Mein erstes Mal

Am 7. Juli musste das Büpf Referendumskomitee der traurigen Wahrheit in die Augen schauen: Das Referendum ist ? wenn auch knapp ? gescheitert. Es fehlten am Schluss ein paar tausend Unterschriften. Kaum jemand macht sich allerdings Gedanken, wie denn ein Referendum so ganz praktisch abläuft, angefangen bei mir, der ich seit 40 Jahren in der Politik unterwegs bin und schon manche Referenden und Initiativen unterschrieben habe.

Logistisch besonders anspruchsvoll ist die Verarbeitung der eintreffenden Unterschriften. Die Unterschriften liegen in völlig unterschiedlichen Formaten vor: Ausschnitte aus Zeitungen, selbst Ausgedrucktes oder sogar von Dritten selbst erstellte Fresszettel (rechtlich zulässig). All diese müssen erfasst und auf 2?300 (!) politische Gemeinden aufgeteilt werden. Sobald in einer Gemeinde eine bestimmte Anzahl Unterschriften beieinander sind, werden sie gezählt und mit Begleitbrief per Post an die Gemeinde geschickt. Diese beglaubigt dann die Unterschriften (und erklärt einzelne vielleicht für ungültig), und schickt die Bögen wieder an das Komitee zurück. Dort müssen die gültigen Unterschriften zahlenmässig erfasst werden. Die meisten Gemeinden arbeiten speditiv, aber es gibt immer wieder solche, denen man noch mehrmals nachtelefonieren muss, bis sie ihre Aufgabe erledigen. Mit anderen Worten, ein riesiger Aufwand.

Ich schildere dies hier so ausführlich, weil es natürlich für uns ICT-Menschen ein Horror ist: Medienbrüche allenthalben und eigentlich ein riesiges Potenzial für Digitalisierung. Das Problem dabei: Eine digitale Unterschrift ist nicht möglich, Handschriftlichkeit nach wie vor Pflicht. Meine Learnings:

Die Sammlungstätigkeit muss am Tag 1 (von 100) beginnen. Dazu reicht es allerdings nicht, dass die entsprechenden (von der Bundeskanzlei vorgeprüften) Unterschriftenbögen zur Verfügung stehen. Die Sammlung muss an diesem Tag auch in der ganzen Schweiz wirklich losgehen. Das war sicher ein Manko beim Büpf-Referendum: Verschiedene der Partner waren noch nicht bereit und mussten sich erst organisieren. Dabei ging recht viel Zeit verloren.

Um mehrere Organisationen zu koordinieren, muss sich jeder Partner auf eine bestimmte Anzahl Unterschriften verpflichten. Nur so kann man den Sammelstand im Zeitverlauf und im Quervergleich überwachen. Unabdingbar ist dazu aber, dass die verschiedenen „Verpflichter“ auch mittels separater Bögen sammeln, damit man die Unterschriften zuordnen kann (letzteres war beim Büpf nur teilweise der Fall).

Die Selbstverpflichtungen der verschiedenen Organisationen sollten beim Start auf ihre Realitätsnähe kritisch überprüft werden. Gerade bei Jugendparteien ist manchmal der Ehrgeiz und die Begeisterung grösser als es die tatsächlichen Ressourcen sind. Hier hätten wir beim Büpf-Referendum wohl zweifellos strenger sein müssen. Allerdings hätte es dann vielleicht gar kein Referendum gegeben?

Es braucht eine physische Infrastruktur, zentral gelegen und ohne Zutritt von Drittpersonen. Unter 100 Quadratmetern ist es wohl kaum zu schaffen: viel Fläche zum Sortieren, aber auch umfangreiche Regale oder Hängeregister. Eine Poststelle in der Nähe ist auch ein Vorteil. Dies war beim Büpf-Referendum dank CCC und pep Stiftung recht optimal erfüllt (Ein Kühlschrank mit Club Mate vor Ort kann auch nicht schaden?).

Wichtige Verbände machten nicht wie erhofft mit, weil sie die wirtschaftlichen Folgen für ihre eigenen Mitgliedfirmen technisch nicht verstehen bzw. nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Sie klammern sich teilweise an die Hoffnung, durch Wohlverhalten dann bei der Umsetzung besser mitreden zu können. Und ich muss mich wohl selbst an der Nase nehmen: Ich bin offenbar in diesen Kreisen entweder nicht aktiv oder nicht überzeugend genug aufgetreten.

Das Sammeln von Unterschriften wird dadurch erschwert, dass bei einem Referendum ein Thema bei vielen Medien und damit in der Öffentlichkeit noch gar nicht richtig angekommen ist. Es war ja bisher erst im Parlament. Das kostet beim Sammeln viel Zeit. Allerdings konnte man beim Büpf auf Grundkenntnisse aufgrund der allgemeinen Diskussion zu Snowden & Co. zurückgreifen, so dass dies im konkreten Fall kein Problem darstellte. Es gab Sammler, die pro Stunde bis zu 25 Unterschriften hereinholten!

Vergesst Social Media bei einem Referendum. Für den internen Austausch, für die Anfeuerung sind sie zweifellos nützlich, aber Views und Likes lassen sich keinesfalls in Unterschriften ummünzen. Die Nutzer sind verwöhnt und geben gerne zu allem ihren Senf, aber sich eine Meinung bilden, etwas ausdrucken, unterschreiben und zum Briefkasten tragen, das ist dann doch zu viel der Mühe? Gilt übrigens auch für Massenversände auf Print. Was hingegen funktioniert, ist die Ansprache von Bekannten per persönlichem Mail.

Es gibt mittlerweile ein Tool, das im Netz den Sammelprozess soweit wie möglich digitalisiert (viel liegt da ja wie gesagt nicht drin). Das Instrument erhöht die Kontrollmöglichkeiten und generiert auch Mail-Adressen. Aber der Anbieter kann die hinterlegten Adressen auch für Vorlagen einsetzen, die ich politisch ablehne. Und das schmeckt mir natürlich nicht.

Wir haben also Verschiedenes, aber nicht viel falsch gemacht. Wir konnten über 50’000 Unterschriften sammeln, aber wir schafften es nicht, sie auch rechtzeitig beglaubigt der Bundeskanzlei abzugeben. Persönlich ziehe ich trotzdem ein positives Fazit: Hier hat sich eine Community gebildet, die den Einzelfall Büpf überdauern wird, denn die Überwachungsproblematik bleibt brandaktuell. Und persönlich habe ich tolle und engagierte Menschen kennen gelernt, mit denen ich sonst nie zusammen gekommen wäre.

Download

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch.

