirtschaft“ angenommen wird.

Würde Nationalrat Girod mich lesen, spränge er jetzt aus seinem Liegestuhl: „Panikmache! Büttel von Economiesuisse! Das steht alles gar nicht so im Text!“

Mit dieser letzten Aussage hätte er auch Recht, das alles steht tatsächlich nicht im Text. Denn, um dem Stimmbürger die bittere Medizin zu verkaufen, gehen die Grünen raffiniert vor und zwar nach folgendem Rezept: Zuerst postuliert man ein hehres Ziel, das nicht einmal die Gegenseite in Abrede stellt: „Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, Kreislaufwirtschaft“. Dann setzt man die Kriterien so, dass Sie in einer möglichst langen Frist nicht zu erreichen sind: 2050 ist eine runde Zahl. Im Abstimmungskampf kann man immer darauf hinweisen, dass man ja keine scharfen Massnahmen fordere, dank Innovation komme alles gut, ohne dass jemand sich einschränken müsse (Rebound, schon gehört?).

Als Gegner kommt man in die unmögliche Situation des Schattenboxens, da ausser Frist und Ziel keine konkreten Faktoren bekannt sind. Wenn immer man andeutet, worum es gehen könnte (siehe oben), heisst es: „Aber gerade das fordern wir gar nicht!“ Tatsache ist, die oben geschilderten Aussagen sind nicht weit von dem, was uns blüht. Denn dank der Unmöglichkeit, das Ziel im globalen Alleingang zu erreichen, kann immer Neues und immer mehr gefordert werden. Denn es wird nie genügen. Und immer werden dann die Grünen argumentieren: „Ihr strengt euch nicht genug an. Ihr schafft es offenbar nicht freiwillig. Um die Verfassungsbestimmung zu erfüllen, müssen wir jetzt halt nachhelfen, mit strengen Regeln, es braucht nun deutliche Einschränkungen. Koste es, was es wolle, volkswirtschaftlich, oder bezüglich Steuern. Es steht in der Verfassung, das Volk hat es so gewollt.“

Ganz schön ausgebufft, nicht wahr? Und der Trick wird nicht zum ersten Mal angewendet. 2008 haben die Stadtzürcher Stimmberechtigten das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft in der Gemeindeordnung verankert. Niemand wusste, was das bedeuten würde, weshalb sich nicht einmal die bürgerlichen Parteien gross dagegen stark machten. Die Norm verschaffte aber den Behörden die Legitimation, rigoros ins Leben der Bürger einzugreifen, von den Stromtarifen, über die Wahl der Heizung bis hin zu Verkehr und Parkplätzen.

Was das alles für tolle Vorstösse und Regelungen bewirkt hat, können Sie leicht googeln. Tun Sie das jetzt, in Zukunft könnten auch Suchanfragen – da stromfressend – kontingentiert werden.

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Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bildnachweis: Fotolia: charles taylor 

Der Fluch der guten Tat

Wenn Wirtschaftsverbände (wie Swico) gegen Regulierungswut wettern, wird dies von Politikern, Medien und Publikum oft als überzogene Angstmacherei abgetan. Denn der Erlass von Gesetzen und Verordnungen mit regulierendem Charakter betrifft in der Regel nicht den Einzelnen, sondern Unternehmen, welche für die Umsetzung Ressourcen zur Verfügung stellen und die Unkosten tragen müssen.

Nehmen wir ein simples, für unsere Branche aber relevantes Beispiel: Die Eisenbahn. Wir alle haben in einer Volksabstimmung beschlossen, sie unter dem Titel FABI (Finanzierung Ausbau der Eisenbahninfrastruktur) weiter zu entwickeln und die Mittel dafür bereit zu stellen. Eine gute Tat, zum Nutzen der Umwelt. Aber eben auch kostspielig. Und da Steuererhöhungen in der Schweiz schwierig sind – denn die Steuerzahler dürfen bekanntlich mitreden beziehungsweise darüber abstimmen – findet man ein anderes Mittel, um die Steuereinnahmen zu erhöhen: Man reduziert Steuerabzüge.