Marketing ab 1. Juli strafbar

Angesichts dessen, was man zum Teil an Marketingkommunikation vorgesetzt bekommt, wäre es vielleicht nicht schlecht, diese Machwerke würden strafrechtlich verfolgt. Allerdings geht es heute gerade nicht um diesen Teil des Marketings, sondern um Events, Einladungen und Geschenke: Das neue Korruptionsstrafrecht tritt am 1. Juli in Kraft, und dieses verfolgt nun auch die Bestechung von Privaten.

Einem Mitarbeitenden eines Unternehmens, mit dem man ein Geschäft abschliessen will, einen Vorteil zukommen zu lassen, ist nun grundsätzlich strafbar. Wer als ICT-Anbieter einen CIO zu einem Tennis-Turnier nach Gstaad einlädt, um einfacher den Zuschlag für die schon lange pendente Offerte zu erhalten, der befindet sich schon mit einem Bein im Kittchen. Bisher war es nur strafbar, wenn es sich um einen Amtsträger handelte, also zum Beispiel den Einkäufer des Bundesamts für Strassenbau. Heute gilt das ganz generell.

Es hilft auch nichts, wenn Sie stattdessen nicht ihn, sondern seine Frau einladen, auch dies ist nicht erlaubt. (Wobei das Beispiel etwas verunglückt ist: Ich bin nicht sicher, ob es die beste Idee ist, einen Mann dadurch bestechen zu wollen, dass ich mit seiner Frau ein Wochenende verbringe. Aber das nur am Rande).

Weit interpretiert, würde ein solches Gesetz natürlich die ganze Event- und Hospitality-Branche, die Gastronomie bis hin zu den Edelpuffs in den Ruin treiben. Das wäre volkswirtschaftlich unerwünscht, weshalb der Gesetzgeber gewichtige Ausnahmen eingebaut hat: Wenn es mir nicht um ein konkret erwünschtes Handeln einer anderen Person geht, sondern eher um generellen Goodwill, dann geht es in Ordnung. Auch die Annahme von „geringfügigen, sozial akzeptierten“ Geschenken ist erlaubt, wobei sich die Frage stellt, wo das aufhört. Und die Antwort könnte auch anders lauten, je nachdem ob wir uns im Grossrechnergeschäft oder im Handel mit USB-Sticks bewegen.

So oder so, es stellen sich einige heikle Fragen, was man wirklich noch in diesem Bereich machen darf. Auf der sicheren Seite ist man allerdings, wenn der Arbeitgeber des Beschenkten damit einverstanden ist. Also könnte es bald zum Standardprozedere gehören, vom Gegenüber zuerst eine offizielle Bestätigung seines Arbeitgebers zu verlangen, dass er mit der Einladung oder dem Geschenk einverstanden ist.

Auch für Unternehmen sind die neuen Bestimmungen eine Herausforderung: Sie machen sich auch strafbar, und zwar nicht nur, wenn sie sich so mangelhaft organisiert haben, dass man den wahren Täter nicht schnappt (hier eher unwahrscheinlich), sondern wenn sie nicht alle erforderlichen und zumutbaren Vorkehrungen getroffen haben, um aktive Bestechung zu verhindern. Die Compliance-Abteilung kann also weiter aufgestockt werden…

Wer nun noch gern eine etwas fundiertere Auseinandersetzung mit der Materie hätte, findet als Swico-Mitglied ein Merkblatt auf unserer Arbeitgeberplattform im Extranet, wo mittels Grafiken, Tabellen und FAQ genau erklärt wird, was zu tun ist – und vor allem, was zu lassen.

Das Ganze ist ja irgendwie schon pervers: Sie dürfen mich nur zu einem Golf-Weekend einladen, wenn Sie nichts Konkretes von mir wollen. Dann macht es ja aber irgendwie keinen Sinn – ökonomisch. Wobei ich dieses Beispiel ganz bewusst gewählt habe (denn bestechen lassen ist ja gleichermassen strafbar!): Ich spiele kein Golf.

Urlaub in der Karibik

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch.

Bildnachweis: Fotolia, eyetronic

Freihändig vergeben

Gerhard „Geri“ Knobel schätzte es zwar nicht, durch halb Bern ins Bundeshaus Süd zu pilgern, um beim Departement anzutanzen. Aber es liess sich nun mal nicht umgehen. Denn neuerdings gab es im Departement einen Beschaffungsverantwortlichen, dem er als Informatikleiter des Bundesamts jeweils seine Vorhaben präsentieren musste. Mit diesem Erbsenzähler würde es sicher nicht einfach werden, obwohl der Fall doch völlig einfach lag: Das Bundesamt hatte beschlossen, von Grund auf ein nationales Portal für vorbeugende Präventionsprophylaxe aufzubauen, das sämtliche Aktivitäten in diesem Bereich national und kantonal umfassend darstellen würde. Er hatte auch schon eine Offerte hereingeholt, eine sehr gute Offerte. Er musste eigentlich nur noch den Vertrag unterschreiben, bevor es los ging.

„Aber Sie wissen schon, Herr Knobel, dass Sie das nicht einfach so freihändig vergeben können.“

„Also bisher ging das eigentlich immer problemlos.“

„Von welchem Betrag sprechen wir denn?“

„Ich konnte den Auftrag auf unter 10 Millionen drücken. Wir liegen jetzt nur noch bei 9,8 Millionen, also ein Schnäppchen.“

„Das ist aber deutlich über dem Schwellenwert gemäss Verordnung.“

„Wenn Sie es so sehen, dann können wir den Auftrag ja auch in mehrere Tranchen aufteilen. Das sollte ja wohl möglich sein.“

„Es gibt da nur ein klitzekleines Problem: Bei der heutigen Limite für freihändige Vergabe von 150‘000 Franken müssten Sie den Auftrag in rund 67 Tranchen aufteilen.“

„Kann man das nicht irgendwie virtuell machen?“

„Es gibt noch ein grösseres Problem: Die Aufteilung in mehrere Tranchen ist illegal.“

„Aber man könnte doch argumentieren, dass es sich um einen Folgeauftrag handelt. Dann kann man doch gemäss Verordnung unabhängig vom Betrag freihändig vergeben.“

„Ist es denn ein Folgeauftrag?“

„Die gleiche Firma hat auch schon Computer bei uns installiert. Also da könnte man schon von einem Folgeauftrag sprechen, so virtuell.“

„Die Verordnung lässt es aber nur zu, wenn ein Anbieterwechsel hohe Kosten verursachen würde. Das scheint mir hier definitiv nicht der Fall zu sein.“

„Aber es gibt doch sicher noch andere Möglichkeiten für freihändige Vergaben, alle machen das doch so!“

„Ja, man kann auch freihändig vergeben zum Erhalt von inländischen Unternehmen, die für die Landesverteidigung wichtig sind. Ist der Lieferant für die Landesverteidigung wichtig?“

„Ja irgendwie schon, in der Schweiz sind doch alle für die Landesverteidigung wichtig!“

„Nein, so geht das wirklich nicht. Weshalb um Himmelswillen wollen Sie denn den Auftrag unbedingt an diese Firma vergeben?“

„Ganz einfach, der VR-Präsident ist mein Schwiegervater.“

„Ach so, sagen Sie das doch gleich. In so einem Fall kann man natürlich immer freihändig vergeben.“

businesswoman and businessman signing contract in the office

Fotolia, Bacho Foto

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch.