Wie das im konkreten Fall geht, dürfte mittlerweile allgemein bekannt sein: In der Steuererklärung können nur noch maximal 3000 Franken Fahrkostenabzug geltend gemacht werden. Doch nun beginnt sich die Regulierungsschraube zu drehen. Wie behandelt man Mitarbeitende mit einem Geschäftswagen? Aus Gründen der Gleichbehandlung der Steuerpflichtigen muss dafür gesorgt werden, dass sie nicht indirekt höhere Pendlerkosten abziehen können. Also muss man sich bei jedem Einzelnen den Arbeitsweg anschauen. Ist er unter 10 km? Dann ist es kein Problem, die 3000-Franken-Limite würde sowieso nicht erreicht. Ein Häkchen setzen im Lohnausweis reicht aus.

Sonst beginnen die Schwierigkeiten: Grundsätzlich muss jede Fahrzeugnutzung lückenlos aufgezeichnet werden, worüber ein Bordbuch zu führen ist. Ende Jahr wird dann abgerechnet und je nach Resultat der Lohnausweis formuliert. Das ist natürlich für viele nicht praktikabel: Als HR-Abteilung macht man sich damit jedenfalls keine Freunde. Also kann man die notwendigen Werte auch ausrechnen: Da wird zuerst gemäss Wegleitung die Anzahl „Aussendiensttage“ berechnet (die natürlich jedes Jahr schwankt), und daraus wird dann der prozentuale Anteil der Aussendiensttage an den Arbeitstagen ermittelt. Daraus ergeben sich die effektive Anzahl Arbeitstage beziehungsweise Arbeitswegfahrten, die mit der Anzahl der als Arbeitsweg gefahrenen Kilometer multipliziert werden. Der so ermittelte Wert wird sodann mit dem Kilometeransatz multipliziert. Er wird zum Lohn addiert (und damit natürlich steuerbar). Bei bestimmten Funktionen können immerhin Pauschalansätze angewendet werden.

Wird Ihnen auch schon ganz Sturm im Kopf? Dabei habe ich krass vereinfacht. Zum Beispiel habe ich ausgelassen, dass man Homeoffice-Tage, Militärdienst oder längere Krankheitsabsenzen mangels Arbeitsweg anders berechnet. Oder dass es Sonderregeln für Aussendienstler gibt, die gar nicht erst in die Firma, sondern direkt zu den Kunden fahren. Oder dass die Privatnutzung des Geschäftsfahrzeugs wie bisher separat auf der Basis des Fahrzeugwerts zu versteuern ist.

Sie werden sagen: Selber schuld, wer Auto fährt. Mit dem öffentlichen Verkehr gibt’s all diese Schwierigkeiten nicht. Dem ist natürlich nicht so. Tatsächlich sind kostenlose Halbtags-Abos des Arbeitgebers unproblematisch und führen auch nicht zu höherer Steuerbelastung. Bei einem GA sieht es hingegen anders aus. Ist die Abgabe geschäftlich erforderlich (sozusagen als Geschäftswagen-Surrogat)? Oder nicht, womit er zum steuerpflichtigen Lohnbestandteil wird? Ja, richtig, auch für Sammeltransporte des Arbeitgebers (in der ICT vielleicht weniger gebräuchlich), gibt es eine spezielle Regel.

Man sieht: Aufgrund eines ursprünglich relativ einfachen Vorhabens (Beschränkung des Pendlerabzugs) entsteht plötzlich ein Regulierungs- und Bürokratiemonster, das hunderttausende von Firmen zusätzlich belastet und für letztere völlig unproduktiv ist. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil man alles perfekt regeln will.

Übrigens: Ihr HR-Chef rauft sich die Haare angesichts des Mehraufwands? Dann bitte, bitte, erzählen Sie ihm nicht, dass die oben beschriebene Beschränkung des Pendlerabzugs nur für die Bundessteuern gilt: Jeder Kanton kann bei den kantonalen Steuern auf die Beschränkung verzichten oder dafür andere Regeln aufstellen.

Eisenbahnviadukt bei Gmmenen, Schweiz

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bildnachweis: Fotolia: djama