Unwillkommener Staatsauftrag

Dieser Beitrag wurde für meine Monatskolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch verfasst, was in diesem Fall für das Verständnis des Textes relevant ist. 

Kürzlich ist die Unterschriftensammlung für das Referendum gegen das revidierte BÜPF gestartet, dem Bundesgesetz betreffend Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs. Die Auswirkungen des Gesetzes auf Gesellschaft und Bürgerrechte wurden schon oft thematisiert. Darüber liesse sich in der Tat noch viel schreiben.

Doch bei inside-it.ch, dem Zentralorgan der CIO, Nerds und anderer IT-Fritzen, steht natürlich noch eine andere Frage im Vordergrund: Was bedeutet das BÜPF für unsere Branche und für unsere Unternehmen?

Während früher die gute alte PTT einziger Ansprechpartner der Überwacher war, steigt der Kreis der mitwirkungspflichtigen Firmen mit dem neuen Gesetz ins Uferlose: Es umfasst nicht nur Telekom-Firmen und Internetprovider, sondern alle Firmen, welche Software entwickeln, anbieten oder verkaufen, sofern diese Kommunikationsmöglichkeiten wie zum Beispiel Chat beinhalten, und das ist heute bei vielen Produkten der Fall. Auch wer grössere Netzwerke betreibt, ist betroffen. Auf den Punkt gebracht: Wenn Sie regelmässig inside-it.ch lesen, dann gehört ihr Arbeitgeber sehr wahrscheinlich auch zu den überwachungspflichtigen Unternehmen.

Das BÜPF zwingt ICT-Anbieter nicht nur, Überwachungsmassnahmen zu dulden (was ja gerechtfertigt und notwendig ist), sondern sich auf Vorrat als Überwachungsdienstleister“ vom Bund zertifizieren zu lassen und einen automatischen Zugriff des Bundes auf ihre Systeme einzurichten. Verschlüsselungen müssen entfernt werden. ICT-Anbieter haben damit keine echte Kontrolle mehr, was auf ihren Systemen passiert – die NSA lässt grüssen. Insbesondere können sie damit ihren Kunden gegenüber auch keine entsprechenden Garantien mehr abgeben.

Via BÜPF verlangt der Staat allen Ernstes, dass Schweizer Firmen auf Wunsch neue Produkte mit Kommunikationsfähigkeiten sechs Monate vor der Lancierungden Behörden vorlegen: Im Zeitalter von internationalem Wettbewerb und „Minimum viable products“ ein absoluter Innovationskiller. Damit werden in Zukunft in unserem Land sicher keine neuen Produkte mehr entwickelt. Insbesondere auch die von den Standortförderern heiss geliebte Gaming-Industrie wird in Zukunft einen weiten Bogen um die Schweiz machen.

Kommt dazu: Staatstrojaner müssen via „Backdoor“ auf die Zielgeräte eingeschleust werden. Damit werden diese jedoch auch für jede andere Schadsoftware verwundbar und somit zu regelrechten Virenschleudern, was sich nicht nur auf die betroffenen Geräte auswirkt, sondern auch die Netzstabilität beeinträchtigt und die Datensicherheit bei allen Netznutzern gefährdet. Der Einsatz von Staatstrojanern ist eine Einladung zum Aufbau von Bot-Netzen und zu organisierter Internet-Kriminalität. Auch dies ein Schlag gegen die ICT-Industrie, die für Cloud-Lösungen auf integre und geschützte Netze angewiesen ist.

Ganz generell nimmt der interne Sicherheitsaufwand vieler ICT-Anbieter mit dem BÜPF massiv zu und erfordert den Aufbau aufwändiger Strukturen. So werden zum Beispiel Access-Provider gehalten, rund um die Uhr auf Abruf für Aufträge des Bundes zur Verfügung zu stehen, was wohl vielen kleineren Anbietern aus Kostengründen das Genick brechen wird.

Natürlich müssen Strafverfolgungsbehörden ihr Arsenal weiter entwickeln, um dem technischen Fortschritt zu folgen und auf neue Formen der Kriminalität zu reagieren. Der Ausbau des Instrumentariums für die Überwachung muss sich jedoch an den Kriterien der Notwendigkeit, der Wirksamkeit, der Verhältnismässigkeit und der demokratischen Kontrolle orientieren. Das neue BÜPF weist in jedem dieser Bereiche gravierende Mängel auf, welche insbesondere die ICT-Anbieter stark tangieren, teilweise sogar existenziell gefährden.

Referendum jetzt unterschreiben!

Ich bin stolz darauf, dass sich meine Chefs, das heisst der Vorstand von Swico, einstimmig für die Unterstützung des BÜPF-Referendums ausgesprochen haben, obwohl es an subtilen und weniger subtilen Druckversuchen nicht gemangelt hat. Wenn auch Sie der Meinung sind, dass das Gesetz so nicht in Kraft treten darf und daher dem Souverän vorgelegt werden muss, dann laden Sie den Unterschriftenbogen herunter und füllen ihn aus: Pro Gemeinde braucht’s ein separates Formular, die Beglaubigung wird vom Komitee eingeholt, und die Unterschriftensammlung läuft bis Ende Juni.

Wenn es nicht gelingt, dieses Gesetz rechtzeitig zu stoppen, dann wird uns wohl im Licht meiner Ausführungen oben nichts anderes übrig bleiben, als auch den Titel dieses Mediums zu ändern: Von inside-it.ch zu inside-buepf.ch…

Stopfbuepf

L’Expédition Co-Création au départ

Link zur deutschen Fassung weiter unten

Information au sujet de cette manifestation

Allocution du 17 mars 2016, ImpactHub Genève

Mesdames, Messieurs,

Je suis heureux d’être parmi vous aujourd’hui et d’apporter ma contribution à cette inauguration. Je suis content que l’on m’ait invité tout en sachant que je suis un des plus fervents détracteurs du concept de Co-working et de Co-création. Le but de ma brève allocution est donc de vous mettre sérieusement en garde contre les dangers du travail au sein de ce genre d’établissements.

En effet, le Co-Working et la Co-création sont à la fois préjudiciables aux entreprises qui s’y associent, mais aussi aux collaborateurs concernés, ainsi que d’un point de vue social.

Le Co-working et la Co-création sont dangereux pour l’entreprise, car elle perd tout contrôle sur ses collaborateurs. Ils se mêlent à des collègues d’autres entreprises – ils vont même jusqu’à avoir des échanges avec eux. Et puis, voilà qu’ils ont soudain des idées nouvelles, développent de nouveaux concepts, et toute la machine à innover, qui a été élaborée avec le plus grand soin, commence à vaciller. Tout le monde sait bien que la créativité n’a rien à voir avec la spontanéité, et qu’elle doit faire à tout moment l’objet d’un suivi et d’un contrôle bien comme il faut.

C’est le pire des scénarios, surtout pour les responsables des ressources humaines. Où va-t-on si vos propres gens se mélangent à des étrangers? Lorsque, chef du personnel, vous croisez quelqu’un à la machine à café, vous ignorez si c’est un créatif externe – donc o.k. – ou si c’est l’un de vos collaborateurs qui n’a absolument pas le droit de faire une pause à cette heure-là. Et tout le monde sait bien que les pauses et les vacances sont les pires ennemis de la productivité au sein de l’entreprise.

Sans parler de l’image décontractée qui donne l’impression qu’on se fait plaisir en travaillant. Rien de tel pour nuire à la discipline. Et pour des raisons d’image, on n’a même plus le droit d’installer une pointeuse à un endroit central pour bien faire comprendre aux gens qu’ils ne sont quand même pas là pour leur bon plaisir.

Comment a-t-on pu en arriver là? Voici mon diagnostic: le Co-working et la Co-création n’ont pu avoir droit de cité que parce que les bonnes mœurs et la discipline se sont délitées au sein de l’entreprise.

A commencer par la tenue. Avant, on venait travailler avec une tenue décente. Puis insidieusement, ce fut le début de la décadence. Il y eut d’abord le Casual Friday. Et aujourd’hui? Aujourd’hui, on a le Casual Monday … et le Casual Tuesday, et aussi le Casual Wednesday, le Casual Thursday et bien entendu toujours le Casual Friday. Pour finir, personne ne porte plus de cravate digne de ce nom. Regardez autour de vous aujourd’hui!

Puis, on a soudain autorisé les collaborateurs à choisir l’appareil avec lequel ils voulaient travailler. A la limite, je peux encore comprendre que les ordinateurs portables aient remplacé les ordinateurs fixes. Mais aujourd’hui, vous voyez même des gens qui n’éprouvent aucune gêne à circuler au bureau avec une tablette.

Les chefs, eux, devraient montrer l’exemple et servir de modèle. Et pourtant, voilà ce qui se passe. L’ancienne cheffe de Microsoft Suisse m’avait déjà avoué dans un moment de faiblesse qu’elle dirigeait l’ensemble de l’entreprise avec son Lumia 1420. Imaginez un peu: 6 pouces pour diriger 600 personnes. Cela fait moins d’un quart de millimètre de diagonale d’écran par collaborateur. J’espère que celle qui lui a succédé est plus raisonnable je suis curieux d’entendre ce que nous dira Mme Janik à ce sujet!

La déliquescence des mœurs s’observe dans d’autres domaines: par exemple pour le mobilier. Avant quand on entrait dans un bureau, on savait d’emblée à qui on avait à faire. Les mètres carrés du bureau, multiplié par la qualité du tapis, auquel on ajoutait le nombre de lithographies accrochées au mur, cela donnait sans équivoque le rang du collaborateur et l’on savait à qui on avait à faire. Quand vous pénétrez aujourd’hui dans un bâtiment commercial, il n’y a déjà plus aucun bureau: partout, ce ne sont que coins canapé, salons et tables de bar. Et les chefs sont assis n’importe où, si par chance ils sont là. Car la plupart du temps, ils ne sont pas là.

Il y en a encore beaucoup d’autres personnes qui ne sont pas là. Avant, on avait une bonne raison de quitter le bureau: un contact client. Aujourd’hui, les gens vont et travaillent où ils veulent. Le pire, c’est ceux qui restent tout bonnement à la maison pour travailler. Comment voulez-vous amortir les investissements dans les transports publics et les constructions de routes lorsque les gens refusent de se déplacer aux heures de pointe?

C’est ce qui m’amène à parler d’un autre thème tout aussi préoccupant pour moi: les horaires de travail. Les collaborateurs travaillent non seulement où ils veulent mais aussi quand ils veulent. Heureusement, on peut encore compter sur notre législateur qui pose des limites strictes à ces plaisanteries en adoptant des directives réglementant les pauses et les heures supplémentaires et en exigeant une consignation stricte par écrit. Mais je sais qu’il y a de nombreuses entreprises et surtout des collaborateurs qui ne respectent pas ces consignes.

Au lieu de venir travailler au bureau le lundi matin, certaines personnes pensent à leur travail après leur jogging et ont soudain une idée de génie – le dimanche soir, ce qui est tout à fait illégal et mérite d’être sanctionné vigoureusement par la loi. La règle est pourtant claire et simple: « Nine to five », comme on le dit si bien en anglais. Le summum de la provocation a même été récemment la création d’une entreprise au nom pervers de « Five to nine ». Ce n’est rien d’autre qu’une incitation à violer la loi. Dans le nom même de l’entreprise! Incroyable! Préservez-nous de ces individus!

Comme je vous l’ai déjà dit, dans de telles circonstances, rien d’étonnant que de telles absurdités telles que le Co-working et la Co-création se répandent soudain au sein des entreprises.

Il semblerait que certains pensent qu’il faut faire exactement le contraire de ce que je viens de vous raconter. J’ai bien peur que ces gens aient raison. Je vous remercie de votre attention!

Le discours prononcé fait foi.

CdwoV9gUIAArdIb

 

Ansprache vom 17. März 2016, ImpactHub Genf

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich freue mich ausserordentlich, heute unter Ihnen zu sein und meinen Beitrag zu diesem Eröffnungsanlass zu leisten. Vor allem bin ich sehr erfreut, dass unsere Gastgeber die Grösse hatten, mich einzuladen, um damit einem der vehementesten Kritiker des Co-Working- und des Co-Creation-Konzepts eine Plattform zu geben. Ziel meiner kurzen Ansprache wird daher sein, Sie alle eindringlich vor den Gefahren des Arbeiten in solchen Etablissements zu warnen.

Schädlich ist Co-Working und Co-Creation nicht nur für die Unternehmen, welche sich daran beteiligen, sondern auch für die betroffenen Mitarbeitenden, aber auch aus gesellschaftlicher Sicht. Ich werde mich jedoch vor allem auf die Problematik aus Unternehmenssicht konzentrieren:

Für Unternehmen ist Co-Working und Co-Creation gefährlich, weil sie die Kontrolle über ihre Mitarbeitenden verlieren. Diese vermischen sich mit Kollegen aus anderen Firmen oder beginnen sogar, sich mit diesen auszutauschen. Plötzlich kommen sie auf neue Ideen, entwickeln neue Konzepte und bringen die sorgfältig aufgebaute Innovationsmaschinerie aus dem Tritt. Kreativität kann doch nicht einfach so spontan passieren, sie muss jederzeit sauber begleitet und überwacht werden.

Ein Alptraum ist ja das Ganze vor allem für die Personalverantwortlichen. Die Vermischung von eigenen und fremden Leuten ist ein Riesenproblem. Wenn Sie als Personalchef jemanden an der Kaffeemaschine stehen sehen, wissen sie nun nicht, ob das ein externer Kreativgeist ist, dann ist es o.k., oder ein eigener Mitarbeitender, der um diese Zeit gar keine Pause machen dürfte. Dabei weiss man doch: Pausen – und Ferien! – sind die grossen Produktivitätskiller in den Unternehmen.

Dazu kommt das ganze lockere Image, bei dem der Eindruck entsteht, als mache Arbeit Spass. Das schadet doch der Disziplin. Und aus Imagegründen darf man nicht einmal an einer zentralen Stelle eine Stempeluhr aufstellen, um den Leuten klar zu machen, dass sie doch nicht zum Vergnügen hier sind.

Wie konnte es nur so weit kommen? Meine Diagnose ist: Co-Working und Co-Creation konnten nur hoffähig werden, weil sich in den Unternehmen selbst die guten Sitten und die Disziplin aufgelöst haben.

Das beginnt beim Tenü. Früher ging man anständig angezogen ins Büro. Dann begann ganz schleichend der Zerfall. Zuerst kam der Casual Friday. Und heute? Heute haben sie den Casual Monday … und den Casual Tuesday, auch den Casual Wednesday, den Casual Thursday und den Casual Friday sowieso. Und am Ende trägt niemand mehr eine anständige Kravatte. Sehen Sie sich nur heute hier um!

Dann erlaubte man den Mitarbeitern plötzlich, das Gerät auszuwählen, mit dem sie arbeiten wollten. Dass man Desktops zugunsten von Laptops abgelöst hat, kann ich ganz knapp nachvollziehen. Aber heute gibt es doch tatsächlich Leute, die laufen im Beruf ganz offen mit einem Tablet herum.

Chefs sollten ja mit dem guten Beispiel voranagehen und als Vorbild wirken. Doch was passiert. Schon die frühere Chefin von Microsoft Schweiz hat mir in einer schwachen Stunde gestanden, dass sie die ganze Firma mit einem Lumia 1420 führe. Man stelle sich das vor: 6 Zoll, um 600 Mitarbeitende zu führen. Das macht weniger als einen Viertel Millimeter Bildschirmdiagonale pro Mitarbeitenden. Ich hoffe, ihre Nachfolgerin ist nicht so gedankenlos und bin daher gespannt, was uns Frau Janik zu diesem Thema sagen wird!

Die Verluderung der Sitten kann man bei weiteren Themen beobachten: Zum Beispiel bei den Büromöbeln. Wenn man früher ein Büro betrat, wusste man sofort, mit wem man es zu tun hat. Die Anzahl Quadratmeter Büro, multipliziert mit der Qualität des Bodenbelags, dazu addiert die Anzahl Gummibäume und die Anzahl Lithographien an den Wänden, das ergab ganz eindeutig den Rang des Mitarbeitenden und man wusste, mit wem man es zu tun hat. Wenn sie heute in ein Geschäftshaus gehen, hat es schon gar keine Büros mehr, es wimmelt von Kuschelkojen, Sitzgruppen und Stehtischen. Und die Chefs sitzen irgendwo, wenn sie überhaupt da sind. Denn meistens sind sie gar nicht im Haus.

Es sind auch viele andere gar nicht im Haus. Früher gab es einen Grund, um das Büro zu verlassen: Kundenkontakt. Heute jedoch sind die Leute irgendwo und arbeiten einfach, wo sie wollen. Am schlimmsten sind wohl die, welche häufig gleich zu Hause bleiben und von dort aus arbeiten. Wie wollen wir denn die Investitionen in den öffentlichen Verkehr und den Strassenbau amortisieren, wenn sich die Leute weigern, in den Stosszeiten unterwegs zu sein?

Damit komme ich zu einem weiteren Thema, das mir ebenfalls grosse Sorgen bereitet: Die Arbeitszeiten. Die Mitarbeitenden arbeiten nicht nur, wo sie wollen, sondern auch, wann sie wollen. Zum Glück ist noch etwas auf unseren Gesetzgeber Verlass, der solchen Spässen enge Grenzen setzt, genaue Vorschriften über Pausen und Überzeit erlassen hat und eine lückenlose schriftliche Aufzeichnung verlangt. Allerdings weiss ich, dass es viele Firmen und vor allem Mitarbeitende gibt, die sich an diese Vorgaben nicht halten.

Statt dass sie am Montagmorgen im Büro arbeiten, denken gewisse Leute am Sonntagabend nach dem Joggen über das Geschäft nach und haben plötzlich einen Geistesblitz. Das ist illegal und soll mit der ganzen Schärfe des Gesetzes geahndet werden. Die Regel ist doch einfach und klar: „Nine to five“, wie man auf Englisch sagt. Der Gipfel der Provokation ist ja wohl, dass kürzlich eine Firma gegründet wurde mit dem perversen Firmennamen „Five to nine“. Das ist nichts anderes als eine Aufforderungen zum Gesetzesbruch. Schon im Firmennamen! Unglaublich! Hüten Sie sich vor diesen Leuten!

Wie gesagt: Bei solchen Zuständen in den Firmen ist es natürlich kein Wunder, wenn solche Absurditäten wie Co-Working und Co-Creation plötzlich um sich greifen.

Es soll allerdings Leute geben, die glauben, man müsse das Gegenteil von dem tun, was ich Ihnen jetzt gerade erzählt habe. Ich fürchte fast, diese Leute haben Recht. Danke für Ihre Aufmerksamkeit!.

Es gilt das gesprochene Wort.

CSR? Nein danke, bzw. ja bitte!

Kürzlich wurde ich gefragt, ob Swico mittlerweile zu den Gutmenschen übergelaufen sei, weil wir in unserem Verhaltenskodex von unseren Mitgliedunternehmen „Corporate Citizenship“ einfordern, was ja stark nach „Corporate Social Responsibility“ (CSR) tönt, dem neuesten Steckenpferd der Bundesverwaltung.

In der Tat gebar letztes Jahr der Bundesrat ein CSR-Positionspapier, mit dem er Unternehmen dazu bringen will, das zu tun, was sie nicht müssen, aber aus seiner Sicht wollen sollen. Der CSR-Ansatz lautet, dass Unternehmen freiwillig gesellschaftliche (soziale, ökologische) Verantwortung übernehmen sollen. Damit schreibt der Staat vor, dass sich eine Firma nach den moralischen Auffassungen des Staates beziehungsweise der Gesellschaft richtig verhalten soll, jenseits dessen, was vorgeschrieben ist. Dies ist nichts anderes als Political Correctness in neuen Schläuchen.

Dabei ist doch klar: Entweder der Gesetzgeber (wir!) hält es für wichtig, dass der Staat Regeln aufstellt, dann befiehlt er: Zum Beispiel, dass Bauarbeiter einen Schutzhelm tragen, oder wie hoch der Mehrwertsteuersatz für Döner ist. Falls jedoch der Staat aufgrund der Verfassung zu einer Regulierung nicht legitimiert ist (von uns!), hat er sich zum Thema auch nicht zu äussern. Zum Beispiel bei der Wahl der Sockenfarbe im öffentlichen Verkehr oder wann ich am Sonntag aufstehe.

Aber die Versuchung ist gross, diese Grenze aufzuweichen. Es begann mit Präventionskampagnen, dann kam „Nudging“, und nun steht CSR auf dem Programm. Ein aktuelles Beispiel dazu: Das Parlament hat die Gesetzesvorlage „Grüne Wirtschaft“ (aus guten Gründen und mit Swico-Unterstützung) bachab geschickt. Der entsprechende „Aktionsplan“ des Bundes hat damit keine rechtliche Grundlage mehr, wird aber frisch fröhlich weiter verfolgt, halt einfach als Teil der CSR-Strategie des Bundes.

Der Begriff CSR ist jedoch in der Wirtschaft fest etabliert und viele Unternehmen arbeiten damit. Ist nun CSR etwas Gutes oder bloss ein trojanisches Pferd des Staates? Entscheidend scheint mir als Ausgangspunkt folgende Feststellung: Unternehmen sind nicht dazu da, moralischen Vorstellungen zum Durchbruch zu verhelfen, sondern um ökonomischen Mehrwert zu schaffen (und sich dabei natürlich an die Gesetze zu halten). Frei nach Nobelpreisträger Milton Friedman: „The social responsibility of business is to increase its profits.“

Heisst das nun, dass sich Unternehmen unmoralisch verhalten sollen? Überhaupt nicht. Moralisches Verhalten macht aus vielen Gründen Sinn und ist zu empfehlen: Weil ich mich dabei besser fühle (als Chef oder Aktionär) und daher motivierter bin, weil eine gute Reputation verkaufsfördernd wirkt, weil ich einfacher gute Mitarbeitende anstellen kann, weil ich Premium-Preise erziele etc. All dies dient jedoch eben nicht einem primär moralischen Zweck, sondern schlicht und einfach der bereits erwähnten Steigerung des Mehrwerts. Denn Menschen können (und sollen) sich moralisch verhalten, Unternehmen haben als solche keine Moral und sind nichts anderes als ökonomische Werkzeuge von Menschen.

Sind also CSR-Programme des Teufels? Nein, denn wenn moralisches Handeln im Unternehmensinteresse liegt, dann ist es doch angemessen, diese Aktivitäten systematisch und strukturiert vorzunehmen. Und wenn Analysten oder Investoren das Buzz-Wort CSR hören wollen, geben wir es ihnen; nicht aus moralischen Gründen, sondern weil es besser tönt als „Integrierte Image-Kampagne“.

Also lasst uns weiterhin CSR machen und unsere Firmen sollen „Good Corporate Citizen“ sein. Aber um ökonomischen Mehrwert zu schaffen, und nicht weil uns dann der Bundesrat zufrieden übers Köpfchen streichelt.

 Zwischenablage01
Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch.

Zeigt mehr Initiative! Oder doch lieber nicht.

Ende Februar ist es wieder soweit, dass wir abstimmen dürfen – gleich über drei Volksinitiativen. Keine Angst: Ich werfe mich jetzt nicht auch noch in die epische Schlacht zur Durchsetzungsinitiative, auch wenn diese indirekt unsere Branche durchaus tangiert. Mir geht es generell um die Qualität der Initiativen, welche in meiner Wahrnehmung stetig abnimmt. Wir hatten immer schon Vorlagen, bei denen es nicht darum geht, dass sie angenommen werden. Vielmehr wollen sie eine Diskussion entfachen, eine Idee lancieren, die dann über die Jahre ihren Weg macht und vielleicht irgendwann im Mainstream ankommt. Hat da jemand Frauenstimmrecht gerufen? Ich habe allerdings vor allem an Vorlagen wie GSOA oder 1:12 gedacht. Oder an die Minarett-Initiative, die – Betriebsunfall – trotz ihres dadaistischen Inhalts angenommen wurde.

Doch darum soll es hier nicht gehen. Sondern darum, dass die uns aktuell vorgelegten Initiativen über beträchtliche inhaltliche Mängel verfügen, welche zum Teil sogar die Absichten der Initianten selbst durchkreuzen. Und soeben wurde bekannt, dass auch die erst im Parlament behandelte „Bankgeheimnis-Initiative“ derart viele Pferdefüsse hat, dass ihr mit einem Gegenvorschlag auf die Beine geholfen werden muss.

Woher kommt das? Nun, in meinen Augen liegt es primär daran, dass unser politisches System und der rechtliche Rahmen mittlerweile so komplex geworden sind, dass das einfache Schrauben an einem Parameter (mittels Initiative) einfach nicht erfolgreich sein kann. Dabei zeigt sich die menschliche Neigung, im Umgang mit solchen Systemen immer wieder wesentliche Strategiefehler zu begehen.

Schon 1984 hatte der berühmte Kybernetiker Frederic Vester anhand eines Simulationsspiels des Psychologen Dietrich Dörner aufgezeigt, welche Fehler im Umgang mit komplexen Systemen typischerweise auftreten:

  • Zielerkennung: Ein vermeintlicher oder tatsächlicher Fehler erscheint auf der Bildfläche und man konzentriert sich auf ihn, ohne das grosse Ganze zu beachten (Initiative gegen die Heiratsstrafe).
  • Analyse: Es werden gewaltige Datenmengen gesammelt, um die Situation zu ergründen, dabei bleibt jedoch die eigentliche Dynamik des Systems unerkannt (Antispekulationsinitiative).
  • Einseitigkeit: Man versteift sich auf einen (richtig erkannten) Schwerpunkt, übersieht dabei die Konsequenzen auf andere Bereiche oder unerwünschte Nebenwirkungen (Bankgeheimnis-Initiative).
  • Übersteuerung: Zuerst wird zögerlich vorgegangen. Wenn es nicht sofort wirkt, greift man kräftig (Ausschaffungsinitiative) ein, um dann bei der ersten unbeabsichtigten Rückwirkung wieder voll auf die Bremse zu treten, was natürlich bei Initiativen schwierig ist, so dass es zu Konflikten kommt, die dann eben z.B. in eine Durchsetzungsinitiative münden.
  • Diktatorverhalten: Dieser Ausdruck stammt nicht von mir, sondern von Vester: Die Macht, das System zu verändern und der Glaube, es durchschaut zu haben, führt zu einem für komplexe Systeme ungeeigneten Verhalten (Durchsetzungsinitiative).

Im Klartext: Es ist höchst unwahrscheinlich, dass uns Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern in Zukunft je wieder durchdachte, schlüssige und einfach zu beurteilende Initiativen vorgelegt werden. Leider!

PS: Herzlichen Dank an Franz Adam, Chef des Amtes für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich (AWEL), der mich auf das Buch „Neuland des Denkens“ von Friedrich Vester aufmerksam gemacht hat. (Jean-Marc Hensch)

08-25-einreichung-kisten

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bild: Aline Trede, alinetrede.ch

Wünsch dir was!

Ein erneuertes Parlament, ein frisch gewählter Bundesrat und ein neues Jahr sind für mich Anlass genug, um ein paar Erwartungen unserer Branche an die Politik zu formulieren. Nun denn: Aus meiner Sicht wünscht sich die ICT-Branche

  • Einen Nationalrat, dessen oberster Ehrgeiz nicht darin besteht, den Schweizer Bauern möglichst 90 Prozent des Bundeshaushalts zu überlassen. Der sich also primär mit den Zukunftsfragen befasst, die für das ganze Land und die Mehrheit der Bevölkerung relevant sind. Mit anderen Worten: Weniger Ballenberg.
  • Einen Ständerat, der sich nicht als Ansammlung von Individualisten versteht, die sich je ihrem individuellen Gärtchen (oder Kantönli) widmen; der sich bewusst ist, dass mit „chambre de reflexion“ nicht Selbstbespiegelung gemeint ist. Kurz: Weniger Schrebergarten-Denken.
  • Einen Bundesrat, der als Kollegium oder auch individuell Führungsstärke zeigt und eigene Meinungen prägnant äussert, der sich nicht von einer Entourage herumdirigieren lässt, für die Journalisten und Demoskopen das Mass aller Dinge sind. Anders formuliert: Weniger Windfahnen.
  • Eine Bundesverwaltung, welche Unternehmen nicht primär als kriminelle Organisationen betrachtet, denen man jegliche Entscheidungsfreiheit wegregulieren muss, da Firmen ja doch nicht in der Lage sind, politisch korrekt zu handeln. Und denen es sowieso nur darum geht, Geld zu verdienen (pfui!). Also: Weniger Überheblichkeit!
  • Ein Bundesgericht, für das die Rechtsprechung nicht primär juristisches Mikromanagement ist, sondern das sich dessen bewusst ist, dass Urteile eines Höchstgerichts auch eine (staats)politische Aussenwirkung haben. Deshalb: Weniger Elfenbeinturm!
  • Bundesbetriebe, welche die monopolistisch angefressenen Geldreserven nicht dazu missbrauchen, um unter Berufung auf den freien Wettbewerb in allen möglichen Branchen privatwirtschaftliche Unternehmen zu unterbieten, an die Wand zu drücken oder zu schlucken. Kurz: Weniger über den Hag fressen!
Nun ist es natürlich etwas billig, nur von anderen etwas zu verlangen. Daher habe ich mir auch überlegt, wie denn eine Wunschliste an die Adresse der ICT-Wirtschaft aussehen würde. So erhoffe ich mir zum Beispiel:
  • ICT-Firmen, welche eine langfristige Vision haben, die ihnen erlaubt, bei aller Kurzfristigkeit des Tagesgeschäftes in die Aus- und Weiterbildung der eigenen Leute zu investieren, statt sich als Durchlauferhitzer für Humankapital zu verstehen. Kurz: Mehr Weitsicht!
  • Unternehmen, welche sich personell und finanziell in branchenweite Initiativen einbringen, die sich nicht schon morgen, sondern vielleicht erst übermorgen in der Erfolgsrechnung niederschlagen werden. Also: Mehr Engagement!
  • Manager in internationalen Konzernen, die sich noch mehr auf die Hinterbeine stellen und nicht grad einknicken, wenn zentrale Stabsstellen im Ausland Weisungen erlassen, die in der Schweiz unpraktikabel oder sozial verpönt sind. Daher: Mehr Zivilcourage!

Und nun erwarte ich von den Lesern, welche weiter oben am lautesten geklatscht haben, dass sie sich auch meine Ausführungen weiter unten zu Herzen nehmen. In diesem Sinne, wenn auch etwas verspätet: Es guets Nöis!

2016 calculator desk

2016 calculator desk

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bild: Fotolia

Wahltag

„Bundesrat ist ein massiv überschätzter Job, auch wenn es in diesen Tagen nicht den Eindruck macht.

In einer ersten Phase – sehr viel früher – wirfst du deine persönlichen Überzeugungen über Bord, um im Verlauf der Jahre in deiner Partei weiter zu kommen und in ein Amt vorgeschlagen zu werden.

Dann biederst du dich an Stammtischen und Standaktionen bei Menschen an, mit denen du sonst nie ein Wort wechseln würdest, in der vagen Hoffnung, sie würden an der Parlamentswahl teilnehmen, für die richtige Partei stimmen und deinen Namen möglichst nicht streichen.

Später sprichst du mit Feuer über Themen, die dich keinen Deut interessieren, aber dir von der Fraktion zugewiesen wurden. Du vertrittst Anträge, die du intern hinter verschlossener Tür im Brustton der Überzeugung bekämpft hattest.

Du lässt dich von besserwisserischen Journalisten zu Themen befragen, von denen sie (und du) keine Ahnung haben, die aber doch nett schreiben, weil sie ein Foto deines Schlafzimmers (inkl. kunstvoll drapiertem Teddybär) abdrucken dürfen, was wiederum deine Frau in Rage bringt.

Dann schwörst du heilige Schwüre, die Parteiraison durch alle Böden zu verteidigen, um als Kandidat aufs begehrte Bundesratsticket zu kommen. Du denkst natürlich keine Sekunde daran, dich daran zu halten.

Im Hearing der anderen Parteien dann schwörst du wieder heilige Schwüre, und zwar dass du als Bundesrat keinesfalls der Stallorder der eigenen Partei folgen werdest, denn dein einziges Ziel sei‚ ‚alle Schweizerinnen und Schweizer zu vertreten‘. Was natürlich nicht deine Absicht ist, aber gut tönt.

Und bist du erst mal Bundesrat geworden, so wirst du feststellen, dass du von den Hofschranzen deines Generalsekretariats und der Agenda derart erbarmungslos dominiert wirst, dass du sowieso keinen klaren Gedanken mehr fassen kannst.

Bei Gott, wieso sollte man da je auf die Idee kommen, Bundesrat zu werden?

In diesem Sinn nehme ich die Wahl an!“

Bundeshaus Flickr

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bild: Jean-Marc Hensch (c) 2015

Was Tesla und Plastiksäckli gemeinsam haben

Eine grosse Tageszeitung wagte es kürzlich, in einem Artikel die Umweltfreundlichkeit des Tesla in Zweifel zu ziehen. Er wies auf verschiedene Probleme im Zusammenhang mit Elektromobilität im Allgemeinen und diesem Produkt im Besonderen hin. Sofort ergoss sich eine Flut von negativen Leserkommentaren (bis dato mehr als 500) über die Redaktion, von vielfältigen und regen Unmutsäusserungen auf den sozialen Medien begleitet.

Der Tenor: Es ist unstatthaft, Elektromobilität und Tesla zu kritisieren, weil sie „Heilsbringer“ sind und man einfach daran „glauben“ muss. Den Habitués dieser Kolumne, die hier eine typisch Hensch’sche Überspitzung sehen, muss ich leider sagen: Diese Worte – und andere aus dem religiösen Bereich – kamen im Diskurs mehrfach vor.

Ich nehme mich des Themas nicht deshalb an, weil ich den Tesla so weltbewegend finde. Mir geht es um das allgemeine Phänomen, dass immer wieder Produkte und Verhaltensweisen auftauchen, die uns umweltfreundlich scheinen, es aber nicht sind. Und dass man – wenn man dies aufzeigt – stets zur Antwort erhält, diese objektiven Gründe seien nicht so wichtig, vielmehr käme es darauf an, ein Zeichen zu setzen. Oder, noch schlimmer, „kein falsches Zeichen“ zu setzen. Insofern hätte ich auch über Plastiksäckli schreiben können statt über Tesla.

Aber was sind denn nun, wenn man das Ganze aus der Distanz anschaut, die für mich wichtigen Punkte?

Die Rohstoffproblematik ist nicht auch nur annähernd im Griff. Tatsache ist, dass Elektromobilität auf seltene Metalle angewiesen ist und dass die Entsorgung noch in keiner Art und Weise so geregelt ist, dass nicht nur Stahl und Aluminium, sondern eben auch die neuen technischen Metalle erfasst werden. Die entsprechenden Schwierigkeiten haben wir im Rahmen von Swico Recycling ausgiebig untersuchen lassen.

Unser Strommix ist zudem bei weitem nicht so klimaschonend, wie es die Produktionsbilanz übers Jahr erscheinen lässt. Der in der Schweiz verbrauchte Strommix (und nur das zählt hier) ist deutlich CO2-belasteter als der in unserem Land insgesamt produzierte. Der Grund: Im Winter sind wir für unseren Stromkonsum massiv auf Kohlestrom-Importe aus dem Ausland angewiesen.

Elektromobilität wird heute mit „gutem Gewissen“ gleichgestellt und sorgt dafür, dass das Mobilitätsverhalten nicht hinterfragt werden muss. Dank gutem Gewissen kann man gut in der Pampa leben, wo das Einfamilienhaus eine deutlich schlechtere Energie- und Umweltbilanz aufweist als die Stadtwohnung, woran auch Minergie Eco Green Plus Ultra Mega nichts ändern kann.

Wie im zuerst erwähnten Artikel ausgeführt, schneidet ein sparsamer Benziner per Saldo bezüglich Umweltbelastung besser ab als ein Tesla. Ich vertiefe das hier nicht.

Tesla ist ein Spassauto, das nicht nach Nützlichkeitskriterien entwickelt wurde. Es ist als Statussymbol gedacht, um gleichzeitig mit wirtschaftlicher Potenz und Umweltbewusstsein zu protzen. Tesla kann keine Fahrzeuge substituieren, die wir benötigen, um im Transportbereich volkswirtschaftliche Wertschöpfung zu generieren. Deshalb haben Haushalte mit Tesla bezeichnenderweise meist noch weitere Motorfahrzeuge in der Garage. So gesehen ist die These nicht von der Hand zu weisen, dass jeder zusätzliche Tesla auf der Strasse mehr Verkehr und zusätzliche Umweltbelastung generiert.

Zum Schluss noch eine Prise Polemik: Natürlich ist meine Stichprobe vielleicht verzerrt, doch einige dieser Tesla-Apostel kenne ich persönlich und sie entsprechen folgendem Strickmuster: Einfamilienhaus im Grünen, gut verdienend und die Frau fährt einen Zweitwagen (Smart!). Sie finden Tesla fahren einfach nur geil (die Beschleunigung!) – und so gut für die Umwelt. Sie alle halten mich für ein Umweltschwein, das die Welt direkt in die Katastrophe führt. Zwar haben meine Frau und ich seit Jahr und Tag kein Auto mehr. Aber dass ich den Tesla nicht für anbetungswürdig halte und es laut sage, empfinden sie als ausgemachten ökologischen Skandal. Obwohl ich doch kaum je Plastiksäckli benütze…

IMG_0081 (2)

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch. Bild: Jean-Marc Hensch (c) 2015